Ausgabe 
1.5.1907
 
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haben sich gen Gießen davon gelmflen. Die bmrtauvren^y^^^^.^ ^^lich GyM- gewendet, daselbs f y)tet mi£> d. Winkelnmnn und D. Men- ST AIWW verordnet." U. B. K.

Der Schsrnsterrr.

Bon Joseph August Lux.

Er ist die Anmut und Freude der alten Häuser. Man hat ihm bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt. Oft fragt man sich warum dieses oder jenes alte Haus sosprechend r>t, und so lustig anzuseheu; man rät auf diese oder jene L.eflc, meistens auch ganz zutreffend, ohne zu ahnen, das; der Schornstein ,ur die Gesamterscheinnug so wesentlich ist. Mau ivird dessen p.op- lich gewahr, wenn irgendwo in der Staot durch eure Demolierung ein alter Häuserblock bloßgelegt wird, oder wenn man, wie es der Verfasser dieses kleinen Aufsatzes getan, zum Dachfenster emes hohen Hauses der inneren Stadt hinaussteigt und auf das Wcrrsal der kunterbunt zusammenschießenden Dächer und Raucyfauge niedersieht. Was für eine heiteres Schauspiel! Welche Mannig­faltigkeit in der Gruppierung, in den Fornien und Großen, welche groteske komische Gesellschaft! In Gruppen und einzeln stehend, in die Luft ragend oder an höheren Hausmauern angelehnt sind alle Arten zu sehen, hohe und niedrige, gedrungene und schlank^ verzierte und unverzierte, alle mit seyr wunderlichen Bedeckungen versehen, teils mit der bekannten Ziegelbedachung, teils mit Rohren und originellen Helmen. Sic scheinen zum Teil regelmäßig au- geordnet, zum Teil sehr willkürlich; abgesondert stehen ennge pessimistische Finsterlinge, die unwirsch ihrem Amte obliegen, während andere sich in der Gesellschaft Wohler suhlen und an­einander rücken, was dann eine sehr heitere Versaminlniig ergibt, weil jedes dieser originelleir Gebilde einen anderen Spaß erzählt und b< in gar ergötzlicher Form, die zugleich etwas Menschliches und Ruhrendes hat. Sicherlich war dem Erbauer zunächst nicht oder überhaupt nicht itm den Spaß zu tun, sondern darum, das Wesen der Sache mit einiger Persönlicher Selbständigkeit aus­zusprechen. Denn das .muß man im Anblick dieser Gebilde den alten Baumeistern schon lassen, daß sie es trefflich verstanden, das Wesen der Sache zu betonen, und zwar mit so viel individueller Freiheit, daß die streuge Sachlichkeit bald etwas wie Poesie annimmt. Die Knnstregung kann man an diesen Schornsteine,l sehr deutlich verspüren. Sie ist durch das Sachliche der Er­scheinung bedingt. Denn der Schornstein, der den Rauch der Herdflamme den freizichenden Winden überbringt, ist gleichsam ein Genuß an die Freiheit. Er überragt das Haus wie cme Wim­pel und ist in der Form oft so bewegt wie diese. _ Darum ist er zugleich auch Schmuck des Hauses, ja oft der einzige, den sich der Erbauer erlauben darf, der, wenn er den Bau zur Höhe gebracht hat, seiner gesteigerten Lebensfreude einen weithin sichtbaren Ausdruck geben will. Darum wirkt der alte Schornstein immer mit der Kraft eines Wahrzeichens. Er trägt eine stark persön­liche Note. Einem weiteren Sinne iiach ist er Symbol, denn er verbindet daS festgefügte Haus mit dem luftigen Element, mit Wolken und Himmel. Mit seinen oft weiten Ansladungeu nach oben schiebt er sich über Nachbardächer als Riesenhaupt, als Aus- schaueuder. So vermenschlicht ist er. Oder aber er drückt durch absonderliche Bildung seine nahe Beziehung zum formenrerchen Wolkenheim aus. Weißgetüncht und hochaufstrebend, oft monu­mental gebildet, scheint er sich den lichten Wolken zu vermählen, leuchtet er auf dem tiefblauen Grunde des reinen FirnianlentS. Was er für die Gesamterscheinung des Hauses ausmacht?. Wer an alten Häusern in der Stadt oder im Dorfe, nehmen wir an, gegen den Abendhimmel die kühne Silhouette von Dach und Schornstein gesehen, dem brauche ich es nicht zu sage». Der wird das Bild nicht leicht vergessen. Und die anderen mögen sich's einmal anseheu. Und diese reizenden Dächer und Dachfenster! Das Dach ist eine Hausüzierde. Wie eine behäbige Haube ist es aufgestülpt, und zugleich von der kleidsamsten Art. Wie freund­liche Menschenaugen blinzeln die Dachluken herab. An den, neueren Häusern, die allzu aufdringlich die Schablone verraten, ist derlei Schönheit nicht zu finden. Tort hat auch der Schornstein seine Rolle ausgespielt. Nüchtern und nichtssagend, , mit trostloser Regelmäßigkeit verteilt, erscheint er als ein notwendiges Uebel, mit dem der neuere Baumeister künstlerisch nichts anzufangen weiß. Am liebsten würde er ihn ganz verleugnen. Des alten Schorn­steins jüngerer .Bruder ist somit ein Niedergangstypus. Ein Proletarier. Er drückt seine Lebensfreude aus, er ist kein Schmuck, kein Wahrzeichen, kein Symbol, oder nur ein sehr trau­riges. Er ist ein langweiliger, temperamentloser Geselle. Ein Kind der Zeit.

