Ausgabe 
1.5.1907
 
Einzelbild herunterladen

251

fitmtb rennsr setzen? Blind, bunt», ein unglaublicher Tvr war er gewesen.

Sylvia, Sylvia!" Er rief ihren Namen saut in seiner furchtbaren Qual. Die entsetzliche Mutter war ihre Versucherin und Versührerin geworden, auch dieser Brief er las ihn zum drittenmal es waren nicht ihre Ausdrücke, nicht ihre Schreib!- weise. Die Mutter hatte ihn verfaßt, sie, Sylvias Dämon.

- (Fortsetzung folgt.)

Wakpurgrs auf dsm Lande.

Skizze aus bcm Vogelsberg von A. K.

Nun ist der Frühling auch in des Vogelsbergs bewaldete Höhen und lieblichen Täler eiugezogen. Wenn auch die linden Lüfte, von denen der Dichter singt und sagt, noch immer nicht recht erwacht sind und die Knospen hervorbrechen lassen, viel­mehr der rauhetzessenwind" (d. i. der Wind aus Kurhessen) weht, so sind doch die Landleute rüstig bei der Ausstellung des Feldes. Der lange schneereiche Winter hat ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt und mit verdoppeltem Eifer. suchen sie nach­zuholen, was in den milderen Strichen der Heimat schon seit .Wochen hat getan werden können.

Freilich, des einen Freud' ist des andern Leid. Denn mit der beginnenden Feldarbeit hat auch. die fröhliche Zeit der all­abendlichen Spiunstube sür die Jugend ihr Ende erreicht. Müde und matt von den noch ungewohnten Strapazen der Feldarbeit suchen auch die Burschen und Mädchen gleich nach der Abend­suppe ihr Lager auf. Nur des Sonntags sinden sie sich noch zu fröhlicher Geselligkeit zusammen, aber auch da meist nicht mehr in der Spiunstube, sondern schon wie den ganzen Sommer hindurch auf der Straße in und vor den Dörfern, bis in die späte Abend­stunde.

Doch bald wird die harte Arbeit für die ledige Jugend iviedcr von einem Freudeutag unterbrochen. Es naht der erste Mai und mit ihm die Walpurgisnacht, dieWalpern", wie sie im Volksmunde heißt ein hohes Fest vornehmlich )ür die männliche Jugend. Am letzten Abend des April ver- ammcln sich die Burschen meist in dein Wirtshause, in dem ie auch sonst verkehren, in manchen Orten auch int Freien tut Walde oder auch auf ein eint Berg, um die große, feierliche Mädchenversteigernng" (H. Sohney nennt sie in einem seiner Werke, Rosmarüt und. Häckerling,Jungfernauktion") vorzunehmen. Schon tagelang vorher stecken die Burschen und Mädchen die Köpfe zusammen und huscheln, jene um im Ge­heimen ihre Vorbereitungen für diese hochwichtige Staatsaktion zu treffen, diese in banger Erwartung der kommenden Dinge, in Hoffen und Sehnen, in Furcht und Zweifel sich unterhaltend. Ob wohl der Peter die Liese, der Valentin oder der Hcmnphilipp die Annemarie, der Heinrich das Bärbchen steigern, wer wohl den höchsten Preis erzielen und so als Siegerin aus dem Wettstreite hervorgehen werde, das find' die Fragen, die die Gemüter der Mädchen in diesen Tagen bewegen. Mancherlei Rechte tonten und sind mit dem Steigern eines Mädchens verbunden; doch sind diese Rechte von Gegend zu Gegend, oft von Ort zu Ort ver­schieden. Im -allgemeinen gilt heutzutage, daß der Bursche sich seine Tanzmähd für die Kirmes steigert und dann ein Recht ans ganz bestimmte Tänze hat. Wer den höchsten Preis erzielt, er­öffnet auf der Kirmes den Reigen bei derPolonaise", die ihren Weg von den. Tanzsalons der Stadt auch schon auf die entlegensten Tanzböden des Vogelsbergs gesunden hat, wenn auch hier aller Reiz dabei verloren geht. In steifen Windungen wanken die Paare steif und schweigend dahin, erst wenn die Weisen des Walzers ertönen, kommt Leben in ihre Reihen.

