1907
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Dem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck Verbotent (Fortsetzung.)
Sittnt schwieg sie. Auch Sylvia wußte nichts zu. sagen. Diese Reminiszenzen an den unbekannten Vater waren ihr eigentlich unbequem, sie hatte schon bei Tisch gefühlt, daß man allerlei von ihr erwarte bei dieser Gelegenheit, was sie gar nicht leisten könne.
„Willst du mir eine Liebe erweisen, Sylvia?" sagte Frau Friederike nach einer Pause. „Dir sind noch Briefe und Papiere aus des Vaters Nachlaß cingehändigt. Wenn du sie gelesen hast, willst du auch mir dann einen Einblick gestatten?"
Sie wandte sich ab, man hörte das zurückgehaltene Schluchzen in ihrer Stimme,
„Hast du — meinen Vater so sehr geliebt?" fragte Sylvia staunend, und jetzt zuerst empfand auch sie eine Art von Be- wegung.
„Sehr!" tönte cs leise zurück.
„Jetzt noch, wo du alt geworden bist, und er dich verlassen hat, und du ihn nie wiedergesehen?"
„Kind, Kind, du stehst ja auch vor deiner Hochzeit und weißt, waS Liebe ist! Gott gebe dir ein ungetrübtes Glück. Dein Er- wLhlter ist ruhigeren Bluts und wird nie in solche Gefahren kommen können wie Zernial, aber wenn er dir entrissen würde, könntest du ihn je vergessen? Liebe stirbt nicht und wird nicht alt."
Sylvia erbebte. Die gut?, liebe Mama ahnte nichts von ihrem, inneren Leben. Kannte sie solche Liebe? Vielleicht — wenn Roderich an Villattes Platze stände. Sollte diese Liebe in ihr auch nie sterben und nie alc werden?
„Arme Mama, das muß ja ein ewiger Schmerz gewesen sein."
„Nein, Kind, es war eine Stelle in meinem Herzen, die immer warm blieb, und das Leben bringt so viel Kälte."
„Ich will dir gleich die Papiere bringen, Mcnna„ ich lese sie doch so bald noch nicht, ich habe keine Zeit."
„Zeit? Auch dafür nicht, Sylvia? Aber wie du willst, dann bringe sie mir."
Sylvia ging, das Paket zu holen. Es lag noch da, wo sie es achtlos hingewvrfen. Ihre Augen fielen flüchtig auf die ver- gilbten Blätter, da tstaren eine Reihe von Auszeichnungen von einer kräftigen Mäuncrhand geschrieben. Obenauf wurden die Blätter weißer und die Schrift unsicherer, auf den letzten mochten schon die Schatten des Todes die Hand des Schreibers gelähmt haben. Sin kleines Paket Briefe in einer großen, weitläufigen Frauxnschrift >var beigefügt, mit einem grauen Band uinschlungen. „Celeste Zernial", las Sylvia unter einem derselben. Sie faßte alles zusammen und trug es zur Mama.
Six selbst empfand kein Verlangen, sich da hinein zu vertiefen. In ihrer Seele war keine Ruhe und Sammlung, nur Hast und wirre, sehnende, sich überstürzende Gedanken.
Frau Kvmmcrzienrätin blieb heute den ganzen Tag auf ihrem Zimmer. «J3ie hatte sich früh die Lampe anzünden lassen und vergaß alles, auch ihren äußeren Menschen, über der Lektüre der vergilbten Blätter. Die Jungfer hatte ein paarmal den Kvpf
zur Tür hereingestreckt und gefragt, ob die gnädige Frau auch etwas befehle. Sie begriff ihre Herrin heute gar nicht. Sollst bedurfte sie an solcheli Migränetagen fortwährend ihrer Hülfe, und ost wurde mm späten Mend noch uluständliche Toilettq gemacht. Heute saß sie int Schlafrock mit dein losen, unfrisierten Haar und winkte ihr stets abwehrend mit der Hand. Sie wollte nicht gestört sein.
Nach dem Abendessen kam der Kommerzienrat, um nach seiner Gattin zu sehen. Auch er verharrte erstaunt ein paar Augenblicke aut Türpfosten. Der Anblick, der sich ihut bot, war sehr ungewöhnlich. Anstatt der in Kissen^ vergrabenen Gestalt, welche in klageudeir Tönen seine Fragen beantwortete, saß da seine Gattin, mit brennenden Wangen über einen Haufen ausgebreiteter Papiere gebeugt. Die weiße, abgemagcrte Hand lag auf den Blättern, das Haupt war vorntiber gesunken und ward durch die Linke gestützt. Das dünne graue Haar tag lose in weichen Locken um aie bleiche, blau geäderte Stirn uild die Augen glänzten in fremdem, fieberhaftem Licht.
So hatte er seine Friederike lange nicht gesehen, sie erinnerte ihn an die Tage, da er sie kennen gelernt. Das Bild war ihm seit vielen Jahren völlig versunken; künstlicher, meist geschmackloser Ausputz, große innere und äußere Veränderungen hatteit aus deut schönen Mädchen voll, damals eine launische, grämliche, früh verblühte Frau gemacht.
Sie hatte seinen Eintritt nicht bemerkt und wußte es nicht, daß xr sic beobachtete. Er erkannte die Papiere, in denen sie las. Langsam schritt er jetzt rräher, und sie schrak empor.
„Walldorf!" stammelte sie, und es war die Bewegung der Furcht, mit der sie versuchte, einen Zipfel ihres Schals über den Tisch zu breiten.
„Laß doch, Friederike," sagte er in seiner kurzen, trockenen Weise, „bildest bn dir etwa ein, daß du mich alle diese Jahre getäuscht hast? Du hingst immer noch an dem Zernial, und wenn du jetzt, da er tot ist, feinem Andenken eine Stunde widmest, so bin ich nicht der Mann, das zu tadeln. Hat Sylvia dir die Briefe gegeben?"
„Ja — ich bat sie darttni."
Es entstand eine Pause. Der Kommerzienrat hatte feinen gewichtigen Körper in den Lehnstuhl fallen lassen, der darob in feinen Fugen krachte. Frau Friederike kramte mit zitternden Händen die verstreutes Schriftstücke zusammen.
„Walldorf!"
„Nun — Friederike — bin ich dir unbequem in diesem Augenblick?" Der alte Herr beschaute seine Fingernägel, blies einige Stäubchen vom Nockärmel und blickte dabei verstohlen auf seine Frau.
„Nein — o nein, ich finde eS sehr freundlich von dir, daß du gekommen bist. Du — du glaubst nicht, wie mir zu Mut war, er — Zernial — er ist sehr elend gewesen."
„Hur — Habs' eigentlich nicht anders erwartet. Deiite Schwester — na — es mag besser sein, wenn ich heut abend über das Frattenzimmer nicht mehr zu dir rede, ich tvvllte nur, Sylvia wäre erst verheiratet und der gute Villa tie di« Schwiegermutter für alle Zeiten vom Halse los."


