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dort nicht verkehrten, fobtoß wir niemals Konflikt mit Corps- lcuten hatten. .
Ich selbst bin nur einmal in Berührung mit solchen gekommen. Ich tstaf mit einem Sachsen Borussen, E. Gießer Starkenburger, auf neutralem Boden (wir waren beide bei Verwandten des letzteren eiugchaden) zusammen. Wir unterhielten uns über die Gießer Verhältnisse zwischen dem S. C. und unserer Germania. Tabei erzählte ich ihm, daß mein Bundesbruder B. K. mit einem Teutonenen Sch. im letzten Semester ein Rekontre gehabt, bei welchem der letztere sich auf Ehrenwort verpflichtet hatte, mit B. K. loszugehen. Trotzdem habe sich, Sch. geweigert, fern Wort einzulösen. Tie Rhenanen standen mit den Gießener Teutonen und Freund E. hatte nichts' Eiligeres zu tun, als meine Behauptung den Rhenanen zu hinterbringen. Eines Tages erschien auf meiner Bude ein Student mit blau-weiß-rotem Band, stellte sich als Senior! Ser Rhenanen vor, fragte ob es richtig sei, daß ich jene Aeußerung getan, und nachdem ich dies bejaht, werter, ob ich Satisfaktion gebe. Ich erklärte ihm, daß ich jeder,Zcrt bereit fei, die Wahrheit meiner Behauptung mit der Wan^ zu verteidigen. Er werde sich aber leicht von der Richtigkeit überzeugen können, wenii er bei der Teutonia anfrage. Er, der Rhenane, verabschiedete sich mit der Bemerkung, daß ich von ihm hören Werbe. Ich habe aber nie wieder von ihm gehört. Die Sache hatte eoen ihre Richtigkeit. Es stellte sich heraus, dast die Teutonia ihrem Mitglied Sch. das Duell verboten und das von ihm gegebene Ehrenwort annulliert hatte. Dabei hatte sich Sch. beruhigt. Mit meinem Freund Hase dilutierte ich öfter die Duell frage. In Jena paukten die Burschenschaften lustig unter sich Und Hase vertrat die heute allgemein unter den D. &; Burschenschaften bestehende Einrichtung der Bestimmungsmensur. Eines Abends sppach er wieder davon, wie den Mensur Anforderungen an den Mut des Einzelnen stelle, denen sich mancher aus Mangel dieser Eigenschaft gern entzöge. Ich bekämpfte diese Behauptung als. lächerlich. Wie gehöre denn Mut dazu, fttt) der Gefahr einer Schnittwunde auszusetzen, da jeder ^Mensch schlimmere Verletzungen davongetragen habe. Das bischen schmerz könne doch dem Ehrgefühl des Einzelnen gegenüber gar nicht in Betracht kommen. Tas Wime jeder sagen, meinte er, bis es einmal darauf ankomme. Acrgerlich entblößte ich die Brust und fugte, er möge nur einmal bineinschneideir.
Geschwind nahm er ein auf dem Tisch liegendes Messer und schnitt mir durch "die Brust. Dias geschah natürlich in der Bierlaüne und cs tat ihm alsbald leid. Ich lachte ihn aus und verbot mir nur für die Folge die Belehrungen über den Mut, beit die Mensur voraussetze. Tie Verletzung war übrigens keine starke, dazu war das Messer zu stumpf. Sie blutete stark, aber Heftpflaster genügte zur Heilung. Die Narbe ist aber natürlich heute noch sichtbar. Freund Hase suchte und fand bald Ge- legenheit, seine Mensurlust zu befriedigen. Tie Lache wurde ebenso heimlich mrtriert wie ausgeführt. Wir erfuhren erst davon, als er nach mehrtägiger Abwesenheit mit einem riesigen Durchzieher auf der linken Wange erschien. .
Wir blieben mit unseren Burschenschaften, m, lebhafter Korrespondenz und unsere Freundschaft trug dazu bei, die Annäherungsbestrebungen der Gießener und Jenenser Germania zu unterstützen.
