Ausgabe 
1.6.1907
 
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volle Zukunft öffnete sich vor ihm, der bürgerliche Kausmannssohn trat mit seiner Gattin in die höchsten Kreise. Sein Geist hatte ihn aus der hausbackene» Sphäre herausgehoben.

Als er auf die Straße trat, summten tausend Mücken in seinem Ohr, er taumelte beinahe. Sie tanzten Mieder die Taran­tella auf der spanischen Treppe. Die Kleine mit der bunten Schürze und dem roten Röckchen, der er manchen Soldo hin- geworfen und manchen Kuß von den frischen Lippen geraubt, zupfte ihn am Aermel.

Signor! Signor! litt Soldo son io, Angiolina!"

Er blickte zerstreut auf das lachende braune Gesichtchen, mit den nachtschwarzen Augen.Angiolina", es klang beinahe weich aus seinem Munde, aber er sah das Mädchen kaum, und wußte kaum, was er sprach. Er griff in die Tasche und warf ein paar Goldstücke unter die Bande. Ein Knäuel schlang sich zu seinen Füßen, ein schrilles, tolles Jauchzen tönte über den Platz.

Grazia! Grazia! Signor, evviva! Jl bello sorestiere!"

Er hatte seine Füße befreit und schritt weiter hinauf, die Schar folgte ihm schreiend, und wollte nicht von ihm ablassen. Er winkte ungeduldig abwehrend mit der Hand.

Es war einsam auf dem Piucio zu dieser Stunde, unten auf dem Corso entwickelte sich heut zum letztenmal das bunte Karnevalstreiben, morgen hielt der Aschermittwoch seinen Einzug. Roderich lehnte oben an der Brüstung der Treppe. Die Stille bedrückte ihn, Gedanken kamen und gingen in seinem berauschten Gehirn, ein wirbelndes Chaos er mochte nicht denken. Heute zum letztenmal sich hineinstürzen in den sprudelnden Gischt, Heute noch ein freier Mann, ein Sieger, ein Glücklicher!

Es war der Tag des Confettiwerfens unter der Maske und in Begleitung eines Trccpps befreundeter Zechgenossen tollte Roderich im dichtesten Bolksgewühl. Immer derber wurden die Späße, immer hitziger entbrannte der Kampf, der Hagel aus den Wurfgeschossen fiel immer dichter um Köpfe und Schultern der Wehrlosen. Damentoiletten waren unrettbar verloren für die Wagehalsigen, welche den Kampfplatz betraten, die schwarzen Röcke der Unkundigen und Arglosen in Müllerkittel verwandelt.

Und jetzt wurden die Lichtlein angezündet.Moccoli! Moc- coli!" OHrbetäubend ertönten die Schreie. Jeder suchte des andern Licht auszublasen, mit allen Künsten das seine wieder anznzünden. In wunderbar geschmeidiger Behändigkeit glitten die Männlein und Weiblein durcheinander, einer den andern an Geschicklichkeit und Hurtigkeit übertreffend.Moccoli! Moccoli!"

Roderichs Licht war lange ausgeblasen, und eine schwere Müdigkeit lähmte seine Lust und seine Glieder. Er zündete es nicht wieder an. Er fand sich von seinen Begleitern ge­trennt, vom Meuschenstrom weiter getragen. Neben ihm zur Seite thronte auf hohem' Wagen die bizarr ausgestopfte Stroh­puppe, Prinz Karneval, der unter dem! Toben der Volksmenge zur Piazza del Popolo geflihrt wurde, wo das Auto da statt­finden sollte.

Jetzt war der Pincio dicht mit Menschenmassen besetzt, Feuer­garben sprühten auf und warfen ihren Funkenregen über die dunklen Banmttonen, bengalische Lichter erhellten die Alleen und übergossen mit rotem, blauem und grünem Licht alle die lachenden Gesichter an den Ballusttaden.

Tie Piazza unten wimmelte, die Feuerstöße flammten auf, die Strohpuppe verbrannte, das Volk schrie ein ohrbetäubender, sinnverwirrender Lärm, und dann war plötzlich alles still.

Die Flammen stürzten zusammen, die Lichter erloschen, die Menschenmassen zerstreuten sich. Müdigkeit, Abspannung, die Aschermittwochsstimmung folgte, und geräuschlos schlich jeder nach Haus.

Roderich warf sich in seiner Wohnung, unten an der Babuina, todmüde aufs Lager. Morgen! Morgen! Aber sein lvüstev Kopf faßte nichts weiter, er schlief einen schweren Schlaf.

Und nun war der große Morgen angebrochen der Ascher- mittwvch. Aus wirrem Traum fuhr Roderich empor. Heute! Er setzte sich aufrecht und faßte an seine Schläfen.

Wo war er gestern gewesen? Sie hatten schweren, schweren Wein getrunken, und Heute sollte er die Brant erringen.

Er kleidete sich langsam! an, es war sehr spät. Rötst war so seltsam still heute morgen, hier an der klebten Ecke hörte man kaum einen Laut. Mönche und Priester schlichen die Straße entlang, und eine verschleierte Donna in gpauent Gewände, die beichten ging. l

Ihn fröstelte, seine Hände zitterten, als er sich schmückte zur Brautwerbung.

Palazzo Ruspvli lag nur wenige Schritte entfernt, W trat hinaus, es nmr die Mittagsstunde, still und öde lag der! lpette Platz. Wie die Immaculata leuchtete im Sonnenlicht! Das

kleine Blumenmädchen an der Ecke bot ihm frische Rosen, er nahm die schönsten und zahlt sie ihr doppelt.

