Ausgabe 
2.8.1907
 
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Areitag den 2. Zugust

1807 Ar. 113

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Junken unter der Asche.

Roman von M. Proßnitz (M. Nörcnberg).

Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

(Fortsetzung.)

Ein stilles Leuchten glomm allmählich in ihrem blassen Ge­sichtchen empor. Schöne und lichte Bilder waren es, welche die geschäftige Phantasie ihr vor die Seele zauberte. Sinnend lag Dagmar da und baute Luftschlösser, dichtete das Märchen vom Glück!

Fühlte sie sich doch schon jetzt dadurch, daß sie Veltlingen vou ihrem unwiderruflichen Entschluß der Trennung gesprochen hatte, frei. Frei in dem Sinne, ihre Gedanken dort weilen zu lassen was' sie sonst als eine Unehrlichkeit angesehen haben würde bei Uchdorf.

Und je länger sie sein gedachte, destomehr ward sie sich jenes Gefühles bewußt, dessen Vorhandensein sie bisher voll ehr­licher Ueberzeugung abstritt.

Sie gab sich in diesem Augenblick gar keine Rechenschaft, ob Uchdorf ihr Empfinden auch erwidere. Willenlos überließ sie sich der Leidenschaft, die mit unheimlicher Gewalt in ihr emporloderte, denn klar und deutlich stand es auf einmal vor ihrer Seele:

Sie hatte Uchdorf stets geliebt, auch damals noch, als sw sich Veltlingen zu eigen gab, mit der ehrlichen Absicht, ihm eine treue Gattin zu werden."

Mer sie suhlte weder Schreck noch Scham bei dieser Ent­deckung. Woher konnte sie es wissen, daß die Liebe sie lächelte toeid) ja, die Liebe zu Uchdorf wie ein Funke unter der Asche verborgen war? Dieser Funke, den erst der Sturm der Entrüstung Aber Wettlingen wieder zu Heller Flamme emporschlagen ließ. ,

Sie war so vertieft in ihre Gedanken, daß es sie nicht im mindesten überraschte, als der, dem ihr Sinnen galt, plötzlich hinter der Wegbiegung hervortrat.

Desto erschrockener war der Rittmeister, als er Dagmar so unerwartet vor sich sah. Ihn hatten die scherzenden Bemerkungen, die der Herzog dem Kammerherrn eben im Rauchzimmer machte, unsagbar erregt. In diesem Augenblick bar jedes selbstsüchtigen Gedankens, stand nur eins riesengroß vor ihm:

Würde Dagmar sich zu dem Kind freuen? Würde das ihrem Leben den Inhalt, die dauernde Befriedigung geben, die sie haben mußte, wenn sie nicht an der Seite dieses Mannes verkommen sollte. Dieses Mannes, dessen Charakter ihr doch unmöglich auf die Dauer verborgen bleiben konnte."

Einen Augenblick stockte Nchdorfs Fuß doch, als er jetzt die Geliebte vor sich sah, aber dann hatte er sich gefaßt. Mit der Bitte, sein unfreiwilliges Stören zu entschuldigen, wollte er vorübergeheu, doch sie winkte ihn lächelnd näher, immer mit dem gleichen glückseligen Gesichtsausdruck.

Wie sie sich freut", flog es ihm, in echt menschlicher Regung, bitter durch den Sinn.

Ich lasse mich von Veltlingen scheiden", sagte Dagmar plötzlich unvermittelt, es klang leise und verträumt.

Ihm war, als habe er einen Schlag erhalten. Barmherziger Himmel! War sie wahnsinnig geworden? Denn das, was sie da sagte, war ja einfach unfaßlich, entsprach doch nie und. nimmer ihren sonstigen Ansichten.

Das kann ich mir nicht denken", war alles, was er ant­wortete.

Sie nickte ruhig.

Und doch ist es so. Oder glauben Sie, ich würde mich dazu. verstehen, Gefühle zu heucheln, die ich nicht mehr empfinde?^

Sie sah ihn groß und fragend an. Sekundenlang stieg wieder der gräßliche Verdacht in ihm auf, aber als er in ihre ruhigen, ernsten Augen sah, begriff er seinen Irrtum. Ein unsägliches Mitleid quoll in ihm empor.

Man soll so schwere Entschlüsse nie kurzer Hand fassen/ meine sehr verehrte gnädige Frau. Ich hoffe. Sie verzeihen einem alten, treuen Freunde diese Antwort, die Achtung und herzliche Verehrung ihm auf die Lippen zwingen."

Ein tiefes Schweigen folgte seinen Worten. Langsam, ganzj langsam wich der frohe, glückliche Ausdruck aus Dagmars Zügen. Er sah es wohl, und es tat ihm leid. Wie grenzenlos mußt« Veltlingen sie gequält haben, wenn ihr trotz der Botschaft des Arztes, der Gedanke an die Scheidung konnnen konnte. Wort neuem sah Uchdorf zu ihr hin. Scham und Pein stritten jetzt auf ihrem blassen Antlitz. Da war er mit raschen Schritten neben ihr, sanft streichelten seine Hände ihre schlanken Finger.

Liebe Dagmar," klang es bebend zu ihr hin,du wirst doch nicht fahnenflüchtig werden? Fetz doch nicht?"

Und als sie ihn verständnislos ansah, ftihr er leise und zärt­lich fort:

Ich kenne dich doch viel zu gut. Sieh, du mußt und. du' wirst aushalten..."

Sie unterbrach ihn mit tränenerstickter Stimme: z

Tu liebst mich nicht mehr!"

Weiß Gott, daß ich dich mehr liebe als mein Leben', aber ich kenne dich viel zu gut, um nicht zu wissen, daß dich die Kehu.-- sucht verzehren würde."

Sie schüttelte den Kopf.

Ich verachte ihn." . . . ' .*!

Keins von ihnen merkte, daß sie einander duzten, daß sie sich noch immer an den Händen hielten, fo, fest umklammert hielten, als wollten sie nie und nimmer voneinander lassen. Ein süßes, zärtliches Gefühl rann' ihnen dabei durch die Adern. Sekundenlang schloß wer Mann wie betäubt die Augen. Dann richtete er sich langsam! empor. Er mußte fest bleiben um ihretwillen .'. . MU seligem Lächeln lag Dagmar da. Er sah dies Lächeln wohl und es zerriß ihm fast das Herz. :

Und was wird später aus eurem Ktnd?" Rauhundtonlos !var seine Stimme bei dieser unvermittelten Frage.

Sie sah ihn anfangs verständnislos an. Dann färbte plötz­lich ein tiefes Rot ihre ebenmäßigen Züge. ri Ein heißes Angstgefühl quoll auf einmal in ihr empor, während ihre Augen sich in schreckhaftem Staunen weiteten. Barmherziger Gott, das nicht, nein, das nicht!