1807
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Ihr Wunschzettel.
Bon B. Her w i.
Nachdruck verboten.
„Hier, Anita, hier hast du noch die letzten Dijonrosen ans dem Garten, du liebst sie ja so sehr. . . . stecke sie dir an die Jacke... so . . und die Weintrauben, die lege ich in dein Reisetäschchen, im Koffer wirst du auch noch allerlei vorfinden; nun ist's aber Zeit, mache dich fertig, Kind, ich bringe dich zur Bahn, der Wagen wird gleich vorfahren . . . Hast du schon allen Adieu gesagt . . . Papa auch?"
„Ich habe ein paarmal an Papas Tür geklopft, er studiert aber wohl gerade eine Rolle, da hat er mich nicht gehört, grüße ihn sehr, liebe Mama, ich danke ihm auch noch für die Schokolade. . . und Fritzchen schläft, ich habe ihn aber vorher schon abgeküßt, ach, ich habe ihn so lieb, Mama, so lieb . . ."
„Tu gutes Kind!"
Frau Elma Dornberg drückte das schlanke Mädchen immer wieder und wieder ans Herz. „Und grüße mir Fräulein Hartmann, dein Pensionsmütterchen, und sage ihr, daß ich sehr zufrieden mit dir bin. Du hast schöne Fortschritte gemacht, na — nnd Weihnachten kommst du natürlich wieder, schreibe nur zur Zeit deinen Wunschzettel, hörst du!"
„Meinen Wunschzettel."
Tas Mädchen sah die Mutter, die noch so schöne, junge Mutter, ganz seltsam an.
Dann faßte es sich ein Herz:
„Ich weiß heute schon alles, was ich mir wünsche, Mama!"
„Aha, sieh nur das Anitachen! Gewiß solch weiße Pelzjacke, wie Lucie Fuchs sie hat, oder am Ende eine Uhr, eine kleine, goldene Uhr . . . ja?"
Anita schüttelte das dunkle Köpfchen, aus dem die brauner:, schwärmerischen Augen unter der schmalen Stirn hervorleuchteten.
„Nein, es ist ganz was anderes, aber ich . . . ich kann es dir nicht sagen ... Du selbst, Mutter, mußt es erraten, mußt es fühlen ... Du allein kannst es nur, und du allein kannst mir nur meinen Wunsch erfüllen. . ."
„So ist es diesmal etwas sehr Großes?"
„Nein, Mutter —"
Tie Augen wurden feucht und sahen — wie in die Ferne — dabei so hoffnungslos.
„Nein, Mutter, es ist eigentlich gar nichts Großes, eigentlich etwas ganz Gewöhnliches, nur ich, ich habe es nicht, und ich sehne mich so danach — "
„Schreibe es mir also jedenfalls, mein Kind — schreibe."
Tie Frau hörte den Schritt des Gatten, sie flog ihm entgegen, um ihm — bevor er sie ausgesprochen, etwaige Wünsche zu erfüllen.
„Hat dich das Kind gestört, Maximilian, es wollte dir Lebewohl sagen . . . hat man dir den Kaffee gebracht? . .. Für das Theater ist bereits alles besorgt . . ."
„Du bist so erregt, Elma," tönte die sonore Stimme „hochrot bist du im Gesicht, es kleidet dich nicht. . . bleib' dir hier, laß das Mädchen mit Anita zur Bahn fahren . . . ich habe dich ohnehin zu sprechen... Ta. . lies. . ein Gastspielantrag an die Burg ... so . . . sage deiner Mutter Lebewohl, auf Wiedersehn, ma petite!"
Tie große, weiße Hand winkte einen letzten Abschiedsgruß ...
Anita nestelte an ihren Rosen.
„Laß dich nicht stören, Warna," sagte sie. . . „Bleib nur hier ... ich weiß ja alles, bin ja schon so oft gefahren, nur noch einen Kuß, einen einzigen."
Sie hing am Halse der Mutter.
Ter Portier meldete den Wagen und nahm das Gepäck aus dem Korridor. . .
Dörnberg hatte die Köchin schon instruiert, sie stand zur Begleitung da . . .
Frau Elma seufzte, sprach aber kein Wort mehr. . . sie brachte ihr Töchterchen bis zur Tür — die Treppen hinab — das Coups rollte davon — bis zur Ecke schaute das kleine, pikante Mädchenköpfchen noch aus dem Fenster heraus.
„Du bist zerstreut, Frauchen," tadelte ein Weilchen später der berühmte Schauspieler, der in seinem prachtvollen Ar- beitszimmer am Schreibtisch saß und der Gattin den ehrenvollen Wiener Brief vorgelesen hatte. Sein Ideal war erfüllt, an die Burg war er berufen. . . Ruhm und Gold ioinkte ihm von erster Stelle ... er war erregt, exaltiert — und vor ihm saß sein Weib, an tausend andere Tinge denkend — oder — was für ihn noch schlimmer war — an das eine denkend, was ihre Seele mehr ausfüllte, als er ahnte —
Selbstvorwürfe peinigten die Frau —
Bei dem unruhigen, wandervollen Leben, das sie in den ersten Jahren mit Dörnberg geführt, war es notwendig gewesen, das wilde, verivöhnte, kleine Geschöpf in sichere Hut zu geben, — später wurde es auf Wunsch des Stiefvaters, der in egoistischer Art seine Frau für sich allein, ohne viele Nebeninteressen haben wollte, in der guten Pension gelassen.
Den vergangenen Winter hatte das Ehepaar im Orient verbracht, da mußte Anita sogar Weihnachten fern bleiben, die einzige unter allen Pensionärinnen.
Damals hatte sie an die Mutter geschrieben:
„Ich will cs ja gern ertragen, wenn ich nur die Aussicht hätte, bald ganz heim zu kommen. Oktober bin ich mit dem Pensum fertig, was soll ich dann noch bei Fräulein Hartmann?"
Und „abwarten" ivar die Antwort der Mutter gewesen. „Abwarten!"
Sie hatte jede Energie verloren, einen festen Entschluß zu fassen, sie sah nur nrit den Augen ihres Mannes, sei» Wille leitete sie. r—i _
So ging auch diesmal die Zeit dahim
Ter späte, sonnige Herbst ivar vorüber.
Die letzten Ranken des dunkelroten Weines waren vom'


