Dem Rittmeister aber war's, als müsse er das Mädchen mit Gewalt einer trostlosen Zukunft abringen. Er meinte keine ruhige Stunde mehr zu haben, wenn er sie auf Nimmerwiedersehen von sich lieh. Sein rasches Atmen verriet die tiefe Erregung, welche ihn jugendlich lebhaft erscheinen lieh, obgleich er nun gerade sagte: „Ich bin kein junger Mann mehr, Marga, und meine Ansprüche sind nicht die eines solch jugendlichen Heißsporns, der gleich leidenschaftliche Liebe von Ihnen fordern würde. Ich will Sie nicht ängstigen, nicht erschrecken mit meiner Liebe, Marga, Sic sollen mir nur erlauben, für Sie zu sorgen. Ihnen jedes Leid, jeden Kummer aus dem Wege zu räumen. Ihnen ratend und helfend als väterlicher Freund zur Seite zu stehen, >vas eben nur geht, wenn Sie vor der Welt meine Frau heißen. Sie sollen in einer friedlichen, behaglichen Häuslichkeit an Körper und Geist gesunden, ich !vill mit Ihnen reisen, wenn Sie es wollen, ich will Sie auf meinen Händen dnrch's Leben tragen und zufrieden sein, wenn ich Sie nur wieder lächeln sehe. Meine Schwester wird Sie wie eine treue, zärtliche Mutter an ihr Herz nehmen und mit mir wetteifern, Ihr Leben noch einmal sonnig und glücklich zu machen. Nun, antworten Sie mir Marga, darf ich noch einmal und diesmal vor Ihre Eltern treten, darf ich Ihres Jawortes sicher sein?"
Marga hatte, die Augen gesenkt, ihm zugehört und seine warmen Worte blieben nicht ohne Wirkung auf ihr verängstigtes hilfloses Gemüt. Sie war so müde und sehnte sich nach Ruhe, Frieden, Behagen, nach all dem, was Ernst Kronau ihr verhieß. Ach, nur einmal sich ausruhen dürfen von den Schmerzen und Kämpfen des letzten Jahres in einem friedlichen Hafen, der ihr Lebensschisslein schützend bergen würde vor den Gefahren, die ihm int Sturm der Welt noch drohten. Sie fand vielleicht doch noch einen Wirkungskreis, der ihre Lage befriedigend ausfüllen würde, vielleicht allmählich auch ein stilles selbstloses Glück in dem Bewußtsein, dem Manne, der sie so treu liebte, durch ihre Nähe das Leben zu verschönern. Ihr Widerstand gab langsam nach.
Es lag halb und halb schon eine unbewußte Zustimncung in ihren traurig gestammelten Worten: „Aber meine Eltern werden niemals ihre Einwilligung geben. Alles wird sich wiederholen — der aufreibende Kampf, die häßlichen Szenen — Sie werden nur Unangenehmes durch mich erleben — lassen Sie mich r— mir ist wohl nicht zu helfen".
„Doch, Marga!" sagte er warm, mit unendlichem Glücksgefühl bemerkend, daß des Mädchens Antlitz sich in Rosenglut getaucht hatte, da das in ihren Worten enthaltene Zugeständnis ihr fühlbar ward, „ich glaube nicht, daß ihre Eltern den Wut haben werden, noch einmal eigenmächtig in ihr Schicksal einzugreifen. Lassen Sie das int übrigen meine Sorge sein. Alles wird gut werden".
Bort unten hörte man jetzt das Rollen der Wagen, die vom Kirchhof zurückkehrteu. Marga hob lauschend den Kopf. Aus der Ferne klang Säbelrasseln und gedämpfte Stimmen. Eine Flutwelle der Erinnerungen stürzte verheerend über ihr kaum beruhigtes Herz. Würde sich jetzt nicht die Tür öffnen und Walter Poseck eintreten, frisch und flott mit seinem guten warmen Lächeln, den zärtlichen Blick seiner ehrlichen Braunaugen? Sie schrie fast auf vor Schmerz.
„Ich kann nicht, ich kann nicht. Noch ist es kein Jahr her, seit Walter starb — er würde es auch nicht gut heißen." Sie wollte davon eilen.
Ernst Kronau hielt die Erregte liebevoll zurück.
„Wollen wir morgen gemeinsam an Posecks Grab treten, Marga?" fragte er weich, „vielleicht legt der Tote ein gutes Wort für mich ein."
Er hatte den rechten Ton getroffen, ihr Frauenherz zu rühren. Sie konnte nicht anders, als die Größe seines neid- losen, edlen Handelns anerkennen. Er verlangte sehr wenig für sich, er dachte nur daran, sie glücklich zu machen.
„Noch im Jenseits will ich ihn segnen dafür!" sprach es laut in ihr. Sie streckte ihm die Hand hin, ihre Lippen zuckten in verhaltener Rührung.
„Gehen wir!" sagte sie einsach. Ihre feuchten blauen Augen sahen ihn kindlich dankbar an, das stumme, flehende Abwehren war daraus gewichen.
Da neigte er sich aufatmend über die kleine zarte blasse Mädchenhand und küßte sie mit scheuer, ehrerbietiger Zärtlichkeit.
XI.