Am Walpurgisabend selbst eilen die Burschen, wenn die Sonne hutergegaugen, zur Schenke. Dort sitzen sie in Niedriger Stube gekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge", aber munter und fidel, mit ihren kurzen Pfeifen odermodernen" Zigarren einen Dunst entwickelnd, daß man die Luft schneiden, oder, wie der Vogelsberger drastisch und treffend sagt,beißen" kann. Zu­nächst !vird .ein Bürgermeister und Polizeidiener gewählt, welchen die Leitung der Versteigerung obliegt, meist die er­klärten Führer und Helden der männlichen Jugend, die aber vor allem, wenn sie ihrem Amte ganz gerecht werden sollen, eine gehörige Portion Mutterwitz besitzen müssen. Die Ver- steigernng geschieht auf Grund einer schon vorher aufgestellten Liste, der Zuschlag erfolgt auf Meistgebot. Und nun Beginnt Unter fröhlichem Scherzen und Necken die Versteigerung aller ledigen Mädchen des Dorfes, selbstverständlich auch der ältesten alten Jungfern, mit Ausnahme der Gefallenen. Jedes Mäd­chen erhält ein Beiwort, das ost alles andere eher als schmückend" ist, und je mehr der Auktionator über Witz ver­fügt, desto toller geht es her. Nur gut, daß die Mädchen all' die lieblichen Bezeichnungen nicht hören können. In den meisten Orten wird in Mark geboten, aber nur in Pfennigen bezahlt, sodaß also einer, der ein Gebot von 100 Mk. hat, 1 Mk. bezahlen muß. Die Preise waren früher sehr niedrig, 50 bis 60 Pfg. war schon ein hoher Preis, jetzt kontmen manche Mäd- chen aus 500 bis 600 Mk. --- ö bis 6 Mk. wirklichen Wert; wie bei allen Artikeln, sind auch hier die Preise sehr gestiegen vb wohl in, Anbetracht der Verteuerung aller Lebensmittel?.-,

Man muß auch darin ein Zeichen der Zeit erblicken. Der Steig- preis wird sofort entrichtet und auch vertrunken.

Man kann sich denken, daß es nicht still dabei hergeht, daß die Köpfe im Elfer sich erhitzen, wenn die Mädchen an die Reihe kommen, die dasGeriß" haben, die Dorfschönen, nm die der Kampf heiß entbrennt; man braucht auch nicht besonders zu versichern, daß auch gar mancher ordentlichgetrieben^ wird, damit ihn seine Herzenserkorene, die er natürlich um jeden Preis steigert, recht teuer zu stehen kommt. Aber nicht alle Mädchen werden losgeschlagen, sintemal in fast jedem Dorfe das weibliche Geschlecht an Zahl überwiegt, es auch überall so wenigangriffliche" Mädchen gibt, daß auf sie kein Gebot er­folgt. Diese Unglücklichen werden daun zufammengetan in den. Pferch", manchmal auchSaupferch" genannt, und werden mm zusammen äusgeboten und für wenige Pfennige versteigert selbstverständlich an einen einzelnen, eine Sitte, die jedes Sinnes, entbehrt.

Mancherlei schöne und unschöne Gebräuche knüpften und knüpfen sich ;« n diese Versteigerung. In früherer Zeit zogen die Burschen gegen Mitternacht nach beendeter Versteigerung auf einen unmittelbar am Dorf gelegenen Hügel, von wo aus der Auktionator die Pärchen einzeln mit witzigen Begleitverson aus­rief. Die Formel dieser Proklamation war verschieden, etwa, folgende:

Hier steh ich auf der Hieh' (= Höh') Und rufe aus die Lieh' ( Lehen). Ich trete auf die Hieh' hinaus Und rufe N. N. und N. N. heraus.

