131
betn Von ihm erbauten Schlosse noch Norden zu einen „Lustgarten" schassen wollte. Ter Chronist Dilich rühmt von ihm, daß darin etliche Fuder Weins und viel, herrliches Obst, auch viele exotiea wuchsen. Nach einem Reskript aus dem Jahre 1589 liest Georg I. zu den Rebenanpslanzungen und Mandelbäumen noch 400 junge Maulbeerbäume aus Italien kommen. Naturgemäß erfuhr der Garten unter den nachfolgenden Landgrafen mehrfache Veränderungen. Durch Zukauf von Privatgärten wurde er zeitweilig vergrößert, („Birngarten", „Gemüsegarten" usw.), aber später durch Anlage von Straßen, sog. Vorstädte usw. immer wieder verkleinert. Die „große Landgräfin" (Karvline von Balz-ZweibrÜcken), die Gemahlin Ludwigs IX. (1768—1790) veränderte die Gartenanlage vollends, die Fürstin ließ den Garten in einen englischen Park umwandeln. Von dem „Kuchmigarten" ist heute nur noch ein schmales Stück vorhanden, auf dem der jetzige Grobherzog eine herrlich« Orchideenanpflanzung wachsen läßt. Auch das Terrain, auf dem unter Großherzog Ludwig I. das jetzige Hoftheater erbaut wurde, gehörte früher zum Herrengarten, ebenso das Gebiet der Technischen Hochschule. Großhe^vg Ludwig I. ließ den Teich und am äußersten Nordwestende den Berg anlegen, auch den Park dem Publikum zugänglich machen. In seiner.heutigen Gestalt zieht der Park hinter bent Haftheater und Museum an der jetzigen Frankfurterstraße entlang bis zur Schloßgartenstraße in einer ungefähren Länge von 350 Meter und einer größten Breite von 20Ö Meter. Oestlich begrenzen jetzt den „Herrengarten" die Gebäude der Technischen Hochschule und weiter nordwärts der schon erwähnte Kunstgarten Ernst Ludwigs, der ehemalige „Prinz Ge- vrg's Garten", der ein kleines Landhaus birgt, das einigen vom Großherzog protegierten Künstlern als Heim- und Arbeitsstätte dient.
Dem „Herrengarten", ber' jetzt längst inmitten der Stadt liegt, ist der englische Park-Stil erfreulicherweise erhalten geblieben. Breite Wege durchziehen in abwechselungsvollen Linien den Park. Hohe Baumgruppen umvahmen die unregelmäßigen Rasenflächen. Ungefähr in der Mitte der westlichen Hälfte des Gartens ist die Teichanlage mit einer baumbestandenen Insel. Im Sommer gleiten hier weiße Schwäne leise durch das sonnendurchflutete Gewässer, auf der blumenduftenden Wiese gackern weiße in nd bunte Enten und über dem Wege drüben auf einem'Sand- stlatze unter den hohen, jahrhuuderte alten Rüstern spielen Kinder ihre u nschuldsvvllen Spiele. . . . Und in dieses Idyll will man jetzt das geräuschvolle, poesielose Getriebe eines modernen Kaffeehauses tragen! Bon der „Eremitage", die sich die „große Landgräfin" vor der Südwestecke des jetzigen Teiches errichtet hatte, ist nichts mehr zu sehen. Hier soll übrigens die Landgräfin Karvline mit Goethe eine Begegnung gehabt haben. Diese Freundin Wielands und Herders liegt mehr am Eingänge zum Park (vom Theater her) begraben. Friedrich der Große sagte von ihr „femina sexa, ingenio vir." Bor dem Berge im Park steht das Denkmal zum Gedächtnis der in den napoleonischen Feldzügen gefallenen Hessen-Darmstädter. Weiter befinden sich im Herrengarten das Goethe-Denkmal und der Gedenkstein des „Prinzeßchen", des so jäh verstorbenen Kindes des jetzigen Großherzogs.
