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Mw der — entschuldigen Sie den seltsam klingenden Ausdruck — Instinkt einer Frau viel schneller auf den Grund kommt als die Kombinationsgabe des Mannes. Es gibt weibliche Wesen, die in der Beziehung selbst den geriebensten Detektive übertreffen."
Das junge Mädchen schüttelte den Kopf, aber sie kam nicht mehr dazu, etwas zu erwidern, denn in diesem Augenblick betrat ein älterer Herr mit hagerem, glatt rasiertem Gesicht das Arbeitszimmer des Redakteurs.
„Sie sind beschäftigt, Mr. Comstock?"
„Nicht so dringend, lieber Carter, daß ich nicht anhören könnte, was Sie mir neues bringen. — Erlauben Sie mir, Miß Barrymore, Ihnen Mr. Henry Carter, den geschicktesten Reporter des „Morniug Telegraph" vorzustcllen."
Der also Gerühmte verbeugte sich artig, aber er machte ein verdrießliches Gesicht.
„Habe in diesem Augenblick gar keinen Anlaß, mir sonderlich viel auf meine Geschicklichkeit einzubilden, Mr. Comstock. — Seit zwei Tagen setze ich Himmel und Erde in Bewegung, um das Material zu einem sensationellen Artikel über den Fall Garnett zusammen zu bringen. Aber ich bin heute noch so klug wie in der ersten Stunde. Die alte Miß Garnett läßt sich nicht sprechen. Ihr Neffe hätte mich beinahe hinausgeworfen. —■ Dr. Chilton weiß vorc nichts anderem zu reden als von der Wunderkur, die er an der azlten Dame zustande gebracht, und alle anderen wissen nicht mehr als ich. Wir werden die Sache wohl einstweilen auf sich beruhen lassen müssen, Mr. Comstock!"
„Schade — es war ein so vielversprechender Fall. Aber wenn selbst ein Mann von Ihrer Erfahrung nichts herauszubringen vermag — Sie kennen doch die Affäre, Miß Barrymore ?"
Margaret, die in einiger Verlegenheit auf einen schicklichen Anlaß wartete, sich zu empfehlen, schüttelte verneinend den Kopf. Dem Redakteur aber schien eine plötzliche Eingebung gekommen zu sein.
„Bitte, setzen Sie sich doch noch einen Augenblick, mein Fräulein! — Was ich Ihnen da erzählen will, wird Sie vielleicht interessieren. — Haben Sie auch den Namen der Miß Elizabeth Garnett noch nicht nennen hören?"
„Doch! — Ich glaube mich zu erinnern. — Ist es nicht die Dame, die einen großen Teil ihres Vermögens für allerlei Wohlfahrtseinrichtungen hergegeben hat?"
„Jawohl, dieselbe. Eine der verehrungswürdigsten Persönlichkeiten aus den Kreisen der oberen Zehntausend von Newyork, eine wahre Trösterin und Wohltäterin der Armen. Mit den fünfzehn oder zwanzig Millionen, die sie von ihren Eltern ererbt hatte, soll sie einst eine vielumworbene Schönheit gewesen sein. Aber sie hat es vorgezogen, unvermählt zu bleiben und ihr ganzes Leben den Werken edelster Menschenliebe zu widmen. Der Gesamtwert der Schenkungen, die sie den verschiedensten Anstalten gemacht hat, beziffert sich auf Millionen, die gewaltigen Summen ungerechnet, die sie im Lauf^ der Jahre an Hülfsbedürftige verteilt hat, ohne daß die Oeffentlichkeit etwas davon erfuhr. Man sollte wahrhaftig meinen, eine Frau von solchem Charakter könne keinen Feind haben. Und doch ist Miß Garnett nun schon zum drittenmal im Verlauf eines einzigen Jahres nur mit genauer Not dem Tode durch die Hand eines schurkischen Mörders entronnen."
„Oder einer Mörderin", ergänzte Mr. Carter. Denn mit solchen Waffen pflegt nur die bessere Hälfte der Menschhell zu arbeiten."
„Ich habe nichts davon gehört", sagte Miß Barrymore. „Ich komme so selten dazu, die Zeitungen zu lesen."
