Ausgabe 
2.1.1907
 
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«teilte Kräfte daran setzen, ihr eine sorglose Existenz zu schaffen."

Ter Rittmeister streckte.seine Hand über den Tisch her­über dem Jüngeren hin. Einen Moment schien auch er beweat.

Das war ein schönes Wort, Gerhardt I" meinte er ernst. Ich bin überzeugt davon, daß Sie Hanna glücklich machen werden. Die Kleine verdient's. Sie ist im Grunde recht ver­einsamt hier. Meiner Schwester fehlt jedes Verständnis für ihre überschänmende ein wenig leichtlebige Natur. Ich gebe zu, daß sie in eine starke Hand gehört, die zur rechten Zeit die Zügel ein wenig straff zu halten versteht. Sie ist sehr verwöhnt, sehr anspruchsvoll erzogen. Ich war so viel von Hause fort, daß es mir dann bet meiner Anwesenheit nicht gelingen wollte, ihrem Liebreiz gegenüber, den gestrengen Onkel und Vormund zu spielen, aber sie wird leicht zu leiten fein, sie ist so jung noch, sie wird sich gern Ihrer besseren Einsicht fügen, und so hoffe ich, daß auch Sie in dieser Ehe Ihr Glück finden werden."

Der Regierungsassessor stand auf. Er >var blaß ge­worden. Sein von zahlreichen Schmissen durchzogenes ernstes Gesicht zeigte tiefe innere Bewegung.

Ich danke Ihnen, Herr Rittmeister!" sagte er mit fast feierlichem Stimmklang,tvas an mir liegt, soll geschehen, daß Sie nie zu bereiten haben, mir die Zukunft Ihrer Nichte anvertraut zu haben."

Sie schüttelten sich noch einmal die Hände. Dann ging der Rittmeister, sichtlich erleichtert durch den Abschluß der feierlichen Szene, zum Schreibtisch und drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel.

Sie sollen nun aus Hannas eigenem Munde Ihr Glück hören," sagte er erklärend. Und zu dem eintretenden Diener gewandt, befahl er ruhig:Ich lasse das junge, gnädige Fräulein bitten, sich in dengrünen Salon" zu bemühen. Melden Sie ihr Herrn Regierungsassessor Gerhardt."

Zur selben Stunde saß Hanna Kronau in einem Zimmer des oberen Stockwerks und wartete auf den Ruf nach unten. Ohne jede Ungeduld. Dazu war sie nicht verliebt genug in den Mann, dem sie sich nach reiflicher Ueberlegung zu eigen geben wollte. Oskar Gerhardt bot ihr sonst alles, was ihr eine Ehe mit ihm begehrenswert erscheinen ließ. Seine Stell­ung er mußte in kurzer Zeit Regierungsrat werden sein Reichtum, sein angenehmes Aeußere und sein liebens­würdiges Wesen versprachen seiner Frau eine bevorzugte Rolle in der Gesellschaft. Und Hanna wollte so gern eine Rolle spielen. War ihre Schönheit denn nicht dazu berechtigt?

Sie erhob sich träge aus dem bequemen Stuhl, in dem sie träumend gelegen und schritt langsam mit den graziösen Bewegungen ihres geschmeidigen Körpers durch das Gemach, das mit kostbaren Nichtigkeiten, meist Geschenken des frei­gebigen Onkels, überfüllt war. Vor dem hohen, prächtigen Eckspiegel blieb sie stehen. Gedämpft brach der Sonnenglanz durch den buntgestickten Store, gerade noch leuchtend genug, um ihrem üppigen roten Haar sprühende Funken zu entlocken.

Dieses goldrote Haar, verbunden mit der blendenden Weiße ihres Teints, hätte schon genügt, ihre Erscheinung überall auffallen zit lassen. Aber die Natur hatte sich an diesem Menschenkinde das vollendetste geleistet. Aus dem kindlichen, zart geformten Gesichtchen strahlten ein paar wlindervolle Augen, deren grünliches Licht zuweilen von rotbraunen Wim­pern verschleiert ward. Die feine gerade Nase zeigte die be­weglichen Flügel einer lebhaften Natur. Der Mund war nicht zu klein, ober entzückend geformt und wies hinter tief- roten Lippen eine Reihe spitzer weißer Zähnchen auf. Eine Kind­lichkeit und Anmut lag über ihrer schlanken Erscheinung, die ihr einen neuen unwiderstehlichen Reiz verlieh.

