Ausgabe 
2.8.1907
 
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Du lügst!" schrie sie verzweifelt auf, und dann noch ein- mal:Tu lügst!"

Statt aller Antwort sah er sie schweigend und traurig an. Da schlug sie aufweinend die Hände vors Gesicht. Das war es also! Darum sah Beltlingen vorhin so froh und zufrieden aus, war er so unbesorgt, als sie von der Scheidung sprach. Freilich kannte er sie genugsam, um zu wissen, daß dies auch in ihren Augen eine unzerreißbare Kette war, die sie jetzt an­einander band. Ein leises Stöhnen entrang sich ihren blut­losen Lippen.

Laß mich allein", tönte es endlich abgerissen zu Uchdorf hin. Da beugte er sich langsam abschiednehmend zu ihr nieder.

Lebe wohl, Dagmar," sprach er zärtlich,und vergiß nie, daß du keinen treueren und ergebeneren Freund hast als mich. Hörst du? Keinen treueren Freund, der dir jederzeit mit Rat und Tat beistehen wird. Willst du dessen eingedenk sein? Ver­sprichst du mir das?"

Sie sah ihn traurig an.

Ja. Und jetzt lebe wohl. Gott schütze dich."

Ein letzter, heißer Händedruck mit festen Schritten ging Uchdorf von dannen. Aber was das ihn kostete, das wußte außer ihm nur noch ber- Lenker aller Schicksale, der da Herz und Nieren prüft . . .

Langsam schritt der Rittmeister dem Schlosse zu. Und je näher er dem gastlichen Hause kam, desto unabweislicher stieg eins vor ihm auf er durfte die Geliebte nicht Wiedersehen, cs sei denn, daß sie ihn rief.

Mit tränen umflorten Augen hatte Dagmar ihm nachgeblickt. Ein müder, hoffnungsloser Ausdruck lag auf ihren Zügen, als sie sich endlich, wie besinnend, an die Stirn griff. Aber gleich ließ sie die Hände matt in den Schoß sinken. Der Kopf war ihr so lötrr und schwer. Sie schloß die Augen. Ah, nur nicht denken müssen nicht denken. . .

Und dann kam es wieder, dieses entsetzliche Angstgefühl. Mit Mühe brachte sie die kleine, silberne Pfeife an die Lippen, um Anna herbeizurufen. Dann wußte sie nichts mehr. . .

12. Kapitel.

Tie elektrischen Klingeln waren abgestcllt und die Diener­schaft glitt auf lautlosen Sohlen durch das Haus. Dagmar war schwer krank.

Wochen waren schon seit jenem Tage vergangen, !vo Anna sie bewußtlos draußen im Park gefunden hatte, und noch immer wollte keine entschiedene Wendung zur Besserung eintreten. Es Ivar, als ob die Kranke sich gegen die Genesung sträube. Matt und unfroh lag sie in den blütenweißen Kissen immer den gleichen, traurigen Ausdruck in dem rührend schmal gewordenen .Gesichtchen.

Gewissenhaft kam Beltlingen jebeit Morgen und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Stets blieb er nur wenige Minuten, was Dagmar ihm im Herzen dankte, wie sie denn auch gerecht genug war, sein geschicktes Benehmen in der immerhin schwierigen Lage anzuerkennen. Und doch atmete sie jedesmal erleichtert .auf, wenn er das Zimmer wieder verließ.

In schweigender Uebereinstimmung mieden sie es bisher, von ihrer letzten Unterredung zu sprechen, aber Dagmar dachte oft mit Bangen an den Augenblick, wo Beltlingen davon anfangen würde. Davor fürchtete sie sich geradezu, und bann es war so zwecklos. An ihren Gefühlen würde das doch nichts ändern. Sie haßte ihren Gatten nicht, nein, sie verachtete ihn. Und doch mußte sie bei ihn: bleiben um des Kindes willen.

Wohl sah sie seine ehrliche Besorgnis um ihr Befinden, aber sie schrieb das, voll Bitterkeit, nur indirekt sich zu. Schließ­lich war das ja auch einerlei. Ihr war eben alles gleichgültig. Sie konnte sich nicht einmal auf das Kind freuen. Und wie leidenschaftlich hatte sie sich sonst nach Mutterglück gesehnt!

Nach wie vor wandte sie schweigend den Kopf zur Seite, wenn Beltlingen ins Zimmer kam, und da der Arzt wiederholt eindring­lich vor jeder Erregung gewarnt hatte, wagte der Kammerherr nicht viel mit ihr zu sprechen.

Ter Juli war längst ins Land gekommen und noch immer Keigte Dagmar die gleiche Apathie, diese sonderbare Lebensunlust.

Der Professor zuckte ratlos die Achseln.

Wenn der Wille den Körper nicht unterstützt, ist nichts zu machen. Ich halte diese andauernde Apathie durchaus nicht für belanglos."

Beltlingen schritt unruhig int Zimmer auf und ab.Wenn ängstlich jede Erregung vermieden werden soll . . ." Er zuckte .die Schultern.

Durchdringend ruhten die klugen, scharfen Augen des Arztes duf seinem blassen Gesicht, den nervös zuckendert Augenlidern. .Unwillkürlich senkte der Kammerhcrr den flackernden Blick. Das

sagte dem andern genug, bestätigte ihm seine Vermutung von dem tiefen, seelischen Zerwürfnis der Gatten. Diesem Konflikt, den Dagmars müde Gleichgültigkeit ihm auch angedeutet hatte.

