Ausgabe 
1.5.1907
 
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Ihre Stimmung war

Er hatte eine hübsche, freundliche Wohnung gefunden, frei gelegen, mit Balkon und Garten, er brauchte ja nicht Ängstlich zu sparen. Nach einer Verabredung mit Erna sandte er ihr den genauen Plan der Räume ein, und sie ordnete im Geist die ausi- gewählten Möbel darin und wies jedem seinen Platz an. Sie hEe Mei Abende bis spät in die Nacht darüber gesessen und alles ziemllh genau notiert. v .

Villatte empfing eben ihr sorgfältig ausgcarbcitetes Programm! und schritt, dasselbe in der Hand, durch die leeren Gemächer. Wie hübsch und wohnlich sollte das werden dort Sylvias Flügel, ihr Nähtisch und ihre Malecke sein Arbeitszimmer lag jenseits des Salons, er sollte nicht gestört werden, wenn sie übte oder musizierte, sie wollten jeder seine volle Freiheit: haben. Wer Ivie ost würde er doch am Eingang lauschen, wenn sie sang, sie anschauen, ohne daß sie es gewahr wurde, und dann; Beifall klatschen, wenn sie geendet, und ihr einen Kuß rauben. Ihre Stimme war wirklich lieblich und ihr Vortrag seelenvvu^ Sie saug meist schwermütige Lieder, . das kleine, von frischer Lebenslust übersprudelnde Geschöpf. Sie stand ihm noch immer so vor, wie sie war vor ihrer Verlobung; m der letzten Seit hatte ein fremder Beobachter ihr wohl schwerlich noch diese Pra-

^Walldorf, wie wunderlich ist des Leben, man ist wirklich Nicht allemal Herr seiner selbst. Ob das Kind, ob Sylvia

Ich las eben auch Cölestinens Briefe, Walldorf, sie sind schrecklich, ich habe mich wahrhaft entsetzt über ihre Herzlosigkeit, und ich ich war dir auch keine gute Frau."

Sie streckte plötzlich, mit einer hilflosen, Verzeihung er­bittenden Miene ihre Hand nach dem Gatten aus.

Dieser erfaßte sic, drückte sie flüchtig und ließ sie dann

Tu nahmst mich aus Trotz, Friederike, und weil ich Geld hatte und dir ein sorgenfreies Los bieten konnte. Und ich war ein eitler Narr dazumal und meinte, solch ein hübsches Gesicht sei alles und mir könne keiner widerstehen. Da machten wir beide einen verkehrten Streich. Es ist, heillos, sage uo dir, wie viel Ehen so geschlossen werden." ,

Walldorf du warst immer sehr gut zu nur .

Na na Alte, du bist augenblicklich gerade weich- Uiütig ich hätte wohl zu Zeiten ein bißchen mehr G^uld Mit dir haben sollen, hab' nur eben kein geduldig Tem-

alücklich wird!" , ,, I

Hab nur keine hellseherischen Momente, r>rau. Nach mensch- j sicher Berechnung zieht sie das große. Los. Villatte ist der prächtigste Mensch unter der Sonne."

Das ist er, aber sie" .

So so hegst bin sogar Zweifel an deinem bcrhatstheltm Liebling? Das will freilich viel sagen."

Nicht Zweifel nein, nein, gewiß nicht, ihr Herz jlt | Und du hast sie erzogen, ewig danke ich es dir I So ich habe sie erzogen!" Der Kommerzienrat ver­fiel "aus der ungewohnt milden Gemütsverfassung wieder in | leinen Polterton,da soll mir wohl alles a ufgebürdet^ werden, wenn etwas verkehrt geht? Ich danke. Ich habe Erna er- | zogen, weil die sich immer zu mir gehalten hat, der Roderich dagegen - dem ist schon ein gut Teil von deinem, dem Sternschen Wit das weltschmerzliche, unersättliche Element, i War ich unersättlich, Walldorf?" Frau Friederike richtete sich auf und sah zuerst dem Gatten ins Antlitz.

Wie hinfällig, wie welk und gebrochen sah sie aus. Er hatte nicht geglaubt, daß ihm je noch sein Herz so warm aufwallen könnte ihr entgegen.Du warst immer rechtschaffen, Friederike," sagte er.

Ich habe Mich oft recht heiß nach Liebe gesehnt," flüsterte sie, ich wußte, daß ich die deine verloren hatte." |

Friederike, jetzt sagst du mir das und wir sind so I jiltc Scute!"

Es geschah etwas recht Sonderbares, etwas, worüber der j Kommerzienrat, wäre es ihm von anderen erzählt wordeii, laut und herzlich gelacht hätte er hielt seine alte, verblühte Frau, | hie heute nicht einmal Toilette gemacht hatte, in seinen Armen | und küßte ihre welken Lippen wie in der Jugend- und Brautzeit. | Erna hatte leise die Tür geöffnet, nm nach der Mutter Be- I finden zu fragen, und erblickte diese Szene. Sie stand einen I Moment wie versteinert, dann schloß sie so geräuschlos als möglich I die Tür und entfernte, sich auf den Zehenspitzen. Ein fremdartiges Freudegefühl erwärmte ihr Herz die Eltern, die lieben Eltern sie hatten ihre gegenseitigen Schwächen getragen. Die Mutter \ hatte den Vater nicht aus Liebe geheiratet, und wenn es nicht i immer gewesen war, wie Erna sich ein eheliches Glück dachte, sie kamen doch miteinander aus. So mochten auch Villatte und Sylvia miteinander auskommen. sie seufzte ihm, ihm gönnte sie mehr..