Sprüche für die Kinderstube.

Von Judith Groß.

heutige Richtung der Zeit verlangt, daß Eltern und Erzieher auch darauf Bedacht nehmen, den Schönheitsbcgriff durch die Umgebung in die gewollten und erlvünschten Bahnen zu lenken. Die Kinder sollen zur künstlerischen Auffassmrg des Lebens er­zogen werden; der Kunstsinn soll von kleiuauf in ihnen entwickelt und gebildet werden. Das Kind soll schon in seinem eigensten Bereich der Kinderstube vom Schönen angezogen werden, ob es sich ihnr nun in der Fornr von gut ausgeführten, reine» edle Gefühle erweckenden Bildern im Buche und an der Wand» von Wandsprüchen zeigt, oder in Gestalt seines auserwählte« Spielzeuges, das von dem künstlerischen Geschmacke überhaupt zeugt (und bei größter Einfachheit ist daS durchaus nicht aus­geschlossen), darstellt. Häufig wird jetzt die Kinderstube mit hübschen Darstellungen aus den; Kinderleben geschmückt, wie sie der Fassungsgabe angemessen sind, und sie üben ohne Frage einen großen Reiz auf das Kindergemüt aus; wie auch ihr pädagogi­scher Einfluß nicht unbedeutend ist. In dieser Weise nun haben auch die Wandsprüche ihre gute Wirkung auf Herz und Sinn, wenn sie eben ohne Aufdringlichkeit ihre Mahnung erteilen, indem sie stumme und doch auch wieder beredte Zeugen des täglichen Lebens sind. Ein Spruch aus weichem Ahornholz gebrannt, der zur Seite eine in den natürlichen Farben ausgemalte Blu­menranke und einen in Triefürand gearbeiteten, breiten Raub zeigt, ist eine sehr schöne Zierde des Zimmers. Es mögen hier noch gleich einige passende Sprüche folgen, damit der lieben Leserin dadurch vielleicht gedient wird, wenn sie dem Fingerzeige folgen möchte.

Wo du auch seist, betrag dich immer so. Daß jeder deines Bleibens werde froh, Uno daß ein Seyen hinteÄbleibt, Wenn dich die Pflicht von dannen treibt.

Gehorsam, Treu' und Pünktlichkeit Bei allen Erdeichingen;

Dein Herz dem Heilairde geweiht, Kind, so wird's wohlgelingen k

Wer nicht seinen Rücken Als Kind lernte bücken, Den werden die Tücken Des Lebens erdrücken.

Wie durch Oel bcsüustigt tvird Die erregte Flut, Also dämpft ein mildes Wort Ost des Zornes Glut.

Und das, was ihr gefällt. ,

Die Welt sieht auf den äußern Schein Gott stehet aus das Herz allein, Wie's drinnen ist bestellt.

Meligiou.

In ungeheuer großen Bahnen kreisen

Die Körper durch den leere» Raun; der Welt, Und ihr zerbrecht den Kopf euch, o ihr Weisent Wer ist's, der diese Welt zusammenhält?

Ist es ein Wesen, ist's ein Gott, ein Geist, Der den Gestirnen ihre Bahnen weist?

- O, sucht nicht zahlenmäßig zu erklügeln Das Größte und Bcrborgendste zugleich!

In der: Natur ahnt nur auf Geistesflügeln Der edle Mensch des Höchsten Himmelreich.

Louis Beil.

ScherzrMfel,

Nachdruck verboten.

Ich kenne ein Haustier mit glattem Fell, DaS ist wohl gar Manchem tin Wege.

Wenn's schlummert, da ist'8 ein gar lieber Gefell, Da scheint es so sankt und so träge.

Ein gräulicher Rachen ist seine Wehr, Und kürchterlich sind seine Zähne.

Trotzdem wird's geneckt, nun ergrinrmet es sehr> Nun zeigt sich das Lamm als Hyäne,

Ich glaube, vom Zahnweh gepeinigt wird Das arme Geschöpf, denn urplötzlich, Wenn Jemand ihm unsanft die Hauer berührt, .Da heult es oft ganz entsetzlich. y.

Auflösung in nächster Nummer.

Nachdruck verbotet

Sprüche für die Kinderstube müssen recht sorgfältig ausge­sucht werden, wenn sie ihren Zweck nicht verfehlen sollen. Die

Auflösung der Altägyptischen Hieroglyphen in voriger Nummer» Wer sich grämt, der wird bald grau.

Redaktion» Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«,