Sie eroberte sich alle Herzen. Das war so gewesen, so lange sie zurückdenken konnte. Dem sorglos leichtsinnigen Vater, der schönen lebenslustigen Mutter, dem ritterlichen Onkel, ihren Erzieherinnen, den Freundinnen in der vornehmen Schweizer Pension allen war sie der vergötterte Liebling gewesen. Sie hatten einen Reichtum von Gefühl an sie ver­schwendet, ohne zu merken, daß sie nichts dafür gab. Hanna

I Kronau hatte nie jemand selbstlos geliebt sie konnte es auch heute nicht. Vielleicht würde sie es nie können. Und deshalb würde sie ruhig und leidenschaftslos ihre Hand in die Oskar Gerhardts legen.

Sie blickte sich wohlgefällig im Spiegel an. Eigentlich war sie doch viel zu schade für eine simple Regierungsrats- frau. Aber hoffen und harren auf den Mann, der ihr eine Grafenkrone, die obendrein noch stark vergoldet sein mußte, bieten konnte? Warten, bis sie hinter sich flüstern hörte:Es ist die höchste Zeit, daß die Hanna Kronau unter die Haube kommt. Sie ist doch schon etwas . passse! Nein, niemals! Sie schüttelte sich förmlich.

An der Tür klopfte es jetzt. Auf ihrHerein I" erschien der alte Diener. Mit gut gespielter Unbefangenheit nahm sie seine Meldung entgegen. Aber sie antwortete nicht gleich. Es war wie ein letztes Schwanken. Der ergraute Diener räusperte sich verlegen. Da hob sie den goldflimmernden Kopf, lächelte freundlich und sagte kurz:

Ich komme sofort."

Der Diener zog sich mit einer stummen Verneigung zurück.

*

Es war Hannas Lieblingszimmer, ein im englischen Stil mit grüngebeizten Möbeln sehr bizarr eingerichteter Salon, in den der Hausherr Oskar Gerhardt geleitet hatte, um ihn dort allein zu lassen.

Der Regierungsassessor stand am Fenster und sah in den schönen Herbsttag hinaus. Von draußen klang Hundegekläff. Hannas Foxterriers jagten sich ausgelassen um . den gras­bewachsenen von Teppichbeeten unterbrochenen Vorplatz. Silberperlen blitzten aus dem tiefgrünen Rasen. Wie eine feine Staubwolke fegte der Wind aus dem hohen Strahl des Springbrunnens das sonnenüberglünzte Wasser weit über den steinernen Brunnenrand hinaus. Tiefblau leuchtete der Himmel.

Gerhardt schlug den Vorhang zurück. Noch nie war ihm ein Tag so sonnig, so glückverheißend erschienen.

Hannal"

Leise sprach er den Namen aus. Und er schloß die Augen, als blende ihn das Sonnenlicht da draußen.

Neben ihm klang das leise Rauschen eines Kleides, er wandte sich rasch herum. Dicht vor ihm stand die Erwartete. Einem Glorienscheine gleich, umkrauste die goldrote Haarpracht ihr süßes, erblaßtes Kindergesicht. Sie hielt die breiten Lider gesenkt, daß die dunklen Wimpern wie Spitzenfächer auf den zarten Wangen ruhten.

Ihm stockte der Atem. Er brachte kein Wort über die Lippen. Mit Mühe faßte er sich endlich und ihre schmale Hand ergreifend, sagte er halblaut:

Hanna, Sie wissen, warum ich hier vor Ihnen stehe, Sie müssen es wissen, lange schon." Er atmete schwer auf. Ich liebe Sie, Hanna, und ich frage Sie, ob Sie meine Frau werden wollen?"

Die Worte klangen fast nüchtern. Er fühlte es selbst. Aber Hanna verlangte nicht mehr von dem Manne, dem sie selbst kein leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte.

Sie hob langsam die rotbraunen Wimpern. In den schönen Mädchenaugen flammte momentan ein Strahl von Zärtlichkeit auf und traf das ernste Antlitz des Mannes. Er beugte sich ihr näher.

Hanna, die Antwort?"

Jal" hauchte sie kaum vernehmbar.

Da zog er die schlanke Mädchengestalt an sich und küßte sie auf den Mund. Sie erwiderte den Kuß nicht. Er nahm es für mädchenhaft scheue Zurückhaltung und es verstärkte noch seine Liebe.

Er war ein wenig Pedant und hielt jede Leidenschaft bei einer Frau für ein Gefühl, das sie erniedrigte. Jqre Liebe mußte etwas keusches haben etwas hohes, heiliges, bsls sie weit über jedes zu heiße Begehren erhob. Sie mußte ein köstliches Kleinod fein, einem einzigen geweiht, der es sein ganzes Leben sorgsam zu hüten hatte. Das zu tun, gelobte 1 sich Oskar Gerhardt in dieser Stunde.