10. Kapitel.

Es war März geworden. Am fünfundzwanzigsteu sollte die Hochzeit gefeiert werden, am ersten April trat Villatte in sein neues Amt. Er war azif einige Tage nach Leipzig hmübev- gesahren, um dort eine passende Wohnung zu mieten und alles zum Empfang seiner jungen Frau vorzubereiten.

Trotz der mancherlei Eindrücke, die ihm zu Zeiten Zweifel Und bange Besorgnisse weckten, war er doch froh in seinem Herzen. Sylvia war fügsam und sanften Gemüts; sie war nicht wieder huf ihre Abneigung, nach Leipzig zu gehen, zurückgekommeu, Puch die.Schwiegermutter schien sich in das Unvermeidliche zu fügen. Vielleicht gefiel es ihr gar nicht einmal, aus Dresden Und der Nachbarschaft der reichen Schwester fortzugehen, deren geselliges Haus ihr viel Unterhaltung bot. Wenn er mit seinem Weibchen allein hausen durste, würden sie fich schon, miteinander rinleben,.

dikate gegeben. , , . n.,

Er stand mit leuchtenden Augeii nnd seinem warmen Lachem um den Mund da und malte sich das Zukunftsbild lebendig! aus. Die Erbschaft machte Sylvia froh, er begriff es allmählich, daß gerade, weil des Kommerzienrats Hinweis auf ihre Un- bemitteltheit sie so tief verletzt hatte, ihr letzt em «gener BeftÄ so wertvoll erschien. Das Vermögen war bei einem Bremer Handelsbause erhoben. Der Kommerzienrat hatte alles geordnet und besorgt. Sylvia hatte eine kindische Freude geäußert bem« Anblick der Wertpapiere und war reizend gewesen in Mi ftoh- Heben Laune. Es war ailch wohl emc uberlpannte ^bee, wenn er traurig oder verstimmt darüber sein wollte, Geld war immerhin ein brauchbares Ding in der Welt. .

Am Abend dieses Tages, als er, ermüdet von vielen suchen und Besorgungen, in sein Quartier heimkehrte, fand er einen Brief von Sylvia aus seinem Zimmer. Hast g ar k . er darnach und ließ seine Augen auf der zierlichen Aufschrift ruhen, dann küßte er das Kuvert er war eben em arg Verb liebter. Er hatte keinen Brief mehr von ihr erwartet, toat er morgen nach Dresden zurückkehrte, nun sandte sie ihm doch noch einen Gruß. Er zündete erst seine Lampe an, legte lWei- rock und Hut ab und machte es sisch beguem. So etivas Gutes wollte in Muße genossen fein. Er schnitt das Kuvert aus -i es war ein langes Schreiben. War etwas passiert, wovon sw ihm noch Mitteilung machen mußte? Sem Herz begann uw­ruhiger zu klopfen.

Lieber Armand! Ich bin so sehr unglücklich, Dar wehe tun zu müssen Du weißt nicht, wie ich gekampst und gelitten und hundertmal den Anlauf nahm, aber nie den Mut fand, oft gegeit Dich zu sein. Es war eine Uebereilung, als ich Dir mem Jawort gab." ,, , ,

Villattes Hand entsank der Brief. Er war kreidebleich ge­worden und sank in den Sessel zurück. Die MMabentanztest vor seinen Augen. Uebereilung - was " was waren eiskalt, ihm war, als sei alles Blut ihm Erstarrt, ms er den Brief wieder auftialM. Der Schleier lag noch vor em Augen, er sah nicht klar. Er las m Sprüngen, m abgerissenen;

I Sätzen, was dazwischen stand, entging ihm.

In mir ist das Streben der Künstlerin erwacht das war "es, was ich bisher nicht verstanden - ich würbe Dich nicht glückl-fch, smachen, wenn ich mit halbem Herzm, Mit dieser^ver zehrenden, ungestillten Sehnsucht mich neben Dir fesselte. Mama begleitet mich; wenn Du nach Dresden heimkehrst, habe ich das

I Haus meiner Pflegeeltern verlassen und betrete den neuen Pfad, I Besser jetzt scheiden, wo wir beide noch den Irrtum vergessest und auslöschen können, als ein Band unauflöslich knüpfen, uaS

| nicht auf den vollen Einklang der Herzen sich gründet. W hier int Hause weiß niemand von meiner Flucht ick) war den

I Kämpfen und Einwänden, welche unvermeidlich gewesen waren,. | sprang auf und faßte an seine

War das toller Spuk? Es war ja nicht Möglich! Er lief w « ,. ein Verzweifelter im kleinen Zimmer auf und gb, dann 1V er sich, den Kopf in die Hand gestützt, und em schweres Denk- kam über ihn. Er hatte fich getäuscht wn Anfang an - amu | kleine, geringsügige Dinge traten in sein Gedächtnis ttebernÄ | Tag, da er um sie geworben hatte und sie krank i. id > i gelegen, ihr verändertes Wesen seitdem, rinzelne c e ße

- Ernas - hatte die nichts gewußt oder geahnt?War es b> w, I haß die treue Erna ihn hätte Mt Müden Mrgen IN den sw-

perameut." , _ ,

Frau Friederike schüttelte dm . Kopf.

allerdiiigs sehr reumütig und zerknirscht, sie hatte nicht immer