Ausgabe 
1.6.1907
 
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Samstag den 1. Juni

190*?

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Hl

Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten".

(Fortsetzung.)

Sein roter Mantel flatterte auseinander, er ergriff eine der Niedlichen Masten und wirbelte mit ihr in den Strudel hinein. Kaul hörte sein Lachen noch von ferne.

Narr, eingebildeter Narr!" sagte er vor sich hin.Wozu versuche ich es noch, dich aus deinem Eitelkeitstaumel zu wecken!"

Er schritt langsam aus dein Gedränge heraus.

Villatte hatte sich in seine Wohnung an der Piazza di Spagna begeben, er wollte den Abend zum Schreiben benähen. Seine Sinne waren aufgeregt, er mußte sich erst die Eindrücke klären. Gr stand am Fenster, das der spanischen Treppe gegenüberlag. Dort tanzten sie zum Klang des Tambourin die Tarantella im Mvndenschein es sah wie ein Märchen aus und von fern her tönte aus aflen Ecken Jubel, Jauchzen, Musik. Das war römisches' Leben, der heitere, leichtlebige Süden. Hier dachten, empfanden, atmeten die Menschen anders" waren sie glücklicher? Nein hohler Taumel, gedankenloses Genießen, träges Dahinleben war kein Glück aus den tiefen Schachten der Seele und des Geistes mußte man es herausholen, es er­kämpfen, es Verdienern

Was konnte er Erna berichten? Er hatte ihr versprochen, bald zu schreiben, und heute, wo er Sylvia und Roderich ge­sehen, sollte es geschehen.

War noch ein Funke der ehemaligen Leidenschaft für Sylvia in seiner Seele? Er müßte ihn gespürt haben, heut bei dem Anblick. Mitleid, Barmherzigkeit, Verzeihung waren da für sie i doch keine Liebe mehr.

Er zündete die Lampe an und begann seinen Bericht. Er dtmete tief, wie befreit.

Sie ist sehr verändert," schrieb er an Erna,schmal und ängstlich zart geworden. Sie ist rwch immer anziehend, aber das Herz tut einem weh, wenn man sie ansieht. Ihnen würde eS auch weh tun, Erna. Sie sieht krank aus an Leib und Seele. Sie ist in schlimmen Händen. Zu der gefährlichen Mutter kommt jetzt Priestereinfluß und die Werbung eines Italieners von be­denklichem Ruf. Ich sinne, ob ich etwas tun kann, um sie zu retten, aber ich sage mir, daß es unmöglich ist. Sie hat sich ihr Los selbst^geworfen, die Parzen sind unerbittlich. Mir macht ihr Schicksal Schmerz, so viel Schmerz, wie mir der Anblick eines jeden jungen, vergifteten und zerstörten Lebens machen würde Mein eigenes' Schicksal ist von dem ihren gelöst. Das empfinde ich Neben dem Schmerz, und danke Gott dafür. Ist das Egois- Mus? Ich denke nicht. Sie kannten mich doch nicht ganz, Erna.

Anch Ihren Bruder Roderich sah ich vorübergehend im Karnevalsstrudel. Auch er ist verändert und hatte nicht gerade die Farbe eines Glücklichen. Doch weiß ich nichts Näheres über ihn, weil ich ihn noch nicht sprach."

Villatte saß lange in tiefen Gedanken, ehe er den Brief schloßt Was er da gesagt hatte, war lautere Wahrheit sie

mußte das fühlen. Sie gehörten lange geistig zusammen. Er trat noch einmal ans Fenster, jetzt war es still drüben, das Mannorgeländer der spanischen Treppe leuchtete gespenstisch im Moudlicht. Durch die Kronen der Steineichen auf dem Pincio strich der Nachtwind mit melodischem Getön, die Säule der Imma­culata blinkte, als sei sie von Silber. Ihm sollten sich hier noch viele Schätze erschließen. Rom war lange das Ziel seiner Sehnsucht gewesen, er hatte gewähnt, die Wogen der Begeisterung müßten ihm hier ganz das Herz erfüllen aber das ver- nwchtcn sie nicht.

17. Kapitel.

Roderich erschien nach einer durchschwärmten Nacht hohl- äugig und mit wtistenr Kvpf, aber einen trotzigen Entschlich im Herzen, im Palazzo Rujpoli.

Bera stand vor dem Spiegel in eleganter Visitentoilettr. Ihr Gesicht leuchtete, so hatte er sie noch nie gesehen. Sie wendete sich nach ihm um, ihre Augen glänzten in einem fremden Licht, ihr ganzes Wesen erschien verklärt und gehoben.

Sind Sie es, Roderigo? Ha! Wie übel sehen Sie aus. Ich glaubte, ihr Deutschen hättet kein heißes' Blut."

Wohin gehen Sie, Bera? Sie sind festlich gefleidet ich ich erfahre jetzt nichts von Ihrem Vorhaben es ist neuerdings wieder alles dunkel und geheimnisvoll."

Roderich sprach hastig, aufgeregt, und seine Blicke über­flogen den weißen, reichgestickten Mantel, die schwere lichtblaue Seidenrobe, das entzückende Hütchen mit dem Shringenkranz.

Sie beugte sich zu ihm und sah ihn an, wie sie ihn noch nie angesehen halt; seine geschwächten Sinne wurden taumelnd davon umfangen.

Morgen," sagte sie leise mit ihrer sonoren, nwdulations- fähigen Stimme,nwrgen, mein Freund, soll endlich Klarheit werden. Sie haben mich oft eine Sphinx genannt, von morgen ab bin ich keine mehr für Sie, es sollen sich Ihnen alle Rätsel lösen."

Vera!" Er streckte seine Arme in wilder Bewegung nach ihr aus, sie wich zurück. Etwas Verschleiertes, Trübes malte sich in ihrem Blick.Nicht so nicht so morgen. Ich muß in das Botschaftshotel fahren ich ich bin sehr glücklich, Roderigo, ein schwerer Druck hat sich gelöst, die Befreiung kamt Sie waren mir lange ein treu ergebener, uneigennütziger Freund, und inorgen sollen Sie es wissen endlich"

Endlich!" wiederholte er überwältigt.

Zwei russische Herren traten ein und unterbrachen ihr tste- u-tste, Roderich kannte sie, sie waren ihm vor ein paar Tagen als' Vettern Veras vorgestellt. Mau begrüßte sich höflich.

Vera rauschte mit einem Händedruck an Roderich vorüber, gefolgt von ihren Verwandten, rind er blieb mit einem Sturm im Herzen zurück.

Endlich! morgen!" Die dunflcn Worte Veras wußte er ja zrr deuten. Objektiv zu beobachten hatte er nie gelernt, er. brachte alles in Beziehung zu seiner Person. Sie war sehr glücklich es hatten da Dirrge gelegen, welche ihre Freiheit be­einträchtigten darum darum dieses Ausweichen, dieses Zögern und Hinhalten. Aber jetzt war er am Ziel. Eine glan-e