Es war eine im Gegensatz zu der sonstigen lärmenden Heiterkeit fast schweigsame Tafelrunde, welche sich an diesem Abetch int Kasino der Husaren vereinigte. Ueber all den Offizieren, welche in dem gastlichen Hause des Landrats aits- und eingegangen waren, lag gleichsam lähmend noch die Starrheit des
Entsetzens, mit welchem die Nachricht von dem tödlichen Sturz der lebensvolleit schönen jungen Frau sie erfüllt hatte. Von deut ernsten, ruhigeti Obersten an bis zürn jüngsten bescheidenett Fähnrich herab hatten sämtliche unverheiratete Offiziere Hanna mehr oder minder feurig und offenkundig verehrt und es war vielleicht mancher darunter, dem die wunderbaren goldgrünen Franen- augen eine unheilbare Wunde geschlagen hatten, über deren Schmerzen nur ihr süßes kindliches Lächeln manchmal hinweggetäuscht hatte. Nun Ivar es ihnen allen, als sei etwas Lichtes, Freudiges aus ihrem Leben gegangen. Sie saßen da wie vor den Kopf geschlagen. Die Unterhaltung schleppte sich, das traurige Thema vermeidend, mühsam hin.
Plötzlich schlug der Oberik an sein Glas und erhob sich. In die Stille, welche sich beinah unheimlich über den großen Speisesaal legte, klang seine Stimme klar und markig wie stets.
„Meine Herren Offiziere! Der Trinkspruch, den ich hier an dieser Stelle ausbringen will, mag Ihnen vielleicht seltsam erscheinen und doch glaube ich, ist es Ihnen allen ein Herzensbedürfnis an dem Tage, da wir die von uns so hochverehrte Gattin unseres lieben Landrats Gerhardt zur letzten Ruhestätte begleitet haben, der Toten ein paar warme Dankesworte nach-- zusenden in die stille Gruft. Der Geistliche hat schöne christliche Trostesworte gefunden und der Güte der Verewigten ein Lob gespendet, aber was sie uns gewesen ist, konnte er nicht beurteilen und deshalb nicht ermessen. Daher gedenke ich dankbaren gerührten Herzens der stets liebenswürdigen, gefälligen, heiteren Frau, deren ungewöhnliche Schönheit und holde Weiblichkeit für uns alle eine stete Quelle edelster Freuden gewesen ist, weil kein Mann, und sei er der gewissenloseste, sich dem erhebenden Einfluß dieser echten wahrhaft kindlich lauteren Frauenseele verschließen konnte. Und so bitte ich Sie, meine Herren Offiziere, unserer allgeliebten, unvergeßlichen Fran Hanna ein stilles Glas des Gedenkens zu weihen."
Die Offiziere hatten sich sämtlich erhoben. Nun leerten sie schweigend ihre Gläser. Es lag etwas ergreifend Feierliches in der stummen Gebärde.
Ein paar Sekunden lagerte noch das Schweigen über den ernsten Gesichtern, dann begann eine flüsternde Unterhaltung.
Herr von Eppen, der eigentlich genug Beweise von Hannas nichts weniger als kindlich reinem Empfinden erhalten hatte, war von den Worten des Obersten und dem jähen Ende der vergötterten Frau überhaupt so stark erschüttert, daß er im Moment fest überzeugt war, Hamtas Koketterien seien nur kindischer Uebermut gewesen.
„Der Pfarrer hätte wirklich etwas wärmer sprechen können !" meinte er, zu Föhrenthal gewandt, „Reden halten gehört doch zu seinem Beruf. Wenn ich denke, ein solch reicher Stoff, wie dies bezaubernde Geschöpf ihm gab, da hätte ich ja darüber predigen können."
„Gott, der Manu hat sie ja gar nicht gekannt — er ist kaum ein halbes Jahr hier und streng sind nun mal die Priester. Sie ist ohne die Sakramente gestorben — hab' ich mir erzählen lassen — na und wenn man gerecht sein will — gutheißen kann ein Diener Gottes das nicht."
Der Rittmeister zuckte halb Unwillig die Achseln.
„Sie war ja aber gleich ohne Besinnung. Mag's auch so sein — der Mann wußte doch, wie die ganze Stadt sie hochhielt, wie freigebig sie war und so weiter. Wissen Sie, Föhrenthal, mir wird rein hundeelend zumute, wenn ich mir denke, sie liegt nun da so unten in dieser scheußlichen feuchten Gruft, der Verwesung preisgegeben, dieses bildschöne, sprühende, unvergleichliche Geschöpf — wie das möglich war, das Unglück — auch gleich so zu stürzen, daß alles zu Ende ist".
Er steckte fröstelnd die Hand zwischen seinen Attila.
Föhrenthals Blick suchte Tressenbergs leeren Platz.
„Dem mag 'auch nicht sehr wohl zumute sein!" meinte er bezeichnend. „Auch ein tragischer Zufall, daß Frau Hanna sich gerade in der Gesellschaft des Menschen zu Tode stürzen mußte, den sie nie hatte leiden mögen."
Graf Below, dessen schönes Zigeunergesicht deutlich ausdrückte, daß er aus allen Himmeln gestürzt worden war, hatte die Worte des Kameraven gehört und warf nun leidenschaftlich ein:
„Mußte mich an dem Tage auch der Teufel reiten, daß ich in letzter Stunde, nachdem ich schon abgesagt hatte, doch noch nach W röschen fuhr. Hätte der Landrat nur eine Stunde eher zu mir geschickt, dann war ich ihr Begleiter und sie lebte vielleicht heut noch."
„Hüten Sie sich, Graf!" warnte der Rittmeister ungewöhnlich ernst. „Baron Tressenberg versteht keinen Spaß und Ihre Worte klingen wie eine versteckte Anschuldigung."
„Durchaus nicht, Herr Rittmeister, ich dachte nur an Zu-