Von unserer Trinkfestigkeit gaben wir Schwanen einen glänzenden Beweis, als uns die Gießener Kneipe einen Bierzettel von 54 Ganzen zusaudte. Wir kamen diesem an einem Kneipabend nicht nur nach, sondern tranken der Gießener Kneipe eben» soviele Ganze vor. Wir waren allerdings den Gießenern gegenüber insofern im Vorteil, als die badischen Schoppen um cm Viertel kleiner waren als die Gießener, ferner war das Baer nicht so schwer und bildete einen größeren Feldwebel. Auch fingen wir früher an nnb hörten später auf. Doch war es im Ganzen eine respektable Leistung und jedenfalls meinerseits bte größte, deren ich mich während meiner Studentenzeit rühmen konnte. Wir hörten zu den Pandekten, um 8 Uhr vormittags Zr vrl- prozeß bei Re nund (früher in Gießen) und ich bei dem Men Mit ter maier, bei welchem schon mem Vater, gehört Hatte, ein einWndiger publice gelesenes Kolleg: ®tn 1 eitun g in das französische Recht. Wenn der über -Luebz'.giahrige eintrat erhob sich ein Getrampel von 250 Paar Beinen, daß das Haus bebte. Auf dem Katheder begann der alte, weißhaarige Mann mit erhobenen Händen: „Meine Herren, meine lieben jungen Herren, bedenken Sie doch, daß ich ein alter Mann bm. Kaum hatte er das gesagt, begann das Getrampel von neuem. Tie Szene wiederholte sich jedesmjal. Es wurde mir getagt, der alte Herr würde es sehr übel nehmen, wenn einmal die Ovation unterlasseil oder nur weniger stürmisch dargebracht würde. Nachdem die Wogen des Beifallssturms sich geglättet, hielt er drei" Viertelstunden stehend mit weithin verständlicher Stimme, ohne zu stocken oder sich zu wiederholen, seine fesselnden Vorträge.
Aus der ersten Vorlesung ist mir die interessante Mitteilung in Erinnerung geblieben, daß seit den 5 0 Fahren des Bestehens des Code Napoleon sich bis dahin etwa 4 0 000 schwere Streitfragen neben unzähligen leichteren ergeben hätten.
Bei Professor Röder (SttafrechtslehrI), der ein prachtvoll gelegenes Haus am Neckar gegenüber dem Lch,loste besaß und em Studienfreund meines Vaters war, verkehrte ich m der Familie. Ich lernte dort den Prinzen Rudolfvon Thurn und Taxis kennen, der ein Mensch war, tote ein anderer auch.
Mit Professor von R e u ch l i n -Meldegg, einem älteren Herrn, traf ich öfter bei einer befreundeten Dame zum Bostou-- Spiel zusammen. Man sagte von ihm, daß er seit Jahren genau dasselbe Heft gebe, mit den nämlichen Witzen und sonstigen Randglossen. Einmal soll ihm sogar die Bemerkung entschlüpft fein: „Hier pflege ich einen Witz zu machen." —
Nangerow lud jeden seiner Zuhörer, der ihm einen Besuch äußerhalb der Belegstunde machte, einmal zu einem opulenten Mahle ein, bei welchem der Champagner in Strömen floß. Von einem Studenten wurde erzählt, daß er bei dieser Gelegenheit sein Kvlleggeld habe heraustrinken wollen, da cs aber zur Entlassung der Gäste nicht so weit gekommen, habe er in jeder Fracktasche noch eine Flasche Champagner mitgenommen. Das kann ich aber nicht verbürgen.
Tas Kolleg besuchten wir pünktlich, selbst bann, als wir einmal von nachmittags zwei llhr bis anderen Morgen Whist gespielt hatten, sodaß wir direkt ins Kolleg gehen mußten. Tas schloß nicht aus, daß wir manchmal nach Mannheim zum Theater fuhren, und andere größere Ausflüge machten. Tie ausgiebige Gelegenheit zu Fahrten haben toir nur selten benutzt, vielmehr, so oft die Witterung es erlaubte, die Gegend zu Fuß durchstreift. Königstuhl, Neckargemünd, Neckarsteinach, Tilsborn, Hirschhorn, Neuenheim, Schießheim, Wolfsbrunnen und die da- zwischenliegenden Berge, selbstverständlich auch häufig das Schloß und die Molkenkur, waren die Ziele unserer Spaziergänge. Abends saßen ton' in unserem gemütlichen weißen Schwanen. „ J<y null hier noch bemerken, daß dieses unser Kneiplokal auch für die folgenden Semester einen Sammelpunkt auswärtiger Burschen- fchafter bildete und daß aus der dortigen losen Vereinigung wenige Semester später die Burschenschaft Alemannia hervorging. Zwischen unserer Germania und den Bonner Me- mannen hat seit jener Zeit stets ein reger Verkehr stattgefunden.
