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Fälligkeiten, die im Leben so ost ausschlaggebend sind. Wir wären vielleicht einen anderen Weg geritten, auf denr Frau Gerhardts Pferd nicht gescheut hätte —"
Tas sind Tempi, passati 1" war? Föhrenthal ein, „wozu darüber reden? Tot ist tot, hin ist hin. Tressenberg sah beim Begräbnis übrigens jammervoll aus und seine Schwester nicht minder
„Die tröstet sich noch mit dem alten Kronau, paßt mal aus!" meinte von Eppen nachdenklich.
„Nu, warum nicht? Der Rittmeister ist gar nicht so übel. Schließlich fühlt die schöne Isa nun auch noch für Tressenberg ein menschliches Rühren und sucht ihn zu trösten."
„Ist daS die hübsche, schlanke Brünette mit dem weißen Gesicht und den auffallend roten Lippen?" fragte Graf Bellow interessiert.
Der Rittmeister nickte.
„Noch nicht kennen gelernt, Graf? Schneidiges Geschöpf, Rasse drin, sage ich Ihnen, das wär' auch so was für Sie. Aber sie ist spröde, trotzdem sie ganz nett kokettiert, hat eben dem ,roten Franz', Sie kennen ihn ja, den Rittergutsbesitzer Warnow, einen Korb gegeben. Der arme Kerl ist ganz futsch."
„Hatte sie was mit Trefsenberg, Herr Rittmeister?'
Der lächelte zum ersten Male an dem Abend.
„Ja, sie hatte was mit ihm, Graf, und wie gesagt, man kann nicht wissen, ob nicht doch noch ein Paar aus den beiden wird, jetzt, Ivo Tresfenbergs Hochmut und Gleichgültigkeit einen argen Knicks bekommen haben mögen."
So endet schließlich all das Tragische wie in einem Roman, mit mehreren Hochzeiten. Jedenfalls wird Tressenberg aber gut tun, sich eem seine Versetzung in ein anderes Regiment zu bemühen, wenn ein höherer Befehl dem nicht zuvorkommt", sagte Föhrenihal gleichgültig
Der Rittmeister begnügte sich damit, leicht den Kopf zu neigen, zum Zeichen, daß er ebenso denke.
Dann stand er auf, denn der Oberst hatte ihm durch einen Blick zu verstehen gegeben, daß er ihn zu sprechen wüuschie und schickte sich an, den Kommandeur bei seinem Fortgehen zu begleiten. Er ahnte, daß auch in diesem Falle Joachim von Tressenberg Gegenstand einer vorläufig noch privaten Erörterung sein würde.
Der saß zur selben Stunde in seinem einsamen Zimmer und schrieb sein Abschiedsgesuch.
Wie Kaömsttskuriere reisen.
Bei dem Untergang des Dampfers „Berlin" hat, so ist gemeldet worden, auch ein englischer königlicher Kabinettskurier, Captain Herbert, den Tod gefunden. Sein Gepäck ist an Land geschwemmt worden, aber die Depeschen, deren Träger er war, werden wohl auf immer verloren sein, falls es nicht gelingt, seinen Leichnam zu bergen, da es Pflicht des Kabinettskuriers ist, sich von der Depefchentasche nie zu trennen, oder sie doch wenigstens keinen Augenblick aus den Äugen zu lassen. In einem unterhaltenden Buche, das „On the Queen's Errands" („Unterwegs im Dienste der Königin") heißt, hat ein anderer britischer Kurier, der Captaiir Wynter, vor kurzem ausführlich geschildert, wie der Kurierdienst des britischen Auswärtigen Amts geregelt ist. Er dürfte bei den meisten übrigen europäischer Staaten, mit geringen Abweichungen, auf die gleiche Weise organisiert sein. Wahrend in Deutschland die Offiziere des preußischen Reitenden Feldjäger-Korps als! Kuriere dienen, wählt man in England verabschiedete Offiziere der Armee. Sie müssen ein ziemlich scharfes Examen in modernen Sprachen ablegen und nachweisen, daß sie gute Reiter sind, da 'es, namentlich zu Kriegszeiten, wohl Vorkommen