, Nun soll — wohl als Denkmal der modernsten Entwicklung ein Kasfehaus den englischen Park regieren! Mau kann da schon die stille und laute Erregung über das Projekt in der Darmstädter Bürgerschaft begreifen, wenn man bedenkt, was der Herrengarten für Groß IN nd Klein der Einwohnerschaft bedeutet. Der greise Landgraf Ludwig VIII. erließ einst eine Verordnung gegen den Genuß von Kaffee. Es wäre ein hübscher Treppemvitz der Geschichte, wenn des Landgrafen Nachkomme, Großherzog Ernst Ludwig jetzt einem Kaffeehause auf seinem Besitztum Platz geben wollte. Natürlich haben sich nn das Projekt noch die verschiedensten Pläne geknüpft. Was an diesen Kombinationen richtig ist, läßt sich nicht feststellen. Sollte aber tatsächlich beim Großherzog die Absicht bestehen, den zum Volkspark gewordenen Herrengarten auszuheben und zu veräußern, bann hätte die Verwaltung de r Stadt Darmstadt die vornehmste Pflicht, hier als erster und stärkster Käufer aufzutreteu, damit den Einwohnern eine Erholungsstätte inmitten der Stadt erhalten bleibt, die ihnen nicht nur historisch lieb und teuer geworben ist, sondern auch von Arm und Reich als landschaftliche Zierde wertgeschätzt wird.
Zur Arage der körperlichen Krtüchtigung der deutschen Jugend.
Von E. von S ch e n ck e n b o r f f, M. d. A.
Wer wollte, dank dem einmütigen Zusammenwirken von Staat, Gemeinde und Lehrerschaft, verkennen, daß in unserem heutigen Schul- und Erziehungswesen ein frisches inneres Leben, und zwar mit dem Ziele erwacht ist, den Gesetzen der natürlichen Entwicklung des Kindes, wie den sich immer mehr steigernden Anforderungen des Lebens Rechnung zu tragen. Dies rege Leben erstreckt sich auch auf das mehr und mehr zur Anerkennung und Würdigung gelangende GebietkräftigerkörperlicherEnt- Wickelung. Was nützten auch dem in das Leben tretenden jungen Menschen alle hohe Bildung, alles Wissen und Können, alle geistige Ausrüstung, wenn ihm nicht auch ein gesunder, widerstandsfähiger, woniöglich geschulter Körper mit ins Leben gegeben würde. Denn nur frisch pulsierendes körperliches
Leben gibt in der Welt, in der wir sind und wirken, aller geistigen Betätigung Kraft, Widerstand und Nachdruck. So wird im Januarheft einer einflußreichen Zeitschrift für das höhere Schulwesen unter Hinweis auf die vom Kaiser 1890 einberufene Schnlkon- ferenz, die die dritte Turnstunde geschaffen hatte, geschrieben: „Daß wir eine Turnstunde mehr aus dem Wochenplane haben ist nicht das Ausschlaggebende . . ., viel wichtiger ist es, daß durch den Ausbau des Faches die Körperpflegeim öffentlichen Urteil eine erheblich höhere Wertung erfahren hat." Gewiß! Denn rechnet man hinzu, daß neben der aktiven Körperpflege die mannigfachsten schulhygienischen Einrichtungen und viele Verbefferungen der Lehrer- niethoden zur Erleichterung des Auffasfens und Lernens u. a. hinzugetreten sind, so wird man diese Fortschritte im Hinblick auf die- gedeihliche Entwickelung der deutschen Jugend durchaus dankbar anerkennen müssen.