Unser gemütliches Zusammenleben erhielt für mich eine inije Unterbrechung dadurch, daß ich nach einem fröhlich verbrachten ?kbend in dec Frühe telegvaphisch an das Totenbett meines jüngeren Bruders berufen wurde. — „
Ich kann nicht umhin, hier ein merkwürdiges Ge,chehrns mitzuteilen, das sich beim Tode meines Bruders ereignete. Dieser besaß einen Mäuse- Bus s ard, den er aus dem Nest^genom- r.teit und großgezogen hatte. Tas Tier hatte feinen Standort auf einem Baum an der Grenze unseres Gartens. Es konnte sich, allerdings mit etwas verstutzten Flügeln, frei bewegen, v e r - ließ seinen Platz aber nur, wenn mein Bruder aus der Schule kam, (bann flog er ihm entgegen und setzte sich auf seine Schulter) ober ihm mit seinen Kameraden Futter braajte. ^n unserem Hofe stanb ein Nußbaum gerade vor dem Fenster der Stube, in welcher mein Bruder krank darnieder lag. In der Todesstunde flog der Vogel auf den Nußbaum und schrie jämmerlich. Er kehrte daun zivar wieder auf seinen Baum zuruck, nahm aber von der Zeit an weder Nahrung noch Trank an und etwa 14 Tage später war er spurlos verschwunden..
Ich hätte gern noch ein weiteres Semester tn HeibelberÄ studiert, es entsprach dies auch ursprünglich der Absicht merneI Baiers. Nach dem Eintritt des traurigen Ereignis,es aber ließen mich die eitern nicht wieder fort. Ich nahm zu Ostern Abschied von meinen Kameraden und der herrlichen Musenstadt und bezog wieder die Ludovicicma.
(Fortsetzung folgt.)
VeNMisHLes.
* Ein deutscher Klassiker als Tierfreund. Von Jean Paul (Friedrich Richter) wird erzählt, daß er sich mit allerlei Getier umgeben habe, und daß die Gesellschaft solcher Schoßkinder ihm zum Bedürfnis geworden sei. Ein Lieblingspudel begleitete ihn aus allen seinen Ausgängen und durfte nirgends, wo er Besuch machte, zurückgewiesen werden, nach dem Grundsatz: _ ~rer mich gern hat, muß auch meinen Hund mögen. Die von »hm gehaltenen Vögel spazierten nicht selten auf dem Papier herum, auf welchem er eben schrieb. Dann wartete er geduldig mit gehobener Feder und schrieb nicht eher weiter, als bis sie ihm Platz gemacht hatten. Ein zahmes Eichhörnchen hatte aus des Dichters Spaziergangen außerhalb der Stadt seinen beständigen Platz auf dessen Schulter. Eines Tages, als er in dem Haufe emes freundes bei der Taufe von dessen Kind Pate stehen sollte, hatte er vergessen, sein Eichhörnchen zu Hause zu lassen,, und so sah er sich genötigt es in seine Rocktasche zu stecken, wo er es mühsam mit der linken Hand in Ruhe zu halten suchte wahrend er mit der rechten Hand nnb Arm den Tansling hielt.
* Mobilmachung der Schulkinder zum Vo- a e l s ch u tz Der Erziehimgsrat des Kantons Luzern hat an die Lehrerschaft der Primär-, Sekundär- und Mittelschulen folgendes Kreisschreiben erlasseii: „In letzter Zeit ist an verschiedenen Orten hiesigen Kantons die Beobachtung gemacht worden, daß in ziemlich großem Maßstabe Bogel-