Rum- daß sie ihre Aufträge zu Pferd« iaus- richten muffen. Das Gehalt eine.»' .Kuriers beträgt nach deutschem Gelde 8000 Mk. jährlich, und während er unterwegs ist, erhält er . außerdem täglich 20 Mk. Spesen. Sein Leben ist insofern ein recht unruhiges, als er intmer auf dem Sprunge sein muß, äbzureisen, und er nur selten genau weiß, wie lange seine Reisen dauern. Meist bekommt er den Befehl, London mit dem Wend- zuge zu verlassen, nur einige Stunden vorher. Wie Captain Wynter mitteilt, wurde der Kurierdienst früher meist über Dover- Calais geleitet, und es ist eine Neuerung, dftß die Kurie«, die nach einer der Hauptstädte Mitteleuropas oder Osteuropas geschickt werden, jetzt stets die Linie Harwich—Hock van Holland zu wählen haben. Sie werden natürlich auf der Eisenbahn wie dem Schiffe im In- und Auslände sehr rücksichtsvoll behandelt und erhalten ein eigenes Coups und eine Kabine erster Klasse. Ihr Privatgepäck unterliegt der Durchsicht an den Zollstationen wie jedes andere, dagegen werden nach völkerrechtlichem Brauch! die Gepäckstücke nicht geöffnet, die der Kurier in seiner dienstlichen Eigenschaft bei sich führt. Da muß man nun unterscheiden zwischen den Stücken, die keine besonderen Geheimnisse enthalten; häufig sind sie sehr mnfangreich, so, wenn cs sich um Geschenke eines Souveräns an den andern hanoclt. Es ist dem Kurier erlaubt, sie als gewöhnliches Paffagiergut einschrciben zu lassen. Dann
aber ist Äa die schon erwähnte Geheimtasche, die er br- ständig bei sich führen muß; ihr Inhalt besteht aus Depesche» des Auswärtigen Amtes an die Botschafter und Gesandten, oder auch aus eigenhändigen Briefen des Königshauses an fürstliche Verwandte auf dem Kontinent. Befindet sich der König auf Reisen im Auslande, so werden ihm wichtige Aktenstücke zur Untev- schrift ebenfalls durch Kuriere überbracht. Gleich wach seiner Ankunft begibt sich der Kurier zu dem Botschafter oder Gesandten und er ist froh, wenn er sich feiner kostbaren Bürde entledigt hat. Dann hrnn er sich als ein freier Manu in der {rembei« Stadt umsehen. Es wird viel Mert darauf gelegt, daß er korrekt auftritt, und Captain Winter erzählt, er und seine Kollegen hätten in ben meisten Hauptstädten Europas je einen tadellosen, immer frisch gebügelten Zylinderhut bereitstehen gehabt. Zum Schluß eine kleine AUektode aus dem deutschen Kurierdienste, die sich vor einigen Jahren zutrug und viel belacht wurde. Damals wirkte der jetzige Botschafter in London Graf Wolff- Metternich als Geschäftsträger. Eines Tages war ein Feldjägerleutnant aus Berlin eingetrofsen, hatte seine Depeschen abgegeben und war nach dem Bescheide, daß er nicht vor 48 Stunde» zurückzureisen brauche, in das nahe Seebad Brighton gefahren. Da ereignete sich irgend etwas von Wichtigkeit und der GeschäftS- träger ließ dem Leutnant, für dessen Namen er sich nicht weiter interessiert hatte, telegraphisch die Weisung zugehen, sofort znrück- zukommen. Der Offizier antwortete: „Komme pünktlich. Ohne- sorge." Ws er sich nun einst eilte, um die Rückdepeschen zu erbitten, machte ihn der Geschäftsträger höflich aber eindringlich darauf aufmerksam, der Zusatz: „ohne Sorge" sei überflüssig gewesen, denn es sei selbstverständlich, daß der Kabinettskurier den Weisungen der Botschaft sofort Folge leiste. Das Mißverständnis klärte sich damit auf, daß der Feldjäger sich dem Geschäftsträger als „Lend, nant von Ohnesorge" vorstellte.
