Ausgabe 
2.2.1907
 
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M

Kindemugen.

<Bei bem Grasen Scherrentin, der sich neuerding? einen photograpbischen Apparat beigelegt hatte und alles, was ihm in den Weg lief, vor sein Stativ zwang, hatte er ein Bild bei jungen Landrätm gestohlen, das den Glanzpunkt aller Aufnahmen bildete unb' der Stolz des kleinen Offiziers war. Er schimpfte auch weidlich, als er sein Fehlen bemerkte, und verdächtigte alle seine Kameraden des Diebstahls, nur Tressen­berg nicht. Der war ja kalt wie 'ne Hundeschnauze gegen diese anerkannte Schönheit. Dabei saß er oft lange vor dem Bilde und starrte es nichts weniger als kalt an. Hanna, m ihrem weißen Tennisanzug, lehnte, ihr Rakett in der lässig herabhängenden Hand, schlank und licht gegen den dunklen Stamm eines Baumes und blickte den Beschauer an nut der offenen, lachenden Unbefangenheit eines Kindes, das vom frohen Spiel ein Weilchen 'ausruht. Es war wirklich ein aut gelungenes Bild. Joachim preßte seine Lippen auf das leblose, kühle, glatte Abbild der vergötterten Frau und rief sie mit den zärtlichsten iSchmeichelnamen.

Und wie Sohn schien's ihm, daß ihre Äugen immer

Gott, mußte der äußerlich so kalte Freiherr Wen können..! Sie ahnte die Glut hinter seiner Kälte.

3iun war sie es, die ein Zusammensein mit dem jungen ! Offizier suchte. Sie ging täglich auf den Tennisplatz, be­zaubernd anzusehen in dem weißen Flanellkleide und der kokett I auf das Rothaar gedrückten weißen Tellermütze. Aber Joachim I von Tressen berg war nur selten für das im Vorjahr von ihm so geliebte Spiel zu haben. Er arbeitete jetzt, er gedachte sich ganz allmählich vorzubereiten zur Kriegsakademie, Er lernte Russisch. Zweimal in der Woche kraxelte er in einer der elendesten Stadtgegenden eine unmögliche Treppe herauf | zu der Wohnung eines Mannes, der jahrelang in Rußland Hauslehrer gewesen war und sich durch die romantische Ent­führung der Tochter des adligen Hauses, in dem er^ unter» richtete, ins größte Elend gebracht hatte. Gräßliche Stunden verbrachte Joachim in der stickigen, von Küchendunst und schlechtem Tabaksdust durchzogenen Luft des Hofzimmers. Er ekelte sich schon, wenn die schlampige, noch junge Fran in der Haltung einer verkappten Fürstin und mit dem Blick einer Dirne ihm die Tür öffnete. Er ahnte den Sumpf in ihr, die Sünde. Der Mann ging noch an. Zwar hatte er den Größenwahn, nannte sich ein .verkanntes Genie", dem ein widriges Schicksal die Professorenstelle an einer Universität vorenthalten hatte und leistete sich demokratische Ausfälle, aber Joachim sah nur darauf, daß er etwas bei ihm lernte. Was dabei unterlief, nahm er mit zusammengebissenen Zähnen , in Kauf. ES ging nicht anders, er kam billiger, wenn er ! den Mann aussuchte. Und er wollte vorwärts kommen. Ein > Fieber hatte ihn gepackt. Bei der Jrülffahrsbesichtigung waren seine Rekruten die besten gewesen. Er galt allgemein für einen tüchtigen Offizier.

.Mag er als Mensch sein, wie er will, im Dienst ist nichts an ihm zu tadeln I" sagten feine Vorgesetzten. Dabei war keiner mit so viel Widerstreben Soldat, wie er: sein Leben log auch darin.

Er lächelte bitter über die Anerkennung, die ihm wurde. Aber nun drängte doch sein Ehrgeiz noch einmal ans Tages­licht, flackerte hell aus. Er hungerte, er versagte sich jeden Genuß, um sich die nötigen Bücher zg.verschaffen, die Stunden bezahlen zu können. -Bis in die schwülen, duftenden Sommer­nächte hinein saß er am Schreibtisch und arbeitete, bis er umsiel vor Müdigkeit und oft erst halb entkleidet auf sein Bett sank und einschlief.

So entfloh er den Gedanken, die ihn beständig verfolgten. Aber es gab noch Stunden genug in seinem Leben, die ihn macht- und wehrlos seiner Leidenschaft unterliegen sahen. Es war dann nicht eine Ader in ihm, die nicht brannte vor Sehnsucht nach dem Weib eines anderen. Gleich einem Vam­pyr hatte diese wahnsinnige Liebe sich an ihn heran geschlichen und trank sei!, Herzblut. Hannas zorniges Schmollen traf ihn tiefer, als sie wußte. Er dürstete nach einem Lächeln ihrer roten Lippen, einem Aufleuchten der märchenhaft großen

und wies nach der Tür.