Die Mädchen standen dann wohl in der Nähe, in den Gärten! und hinter den Hecken verborgen undhielten" (b. i. lauschten, horchten) auf dieses poetische Aufgebot, um bann beglückt oder traurig ihre Kemenate amzusuchen. Diese Sitte ist verschwun- ben. Heutzutage ist die Bekanntgabe desVersteigerungsproto­kolls" einfacher, aber auch prosaischer. Die Liste wird am Back­haus öffentlich angeschlagen zur Ansicht für jedermann. Am nächsten Tage ist natürlich das Ergebnis int ganzen Dorfe be­kannt und bildet einige Tage das Dorfgesprach. Seltener ist auch, man kann sagen Gottlob, folgende Unsitte geworden, wenn! sie auch noch hin und wieder geübt wird. Die Burschen ziehen» mit Peitschen ausgerüstet, vor die Häuser und unter die Fenster der Mädchen, welche in obengenanntenPferch" gekommen waren, uub erheben ein anhaltendes, ohrenbetäubendes Peitschen­knallen, daß die ganze Nachbarschaft aus dem Schlafe aufge­schreckt wird. Die Mädchen werdenin den Pferch getrieben". In maiichen Orten hat sich das Peitschenknallen noch außerhalb des Ortes, wo es die Nachtruhe nicht stören kann, erhalten.

Am ersten Sonntag im wunderschönen Monat Mai wird in verschiedenen Gegenden noch der ,,Maitanz", gewöhnlich int Freien, gehalten; die durch die Versteigerung vom Burschen er­worbenen Rechte gelten bann hauptsächlich für diesen Tanz.

So ist auch heute noch Walpurgis auf dem Lande mit finnigen, poesievolleii Gebräuchen verbunden, ein Zeichen, daß unter unserem Landvolke die Poesie noch nicht ausgestorben ist. Es ist jedenfalls eine bessere und sinnigere Feier des 1. Mat, als die mancher Arbeiter durch ihrenBlauen",

AelLests Nachrichten übev dis Grmrdmrg des Gymnasiums zu Metzen.

In der von Wehrich Wettermann 1608 verfaßtenChronica und Beschreibung des Landes Hessen" findet sich nachstehendö Auszeichnung über die Gründung des Gymnasiums zu Gießen:

'Im Jahre 1605 hat Landgraf Moritz in seinen zugefalleueir CManden des Oberfürstentums in drei Religionspunkten eine Besserung zu richten und mit den Kirchen im Niederfürstentum, Graf- und Herrschaften zu conformiren und zu vereinigen vor­genommen, als ,,, .

1. daß die gefährlichen uub imerbaulichen Disputatwnes de persona Christi eingezogen; .

2. daß die 10 Gebote Gottes wie sie der Herr selbstew geredet! mit seinem eigenen Finger auf die steinernen Tafeln und von Mose in der Bibel geschrieben vollkömmlich gelernet, auch me noch vom Papsttum verbliebenen Bilder abgetan, und daß zum

3. in der Administration und Gebrauch deS heiligen Abend­mahls das gesegnete Brot nc»ch der Einsetzung des Herrn gc- braucht und gebrochen werden soll. . .

Demnach aber die damaligen Mgrburgischen Lheologi vr Jo­hannes Winkelmanii, D. Balthasar Menzerus und D. Leuchter solche Berbesserungöpuukte anzuuehmen sich beschweret und darüber ihres Dienstes erlassen und beurlaubt; auch andere Prediger als I). Gregorins Schönfeld, Superintendent zu Mssel, On. Valentuius Schonerus zu Ziegenhain neben anderen Pfarrherrn den Gottes­dienst eine zeitlang bis auf fernere Anordnung zu verwalten gen Marburg gesetzt, hat die gemeine Bürgerschaft und unwissender Pöbel daselbsten am 6. August doch wider eines ehrbaren Rates willen einen unerhörten Auslauf erregt, die Prediger unter der Predigt in der Kirchen übersallen, übel geschlagen teils zur Kirchen hinausgejagt, teils gestürzet und sich auch noch darüber der Kirchen, des Rathauses und der Stadt bemächtigen wollen. Hierum hat solchem auftührerischem Wesen zu steuern der Fürst rhien Anteil dedAusschuß" ihnen Wem Hals gelegt und den!