Eine andere Frage bleibt es, ob mit dem vorerwähnten Ausbau des Faches der aktiven Körperpflege selbst das hinreichende Maß des für die körperliche Entwicklung Notwendigen schon erreicht ist. Das muß umsomehr in Frage kommen, als neben den hier in den Vordergrund gestellten höheren Lehranstalten, die numerisch nur das kleinste Gebiet des gesamten Schulwesens ausniachen, die großen Gebiete des Mittel- und Volksschulwesens bestehen, bei denen die alte Stundenzahl zwei Wocyen- stunden noch beibehalten ist, ja bei welchen für die jüngeren Altersklassen und für weite Kreise der Mädchenklassen eine Zeit für Pflege der Leibesübungen in den Lehrplan überhaupt noch n i ch t a u f g e n o m m e n i st. Viele Eltern, Lehrer, Aerzte, zahlreiche Gemeindebehörden und große Schichten der Bevölkerung verneinen jene Frage unbedingt. Schon die unvermeidlichen Schul- schäden des gezwungenen Sitzens bei meist gebückter Haltung, wodurch die inneren Organe zusammengepfercht werden, nicht nur gelegentlich, sondern durch das ganze Schulleben hindurch; die vorwiegend einseitige Kopfanstrengung und die dadurch zuruckgedrängte Betätigung der Willenskraft, sowie das lange Zubringen in geschlossenen, oft schlecht ventilierten Räumen, — das sind in den Jahren der stärksten Entwickelung gesundheitschäbliche Eingriffe von solch erheblichem Umfange, daß die Schule die Aufgabe nicht abweisen kann, durch hinreichende aktive Körperübungen diese gesundheitlichen Schäden zum mindesten wieder auszugleichen. Dazu kommt noch, daß unsere schnelleb ende Zeit mit ihrer kraftausreibenden Tätigkeit und die Erhaltung der vaterländischen Wehrkraft die dringendste Mahnung an die Schule richten, jene Schulschäden nicht allein auszugleichen, sondern darüber hinaus mit ihren Maßnahmen auch dafür zu sorgen, daß dem Leben eine starke u.nd körperlich geschulte Jugend zugeführt werde. Es dürften daher zwei oder drei wöchentliche Turnstunden für diese Zwecke durchaus unzureichend sein.
Aus diesen Erwägungen heraus hat der Zentral-Ausschuß für Volks- und Jugendspiele in Deutschland, in Anlehnung an diese weit im Volk verbreiteten Anschauungen, vor einigen Jahren das Ziel ausgestellt, für das einzelne Schulkind aller Altersklassen, ob Knabe, ob Mädchen, in jeder Woche, das ganze Jahr hindurch, schulseitig neben dem Turnunterrichte, und zwar als Erweiterung desselben, e i n e n N a ch m i t t a g f ü r L e i b e s- Übungen in freier Lust einzuführen, und ihn auch ftei- zuhalten von häuslichen Schularbeiten. Für diese Forderung hat sich der Name „Spielnachmittag" eingeführt. (S. das treffliche Werk „Spielnachmittage" von Hofrat Professor Raydt, Teubners Verlag, Leipzig 1905.) Auf den öffentlichen Versammlungen des Zentral-Ausschusses, 1904 in Quedlinburg und 1905 in Frankfurt a. M., ist diese Forderung eingehend erörtert und von den zahlreich erschienenen Kongreßbesuchern so gut wie einmütig angenommen worden. Den deutschen Unterrichtsverwaltungen und Städten ist dann eine bezügliche, motivierte Eingabe mit der Bitte unterbreitet worden, diesen Bestrebungen förderlich zu sein. Jnztvischen ist auf diesem Gebiete ein reges Leben erwacht; eine Reihe deutscher Staatenwnb viele Gemeinden sind dieser Frage praktisch näher getreten. Der preußische Kultusminister Dr. von Stndt erwiderte im Abgeordnetenhause auf meine Anregung, er erkenne es durchaus au, daß auch nach anderer Richtung hin als nach dem Turnen eine Erweiterung der Leibesübungen ein- 'treten müsse, und er gab der Hoffnung Ausdruck, hierfür auch die erforderliche Zeit im Stundenplan freiniachen zu können. Das württembergische Ministerium ist auf der Grundlage eines umfassenden Planes schon in die Arbeit selbst eingetreten; die Kultusministerien in Bayern, Sachsen u. a. Staaten bringen bieten Bestrebungen warmes Interesse entgegen; die deutsche Turnlehrerschaft begrüßte durch ihren ersten Vorsitzenden, Turnmspektor Boettcher, diesen Plan in der deutschen Turnzeitung mit großer Sympathie; ja im Braunschweigs,chen bestehen obligatoritche Spieluachmittage an den 12 höheren Lehranstalten schon feit mehr als 30 Jahren. Bei der Durchführung dieser Ideen zeigen sich, je mehr man ihnen praktisch näher treten will, hier und da noch Mißverständniste. Das ist ebenso erklärlich, wie im Hin- blick darauf, baß damit frisches Leben in die Entwicklung dieser Ideen getragen wird, auch hocherftenlich. Es dürfte daher willkommen fein, wenn ich, als ehemaliger Referent auf dem Frankfurter Kongresse, die für die Durchführung gedachten Grundsätze des Zentral-Ansschnsses in einigen Hauptpunkten darlege.