Der Zauberer von Santa Wosa-
Bon Dr. E. T e i ch m a n n.*)
Der Name des amerikanischen Pflanzenzüchters Luther Burbank, der durch seine erstaunlichen Leistungen Fachleute wie Gelehrte in Staunen setzt, ist auch bei uns nicht mehr unbekannt. In Amerika erregen seine bedeutenden Errungenschaften, vor allem auf dem Gebiete der Obstkultur, die von seiner bei dem kalifornischen istädtchmi Santa Rosa gelegenen Besitzung berichtet wurden, schon seit Jahren das lebhafteste Interesse. Nun veröffentlicht feilt Geringerer als Hugo de Vries im Biologische» Zentralblatt einen Aufsatz über die „Neuzüchtungen Luther Burbanks", der wiedergibt, was de Vries bei einem zweimalige» Besuch in Santa Rosa gesehen hat.
Luther Burbank (geb. am 7. März 1849 als.Sohn eines Farmers) ist kein Züchter im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Bei feinen Versuchen läßt er sich weniger von Handelsinteressen als von gewissen Idealen leiten: er will Obst- und Blumensorten gewinnen, die mit einem trockenen Boden zuftieden sind, um so weite, bisher unbebaute Strecken des. (wlbdürren Westens der Pflanzenkultur zugänglich zu machen. Bei ben Blumen insbesondere hat er es auf harte, billige und doch schöne Varietäten abgesehen, denn er wünscht, daß der Garten auch des kleinen Mannes das ganze Jahr über in Blüten prange. Natürlich darf in Amerika die praktische Bedeutung eines Nnteruehmens nicht zu gering sein: das Agricultural Department zu Washington hat also berechnet, daß eine von Burbank gezüchtete Kartoffel den Wert der Ernte dieser Knollenfrucht um jährlich 17 Mill, Dollar vermehrt hat.
Wie macht es nun dieser Züchter, um seinen Idealen näher- zükommen? Einige Beispiele werden es zeigen. Von der japanischen Quitte (Erhobotrya japouica) hatte er eine große Zahl von Exemplaren aus Samen gezüchtet. Jedoch nur zwei Bäume ließ er aim Leben, beide waren reich beladen. Aber während die Früchte des einen die gewöhnliche Gestalt hatten und nur so groß wie Kirschen etwa waren, trug der andere Früchte tote kleine Birnen mit reichlichiem Fruchtfleisch. Dieser Baum war für den Verkauf fertig. Wer ihn kauft, wird ihn in viele Äwpf- Itnge zerschneiden und so in kurzer Zeit eine Menge Bäumchen in den Handel bringen. ,
Burbank selbst befaßt sich nicht, mehr mit der Vermehrung seiner Neuzüchtungen, er überläßt sie anderen. Aehnltch ging es Bei der Züchtung stachelloser Brombeeren zu, die er durch Kreuzung der Keinen kalifornisch-n Brombeere mit der sibirische» Himbeere gewann. In hölzernen Kästen standen zahlreiche Exemplare dieser Pflanze; sie zeigten inbezttg auf Slachellosigkrit die größte Verschiedenheit. Aber alle stacheligen Ketmlmge wurde» ausgemerzt und nur die unbewehrteil behalten Aus ihnen werden wieder die besten ausgesucht und als stachellose Brombeeren in ben Handel gebracht. Das Prinzip, nach dem der Züchter in solchen Fällen vovgeht, ist das der Selektion; er weiß, daß die Pflanzen, mit benen er es zu tun hat, stark variieren; aus den verschiedenen, sich dabei ergebenden Formen
*) Aus dem „Kosmos", dem Handweiser für Naturfreuiide, herausgegeben und verlegt vom Kosmos, Gesellschaft der Natur- freunde. Franckh'sche Verlagsanstalt, Stuttgart.