Dio bcnisse sua Ecccllenza!" rief das Mädchen freudig. Er schritt weiter, das Herz klopfte ihm wild. Er hatte kaum! Atem, als er im Palazza Ruspoli die Treppe hinaustieg. Wie still, wie öde war es auch hier heut.

Ha! Da hörte er hämmern, Kisten standen auf dem Flur, Gregorio, der Bildhauer oben an der Sistiua, stand neben der letzten und beaufsichtigte das Schließen derselben.

Was geht hier Vor?" Roderich war es plötzlich, als schnüre ihm jemand die Kehle zu,die russische Eccellenza"

Ist fort, Signor heute früh ist sie abgereist, wissen! Euer Gnaden das nicht?"

Roderich taumelte. Anna Kaduschda, die alte, halb taube Gesellschafterin erschien in der Tür; Roderich stürzte auf sie zu.

Dieser wahnwitzige Gregorio, ihm' steckte wohl der Karneval noch im Gehirn, es war ja eine Lüge, was er gesagt Anna Kaduschda, Beras fiele Begleiterin, stand ja vor ihm'.

Sie zog ihn durch das Borzimmer in den Salon. Aber! hier sah es wüst und leer aus, er sank schwindelnd in einen Sessel.

Es ist nirgends mehr ein ruhiges Fleckchen," sagte Anna! Kaduschda. Sie sprach außer ihrem Russisch uur französisch^ und auch das recht schlecht und unverständlich.Und sie, Bera, hat es mir auf die Seele gebunden, Ihnen dies Briefchen zu geben, und Ihnen alles auseinauderzusetzen. Sie sollten ihr nicht zürnen, sondern sich mit ihr freue», hat sie gesagt, Ihr Gatte ist frei und sie ist heute zu ihm gereist, nach Palermp, wo sie sich treffen wollen."

Ihr Gatte!? Anna Kaduschda, sind Sie bei Sinnen?"

Die Alte nickte und sah ihn mitleidig an. Er hatte so geschrieen, daß sie mit ihren taubeit Ohren ihn verstand.

Ich sagte es imjmer, je le disais tonjonrs," murmelte sie und schüttelte ihren alten, welken Kopf,le pauvre Alle-, mand, er nimmt die Sache ernsthaft. Aber sie hat nicht da-, rauf hören wollen; Don Roderigo ist eitel und Don Roderigp liebt nur sich selbst, hat sie mir geantwortet. Er hat bei mir gefunden, was er suchte, und mir war er ein bequemer, ein ungefährlicher Kavalier. Ja ja, ja so hat sie immer! gesprochen."

Die kleine, zusammengefallene Gestalt war in ihren Sessel! gesunken und summte das letzte so vor sich! hin.

Roderich starrte sie an mit Angen, die einen irren Blick hatten, dann faßte er an seine Schläfen und lachte wild auf.

Es hallte unheimlich wider in denk großen, leeren Gemachs das gräßliche Lachen.

(Fortsetzung folgt.)

Zur Bekirmpsrmgsweise der Stechschnake.

(Original-Artikel DerGieß. Fam.-Bl.").

Dem Beispiele anderer Städte folgend, hat man auch bei nus hier in Gießen seit einigen Jahren versucht, Herr zu werden über die lästige Plage der kleinen Stechmücken, die uns im Sommer so ost den Aufenthalt im Freien, besonders am Abend, verleiden. Da diese Insekten auch in janderen Gegenden während der Nachtzeit in den Schlasräumen der Wohnungen zu einer wahren Landplage geworden sind, so hat man dort schon früher alle Mittel des Schutzes und der Bekämpfung probiert, und damit je nach der Anwendung der Bekämpfungsmittel einen größeren oder geringeren Erfolg erzielt. Das Berdienst, die Äste Beleh- rmtg und Anregung zur Bekämpfung der Schnakenplage in Hessen gegeben zu haben, gebührt der Kveisverwaltnng des Kreises Oppen- heim, die nun auch in ihrem Beginnen nicht nachläßt, bis in allen Gemeinden der Kampf gegen die Stechmücken mit Erfolg durchgeführt sein wird. Die künstliche Anlage von Wassettümpelst im Philosophenwalde zur Ablegung der Eier der Insekten gab' Anlaß zu einem Eingesandt imGieß. Anz.", worauf Ober-, bürgermeister Mecum in einer Sitzung der Stadtverordnetenvev- sammlnng eine abwehrende Antwort gab. Dies gibt uns Ber-. anlassung zu den nachfolgenden Ausführungen.

Tie GeburtsWtten unserer kleinen Plagegeister sind die stehest-! den, schmutzigen, schlammigen Gewässer, besonders die gewölbtest Pfuhlbrunnen, wie wir sie beim modernen, rationellen landwirt­schaftlichen Betrieb in jeder Hofreite finden. Deckt man einmal zur Abendzeit einen solchen Pfuhlbrnnncst auf, so steigen die kleiiiejst Stechmücken in großen Scharen aus der Tiefe empor. Daß ist sumpfigen Gegenden und in nassen, warmen Sommern die Stech­mücken am häufigsten sind, hängt mit ihrÄn Wasserleben zusammen;! in trockenen Jahren verschwinden eine Menge von Wasserlachen,^ wodurch die in ihnen lebenden Mückenlarven und Puppen zst Grunde gehen. Die an geschützten Stellen, besonders an dest Decken der Keller- und Pfuhlgewölbe und Brücken überwintertest Weibchen legen, sobald im Frühjahre die Witterung beständig und die Lust wadm geworden ist, ihre flaschenförmigen Eier, an der