Ausgabe 
2.2.1907
 
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Ker^chsttleöen, die lügen.

Roman vcn £>, E h v Hardt, Verfasserin vonMittellose Mädchen"

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

An demselben Abend bekam Hanna Gerhardt noch einen Brief von ihreni Onkel. Sic lachte Tränen über den Brief. Es war auch komisch.

Er schrieb wie ein schwärmerischer Primaner die verrücktesten Pläne kramte er aus.

Ter Schlußresrain aber kantete bei allen: Hanna sollte ihnt helfen.

Ter Landrat ivar zuerst gegen jede Einmischung in diese heikle Geschichte, aber Hanna wußte ihn umzustimmen. Sic sprach nur noch in den mitleidigsten Tonen von den Beiden.

Der Giw.e Onkel Ernst! So lange hat er nur für seine Verwandter! gelebt und soll nun sein eigenes Glück nicht haben dürfen."

Und von Marga, mit der sie in eifrigem Brieswechsel stand, meldete sie:

Sie fühlt sich so elend, so verlassen sie verkommt ganz in diesem Loßwitz sie wird häßlich werben und eine alte Jungfer werden, Denke dir, wenn un8 das passiert rväre, wenn ivir un9 nicht hätten haben können."

Dieser lehte Himveis entwaffnete den Landrat.

Ter Gedanke, wie unglücklich er geworden wäre, wenn er Hanna nicht errungen hätte, erregte nun doch sein ehr­liches Mitleid mit den beiden Liebenden. So gab er nach und lies; seiner Frau völlig freie Hand.

Tie zog zuerst Joachim in8 Vertrauen. Der junge Offizier war starr vor Schreck. Er sah sich der heißgeliebten Fran wieder um ein Stück näher gebracht, wenn diese Heirat sich verwirklichte. TaS entsetzte ihn. Er wollte nicht. Seit dem Pferdeverkauf standen sie sich innerlich schon viel zu nahe. Er empfand das als Pein. Er fühlte sich gedemütigt vor der Frau, die er anbetete, vor dem arglosen Landrat, der in bet sonnigen Stimmung glücklicher Menschen seine Abneigung gegen den Freiherrn vergaß und liebenswürdig mit ihm redete.

So tat er etwas Ungeheuerliches, er widersetzte sich aufs Entschiedenste der von Hanna so protegierten Heirat.

Ich bin ganz unb gar dagegen, gnädige Frau, zum ersten Male auf Seiten meiner Ettern. Ihr Herr Onkel ist ein alter Mann *

.Aber Marga liebt ihn."

Sie wird nicht sterben daran. Sie ivird sich trösten und einen anderen heiraten."

Ja, richtig, ich vergaß ganz, daß Sie nicht an Liebe glauben."

Hanna war empört über seinen Widerstand. Er wollte nur nicht gemeinsam mit ihr handeln sie merkte es recht gut. Sie war wütend auf ihn.

Wenn er anwesend war, sah sie über ihn hinweg, kaum, daß sie ihm gegenüber die formellste Höflichkeit wahrte. Er lächelte spöttisch dazu, wie über ein ungezogenes, schmollen­des Kind.

DaS brachte sie noch mehr auf. Ein wilder Trotz, bet Eigensinn der verwöhnten Frau erwachte verstärkt in ihr.

Sie wollte ihn haben. Nichts anderes hatte jetzt Reiz für ihr übersättigtes Gemüt. Immer sah sie das zärtliche Leuchten seiner Augen, mit dem er sich an jenem Ballabend bei Roessels Isas Antlitz entgegen geneigt hatte. Sie suchte es seitdem vergeblich in dem harten Stahlglanz seines hoch­mütigen Blickes.

Ihre Blacht sollte es wieder entzünden, aber viel inten­siver, glühender gleich lodernden Flammenbränden mußte es ihr entgegenschlagen und dann würde sie kühl unb spöttisch lächeln. Wie sic sich darauf freute! Es dauerte ihr jetzt viel zu lange. Sie verzehrte sich in zitternder Ungeduld. Sie wurde nervös, reizbar fiebrig. Zu nichts hatte sie mehr Lust. Der Landrat beunruhigte sich ernstlich darüber. Er riet endlich zum Arzt, aber Hanna sträubte sich eigen­sinnig.

Mir fehlt nichts, ich bin kerngesund."

Und zum Beweis dafür nahm sie den verblüfften Mcmn, wirbelte ihn im Zimmer umher, bis er atemlos in einen Sessel fiel, setzte sich auf seine Knie unb ließ sich von ihm liebkosen und küssen.

Tn mußt viel zärtlicher zu mir sein, das fehlt mir."

Er schüttelte den Kopf.

Mir schemts, ich habe dich zu sehr verwöhnt, Kobold, dich sticht der Hafer, wie man zu sagen pflegt!" meinte er mit komischer Tragik. Sie zauste ihm den dunklen, weichen Bart.

Na warte, du Tyrann."

Unb dann küßte sie ihn. Sie spielte Komödie. Sie wollte jetzt anfangcn, sehr zärtlich zu ihm zu fein, um ihn ganz sicher zir machen. Bis dahin hatte sie seine Liebe nur geduldet, ohne daß sie in ihrer Brust ein Echo gefunden hätte. Oskar Gerhardt.war nicht der Mann, der Hanna» raffiniertem Begehren hätte Genüge tun können.

Seine innigen, aber stets in fast ehrerbietigen Grenzen gehaltenen Liebkosungen widerten sie an wie lauwarme» Zuckerwasser. Ihr verlangte nach glühendem, leidenschaftlichem, berauschendem Trank.