.Schert euch alle Beide zum Teufel!" brüllte er, sich mit den Händen in den grauen Haarschopf fahrend,ich habe genug von der Sache, ich will nichts mehr hören, verstanden- Solche Liebesgeschichten sind Weibersache, macht's alleine

So endete Märgas Versuch, sich ein Glück zu erkämpfen. Sie war mit gelähmten Schwingen in den Staub gesunken. Ganz matt, völlig mutlos blieb sie da liegen. Alles um sie war finster, nirgends ein Hoffuungsstern.

(Forisebung folgt.)

Der Hclederganst des Mannes.

(Ein Warnruf.)

Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem." Ein Mann! Welch stolzes Wort! Gibt es ein anderes noch, mit dem sich so knapp iittb klar eine Reihe kraftvoller und sympathischer Vorstellungen verbindet? Ein Mann, stark, ruhig, besonnen, zielbewußt, ein Hort der Seinen, ein Schrecken der Gegner. ein Mann, ernst in der Auffassung des Lebens und doch leichten Fußes bei Spiel und Tanz ein Mann, hart wie Grämt und doch weichen Herzens, wenn die Liebe daran rührt. , rY¥1 _

Gibt es überhaupt solche Männer? Gibt es« noch Männer, die hocherhobenen Hauptes im Bewußtsein ihrer Krait und doch in der Bescheidenheit, die dieses Beimißtsein so ost begleitet, unter uns wandln? $anT! noch finden wir Männer unter uns., Leider aber müssen wir bei näherer, Prüfung der kulturelles Entwicklung uns sagen, das; das Prinzip der Mannhaftigkeit Des^Mmm^Ev^liche Kraft, die Entsattnng sestEWut^, seiner u nbeugsamen Energie und seiner Kältblütigkeit gegenüb.

mit demselben grausam unbefangenen Lächeln in seine ver« zweifelten flehenden starrten.

XIII.

In Loßwitz hatte es unterdes, ohne daß er etwas davon erfuhr, einen Riefenkrach gegeben. Hanna hatte die Freundin zur Entscheidung gedrängt uiid Marga war eines Tages mutig vor die Eltern getreten und hatte von ihnen ihr Recht be­gehrt, das Recht der erwachsenen Tochter, sieh ihr Lebensglück nach eigenem Wunsche zu wählen.

Die sonst so kalte, gemessene Freifrau hatte geradezu geschäumt vor Wut; wären ihre Blicke Dolchspitzen gewesen, Marga wäre in den ersten Sekunden schon tot hingesunken. So stand sie wie eine Statue, regungslos, schneebleich >m Gesicht und ließ den Redestroin der empörten Mutter über sich ergehen.

Die Freifrau sparte nicht mit verletzenden Ausdrücken. Danach war Marga das undankbarste, schlechteste, hinterlistigste Geschöpf auf der Welt.

Geh doch meinetwegen zu deiner sauberen, rothaarigen Freundin, die dich wahrscheinlich gegen die Eltern aiifgehetzt hat, aber über die Schwelle von Loßwitz setzt du dann fernen Fuß mehr, das sage ich dir, so lange ich hier noch ein Wort mitznreden habe."

Der Freiherr versuchte einzulenken, aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. i

Gib dem ungeratenen Dinge auch noch Rechts Georg Werner," höhnte sie,das wäre ja noch schöner. Sag' ihr nur gleich alles, die großen Vorteile dieser Heirat, daß Ire keine Mitgift braucht so ein Glück. Schließlich vertröstest du sie noch, daß sie bald Witwe wird und dann herrlich und in Freuden leben kann. Sie denkt vielleicht selbst schon

I so weit."

I Ein Wehlaut brach von MargaS Lippe».

Mutter!" schrie sie dann auf,Muttert" als riefe sie eine fremde Person,kannst d>i so hart gegen dem Kind sein?" , . .

Sobald es den Gehorsam verweigert, ist es mein sttno nicht mehr."

In dem Gesicht der Freifrau zeigte sich fein weicher I Zug, aber der Freiherr war empor gefahren. Vielleicht war sein Herz doch noch nicht ganz verhärtet und er verbarg seine Rührung unter auskochendem Grimm. Jedenfalls war er auf seine Fra>i in dem Moment ganz ebenso ivütend, als diese es auf Marga war. Er reckte seine hohe, kraftvolle Gestalt