Ausgabe 
2.3.1907
 
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Der Jass KarneLt.

Novelle von Reinhold Ortmann.

Nachdruck verboten..

1. Kapitel.

*

Miß Margaret Barrymore?"

Bejahend neigte die Gefragte den blonden Kopf. Sic war ersichtlich sehr befangen, denn eine feine Röte stieg ihr ins Ge­sicht, als sie die kalten grauen Augen des Redakteurs forschend auf sich gerichtet sah, und ihr Blick suchte den Boden. Zögernd nur ließ sie sich nieder, als ihr Mr. Frank Comstock mit der jedem Amerikaner gewissermaßen angeborenen Zuvorkommenheit gegen das zarte Geschlecht einen der großen Ledersessel anbot.

Sie hatten die Freundlichkeit, uns vor mehreren Tagen einige kleine schriftstellerische Arbeiten für das Feuilleton desMorning Telegraph" einzusenden. Ich habe sie mit Interesse gelesen, aber ich bedaure lebhaft. Ihnen trotzdem keinen günstigen Be­scheid geben zu können. Die Skizzen zeugen zwar von einer treff­lichen Beobachtungsgabe, aber sie sind in der Form leider zu dilettantisch, als daß sie zur Veröffentlichung in einer großen Tageszeitung geeignet waren. So leid es mir tut, muß ich Ihnen darum die Manuskripte mit bestem Dank zurückgcben."

Gr überreichte der hübschen jungen Dame das schmächtige Päckchen zierlich beschriebener Blätter, und es war ihm anzusehen, daß sein Bedauern ein aufrichtiges war. Gewiß würde er sich gefreut haben, wenn er imstande gewesen wäre, ein beglücktes Lächeln auf diesem allerliebsten, feinen Antlitz hervorzuzaubern. Aber er war ein aufrichtiger Mann, der es nicht liebte, aus purer Höflichkeit nach verlogenen Vorwänden zu suchen. Und als Miß Barrymore all ihren Mut zusammcnraffte, um zu fragen, ob sie vielleicht gelegentlich mit einer anderen Arbeit den Versuch wieder­holen dürfe, hielt er es für seine Pflicht, offen heraus zu sagen:

Wenn Ihnen daran liegt, eine ehrliche Antwort zu erhalten, so rate ich Ihnen davon ab, zumal wenn Sie die Absicht haben sollten, aus der Schriftstellerei einen Broterwerb zu machen."

Das war allerdings meine Hoffnung. Ich bin darauf an­gewiesen, mir meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, und ich glaubte--"

Sie glaubten, es würde sich am leichtesten mit der Feder machen lassen. Aber Sie waren da in einem großen Irrtum, mein verehrtes Fräulein! Selbst für viel stärkere Talente, als es das Ihrige zu sein scheint, ist das ein sehr dornenvoller Weg voll der schmerzlichsten Fehlschläge und Enttäuschungen. In jedem anderen weiblichen Berufe werden Sie wahrscheinlich viel schneller dahingelangen, sich eine behagliche Existenz zu schaffen als in dem Beruf einer Schriftstellerin."

Margaret Barrymore blickte in tiefer Niedergeschlagenheit vor sich hin.

Ich habe ja während der letzten sechs Monate schon die ver­schiedensten Versuche gemacht, aber nichts wollte mir gelingen. Das Angebot von Arbeitskräften ist auf allen Gebieten so groß, und ich habe wohl nicht genug gekernt, um es mit der Mehrzahl der Mitbewerberinnen austtehmen zu können."

Mr. Comstocks Offenheit, in der sich ganz unverkennbar eine wirkliche Teilnahme kundgab, hatte ersichtlich ihr Vertrauen ge­wonnen, da sie ihm so freimütig von ihren getäuschten Hoff­nungen sprach Und sie empfand es darum auch nicht als eine verletzende Neugier, da er nach einer kleinen Panse fragte:

Sie sind nicht für den Kampf ums Dasein erzogen worden. Miß Barrymore?"

Leider nein", erwiderte fte ohne Zögern.Mein Baker war ein sehr wohlhabender Mann, der erst wenige Wochen vor seinem Tode durch unglückliche Zufälle sein ganzes Vermögen verlor. Und er hatte wohl ebensowenig wie ich selbst jemals an die Möglichkeit gedacht, daß ich mir eines Tages mein Brot selbst, würde verdienen müssen."

Hum! Es ließe sich ja vielleicht ein Gebiet ftnden, auf dem Ihre stilistische Gewandtheit und Ihre gute Beobach­tungsgabe sich nutzbringend verwerten ließen. Aber ich kann natürlich nicht beurteilen, ob es das richtige für Sie sein würde. Denn von einer Befriedigung literarischen Ehrgeizes ist bei dieser Art von Tätigkeit keine Rebe. Und sie setzt außerdem mancherlei persönliche Eigenschaften voraus, über die nur wenige junge Damen verfügen: zum Beispiel: Mut, Schlagfertigkeit, natürliches Taktgefühl und immer bereite Geistesgegenwart."

Verwundert hatte Miß Margaret die braunen Augen zu dem Sprechenden erhoben, und ein Ausdruck lebhafter Spannung war in ihren Zügen.

Was für eine Tätigkeit wäre das, Mr. Comstock? Ich ahne wirklich nicht, was Sie meinen."

Haben Sie noch nie von weiblichen Reportern gehört« von Damen, deren Beruf es ist, interessante Neuigkeiten für die Tageszeitungen auszuforschen?"

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf, sichtlich enttäuscht über die erhaltene Auskunft.

Nein! Ich meinte, das sei nur ein Beruf für Männer, und obendrein keiner von den ehrenvollsten Berufen."

Das war ein sehr wenig zutreffendes Urteil, mein Fräulein! Unsere Reporter sind in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht nur sehr tüchtige, sondern auch sehr ehrenwerte Leute, die sich ihrer großen Verantwortlichkeit vollkommen bewußt find und die sich keiner Täuschung darüber hingebeu, daß sie nicht nur inbezug auf Findigkeit und Gewandtheit, sondern auch inbezug auf Wahr­haftigkeit und Zuverlässigkeit hochgestellten Anforderungen genügen müssen, um ihre Stellung zu behaupten. Die Allgemeinheit ist gar manchenr dieser Herren zu großem Danke verpflichtet."

Ich will es wohl glauben", sagte Miß Barrymore etwas beschämt, ,,aöer nach den Begriffen, die ich mir von der Tätigkeit eines Reporters mache, scheint es mir ganz undenkbar, daß eine Frau ein junges Mädchen imstande sein sollte, sie auszn- üben."

Für das Arbeitsgebiet eines weiblichen Reporters könnest natürlich nur ganz bestimmte Fälle in Betracht kommen. Aber die Zahl dieser Fälle ist gar nicht so klein. Und einige New- Yorker Zeitungen verfügen über einen ganzen Stab von weiblichen Hülfskräften, die sich in den schwierigsten Situationen glänzend bewährt haben. Es gibt eben viele Dinge, denen der Scharfsinn