„Das ist sehr unrecht. Aber ich will Sie mit wenig Worten aufklären. Miß Garnett bewohnt ein kleines, aber prächtig eingerichtetes Haus in der vierzehntem Straße. Sie empfängt nur selten Besucher aus ihren Gesellschaftskreisen, denn die Vergnügungen der großen Welt haben für sie längst ihren Reiz verloren. Ihre Dienerschaft ist infolgedessen nicht sehr zahlreich und sie bestand bis vor kurzem nur aus Personen, die sich seit vielen Jahren als treu m-nd zuverlässig bewährt hatten. Vor . einer Reihe von Monaten nun erkrankte Miß Garnett plötzlich unter Erscheinungen, die den Verdacht einer Vergiftung nahe legen mußten. In der Tat wurde durch den in aller Eile herbeigerusenen Arzt eine solche konstatiert, und es gelang nur durch die schleunige Anwendung geeigneter Gegenmittel, die ungefähr sechzigjährige Dame am Leben zu erhalten. Damals wollte niemand daran glauben, daß es sich um einen Mordanschlag auf die allverehrte Wohltäterin der Armen geharr- delt habe, zumal niemand von ihrem Tode irgend welchen Wortell gehabt hätte. Man weiß, daß sie den größten Teil ihres Nachlasses Krankenhäusern und Armenasylen zugedacht und
seit langem dementsprechend testamentarisch verfügt hat. Ihr einziger Blutsverwandter ist der Sohn einer längst verstorbenen Schwester, ein junger Mann, der von seinen Eltern her und durch die Teilhaberschaft an einem angesehenen Handelshause über sehr beträchtliches eigenes Vermögen verfügt. Sein Verhältnis zu der Tante ist das aillerbeste, und es wäre Wahnwitz gewesen, bei ihm irgend welches Interesse an dem Ableben der Miß Garnett vorauszusetzen. Die nach der ersten Vergiftung auf sein Betreiben eingeleitete Untersuchung verlief also ohne jedes Ergebnis und Miß Garnett selbst war überzeugt, daß sie nur das Opfer irgend eines unglücklichen Zufalls gewesen sei. Kaum drei Monate später aber wiederholte sich die rätselhafte Erkrankung und wieder hing das Leben der würdigen Dame tagelang nur an einem seidenen Faden. Alle zu Rate gezogenen ärztlichen Autoritäten stimmten darin überein, daß eine Vergiftung vorläge, wenn auch ihre Ansichten über die Natur des Giftes auseiuandergingen. Jetzt hegte man keinen Zweifel mehr, daß eilte Person in Miß Garnetts nächster Umgebung von dem verbrecherischen Wimsche erfüllt sei, die alte Dame aus der Welt zu schaffen, und die Untersuchung wurde diesmal von den geschicktesten Detektives geführt. Es wurde festgestellt, daß Miß Garnett sei drei Tagen vor ihrer Erkrankung nichts Festes oder Flüssiges zu sich genommen hatte, was nicht in ihrer eigenen Küche bereitet worden war und da außer ihr im Hause alles gesund geblieben war, mußte man wohl oder übel annehmen, daß das Gift von ruchloser Hand einer für sie bestimmten Speise oder einem Gettäuk unmittelbar vor dem Genüsse zugesetzt worden sei. Eine Köchin und eine Kammerjungfer wurden vorübergehend in Haft genommen, mußten aber bald wieder freigelassen werden, da sich nickst die geringsten Beweise für ihre Schuld erbringen ließen i«nd da es außerdem an jedem Motiv fehlte, bas sie zur Begehung des Verbrechens hätte bestimmen können. Auf Verlangen ihres Neffen entschloß sich Miß Garnett jedoch, ihre gesamte Dienerschaft zu entlassen und durch andere gut empfohlene Personen zu ersetzen. Man hätte danach in irr Tat glauben sollen, daß sie künftig gegen derartige schändliche Anschläge geschützt sei. Vor fünf oder sechs Tagen aber mußte der Nesse abermals die Anzeige von einem gegen seine Tante unternommenen Vergiftungsversuch erstatten, und dieses neueste Vorkommnis erscheint noch viel unerklärlicher als die voraufgegangenen Attentate. Auch die Erkrankung soll diesmal noch um vieles schwerer gewesen sein als in den früheren Fallen. Die bedeutendsten Newyorker Aerzte, die an das Krankenbett der Millionärin gerufen worden waren, hatten sie bereits aus- gegeben, und der junge Doktor Laurence Chilton, Miß Garnetts Hausarzt, mag sich in der Tat etwas darauf einbilden, daß es ihm gelungen ist, dfurch seine energische, von den anderen Autoritäten keineswegs gebilligte Behandlung das Leben der Patientin dennoch zu erhalten. Die Sache wird natürlich jetzt, wo Miß Garnett außer Gefahr ist, wiederum das Nachspiel einer gerichtlichen Untersuchung haben, und wir wollen hoffen, daß es kriminalistischem Spürsinn endlich gelingt, den Urheber ober die Urheberin dieser heimtückischen Mordversuche zu entdecken. Die Pflicht der Presse aber ist es, die Detektives nicht nur zu unterstützen, sondern ihnen, wenn möglich zuvorzukommen, teils int Interesse der Allgemeinheit, zum guten Teil aber auch im eigenen Interesse. Ein Blatt, das durch die Findigkeit seiner Organe das über dem Fall Garnett schwebende Dunkel aufzuhellen vermöchte, würde damit beim Publikum natürlich einen Riesenerfolg haben und für eine Weile alle seine Konkurrenten überflügeln. Ahnen Sie jetzt vielleicht. Miß Barrymore, warum ich Ihnen den Fall so ausführlich erzählt habe?"
Nach dem, was vor Mr. Carters Erscheinen zwischen Ihnen gesprochen worden war, hätte Margaret allerdings von sehr langsamen Begriffen sein müssen, wenn sie es nicht geahnt hätte.
„Sie glauben doch nicht, Mr. Comstock, daß ich Ihnen behülslich sein könnte — —" (Fortsetzung folgt.)
Dom Darmstädter Kerrevgarten. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.").
Darmstadt, 1. März.
Eilt geschäftskundiger Casstier hat (wie wir schon kurz mitteilten) dem Großherzoglichen Kabinett einen Plan unterbreitet zur Errichtung eines Kaffeehauses im Grvßherzoglichen Herrengarten. Das einstöckige Gebäude mit etwa 30 Meder Front soll ca. 50000 Mark kosten. Für die Genehmigung wurde das Haus nach dreißigjähriger Bewirtschaftung in den Besitz des Großherzogs übergehen. Ms Archllett wird Professor Olbrich genannt.
Der „Herrengarten" hat eine alte Geschichte. Seine ursprüngliche Mtlage stammt vvm Landgrafen Georg I. (~H 1596), der hinter