Bei dem ausgesprochen religiösen Empfinden Ihrer Frau Gemahlin wäre sie vielleicht den Ratschlägen eines Geist­lichen zugänglich?"

Zögernd hielt der Professor inne.

Beltlingen schnellte herum. Sein eben noch so sorgendes Ge­sicht sah ordentlich erleichtert aus.

Den Gedanken hat Ihnen der Himmel angegeben, bester Professor! Ich werde noch heute den Pastor Müller holen lassen."

Im Grunde seines Herzens war es dem Baron unsagbar pein­lich, den Geistlichen einen derartigen Einblick in seine Familien­verhältnisse tun zu lassen. Aber was half das? Einstweilen war es die Hauptsache, Dagmar aus ihrer Lethargie zu reißen. Velt- lingen hob entschlossen den Kopf. Mochte Müller fein Heil versuchen.

(Fortsetzung folgt.)

Aus der SLttdenienZcik. Er uuerungen eines alten Gießeners. (Fortsetzung.) V.

Heidelberg.

Im Oktober 1854 'bezog ich die Universität Heidelberg, um Vangerow zu hören.

Dort gab es damals keine Burschenschaft. Die vier Korps: S a ch s e n - B o r n s f e n, V a n d a l e n, R h e n a n e n u. S ch w a- b e n beherrschten ohne Konkurrenz das studentische Couleurleben.

Wir hatten der Jenenser Germania mitgeteilt, daß ich das Wintersemester in Heidelberg studieren würde, und erhielten dagegen die Nachricht, daß von ihnen Victor Hase, der Sohn des berühmten Theologen Karl von Hase in Jena, dorthin kommen würde. Bangerows Pandekten-Kolleg war von über 800 Zu­hörern besucht und vergeblich sah ich mich in der ersten Vorlesung nach demjenigen um, der etwa der erwartete Germane sein könnte. Ich lernte zunächst bettPandektenmarsch" kennen, nach dem Rythmus--... taktfest von 6 0 0 Füßen

getrampelt. Er ging bei dem Erscheinen der stattlichen Gestalt des berühmten Lehrers in einen Wirbel über, bis jener glücklich ,auf dem Katheder gelandet war. Mir war eine derartige Be­willkommnung der Professoren völlig neu. Ich gewöhnte mich aber bald daran. Vangerow las vott 9 bis 11 Uhr, dann nach einstündiger Pause von 12 bis 1 Uhr. Es wurde gesagt, daß er die Pause benutze, um zu einem guten Frühstück eine Flasche Champagner zu leeren. Seine Mittel erlaubten ihm das. Tas Kolleg brachte ihm 9000 Gulden ein. Ter damals 45 jährige bedurfte auch einer Stärkung, nachdem er beinahe zwei Stunden, stehend, in formvollendeter Sprache, bis zu der letzten Bank und auf der Tribüne Wort für Wort verständlich, vorgetragen. Er sprach ruhig und klar, sodaß man das Wesentliche unschwer nachschreibeu konnte, und wiederholte geduldig den Satz, wenn einer oder der andere der Zuhörer mit dem Fuße scharrte. Das war Bei IHering ganz anders.

Beide sprachen frei, aber ein ordentliches Heft konnte man bei Jhering nicht schreiben. Dieser fesselte beit Hörer durch feinen lebhaften geistvollen Vortrag. Er nahm die ganze Auf- merksamkeit des Hörers in Anspruch, wenn dieser ihm folgen 1 trollte. Tafür gab aber Jhering stets Beispiele ans dem Leben und zeigte an ihnen die feinen Unterschiede.

Vangcrvws Vortrag ersetzte das Lehrbuch. Jhering suchte uns klar zu machen, was in dem Lehrbuch stand. Was'Vangerow gesagt, konnte mau nachlesen,beim was mo.it schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen". Das Meiste von dem, was uns Jheriug vertrug, mußte man dagegen im Kopfe behalten. Für Schüler mit rascher Auffassungs­gabe und gutem Gedächtnis Tratte es keinen besseren Lehrer geben wie Jhering. Für durchschnittlich Begabte bildete das Ban- gerowsche Heft einen Schatz für das häusliche Studium.

Ich kehre zur ersten Vorlesung zurück. In der Pause holte ich mein schwarz-rot-grünes Band, und siehe da, zwei Bänke von mir entfernt sah ich auf der Brust "eines stattlichen blondgelockten Jünglings das schwarz-rot-goldene Band mit weißer Umfassung der Jenenser Germanen.. Wir begrüßten uns alsbald und sind von da an fast täglich zusammengewesen. Zu uns' gesellten sich ztvei Burschenschafter aus Marburg, Mitglieder der Saxonia, und ein Göttinger, später noch drei Alemannen von Bonn, bis auf einen lauter Jünger der Themis.

Zu unserer Stammkneipe wählten wir den weißen Schwanen, ganz in der Nähe des Universitätsgebäudes, und haben dort die meisten Wende des Wintersemesters in zwang­losem gefälligem Vereine verbracht. Es gab da ein vorzügliches/ nicht zu schweres Bier, das im Hause gebraut wurde. Wir nannten uns die Schwanen, den Besitzer den O b e r s ch w a it und die Mädchen, die uns bedienen durften, die Schwanen­jungfrauen. Wir hatten die Annehmlichkeit, daß die Corps