Ausgabe 
1.3.1907
 
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Menschenleben, die lügen.

Roman von H. Ehrhardt, Verkafserin vonMittellose Mädchen"

Nachdruck verboten.

(Schluß statt Fortsetzung-^

Ernst Kronau hatte Margas gebrochene Gestalt an der Kirch- hosstür in einen Wagen gehoben und sich an ihrer Seite nieder­gelassen.

Nach dem Ständehause!" hatte er dem Kutscher besohlen.

Als der Wagen sich in Bewegung setzte, erwachte Marga aus ihrer halben Bewußtlosigkeit. Und wie ihr Bruder Joachim schrie auch sie jetzt auf:Hanna, du mein einziges, mein letztes Glück." Der erlösende Strom der Tränen brach endlich aus ihren Augen. Sie weinte fassungslos.

Der Rittmeister, dem ebenfalls die hellen Tropfen an den rötlichen Wimpern hingen, nahm sie in seine Arme und sie lehnte wie ein wegemüdes verirrtes Kind den Kopf an seine Brüst und überließ sich der nie gekannten schmerzlichen Er­leichterung, die ein Herz empfindet, wenn es sich an einem anderen Herzen auswcincn kann.

Erschrocken fuhr sie dann auf. Der Wagen hielt mit einem Ruck vor dem Portal des Ständehauses. Sie stiegen aus.

In einem der kleinen behaglich eleganten Salons, in die der Duft von Lorbeer, Weihrauch und brennenden Kerzen, der untrennbar ist von dem Hause, aus dem man kurz vorher ein Totes getragen, nicht gedrungen war, führte der Rittmeister das zitternde Mädchen zu einem Sessel und drückte sie sanft darauf nieder. Die Zofe, welche ihr Hut und Mantel abgenommen, ivar diskret verschwunden. Einsamkeit und Stille umgab sie. Das leise fassungslose Weinen Margas war der einzig hörbare Laut. Und wie Ernst Kronau sie so sitzen sah, die einst so blühende, kräftige Gestalt, um die das schwarze Kleid jetzt förm­lich schlotterte, die blutlose Haut des Halses und der kleinen vom wirren Blondhaar halb verdeckten Ohren, die einst in so rosiger Frische geleuchtet, da kam ihm ein heißes Erbarmen mit dieser lungen, gebrochenen Mädchenblüte, der die letzte Liebe seines Herzens gegolten.

.Weinen Sie nicht so, Fräulein Marga!" bat er,es ist ja wahr. Sie und wir alle haben viel an der geliebten Toten verloren, aber unsere Tränen können sie nicht mehr zurückrufeu. cO) bin überzeugt, sie selbst würde es nicht mehr wollen. Den­ken Sie auch ein wenig an das Glück der Toten. Sie war nicht geschaffen für Leid, Trauer und Enttäuschung, die bei längerer Lebensdauer keinem Menschen erspart bleiben. Sie ist gestor­ben, tvie sie gelebt, als ein echter Götterliebling, mitten auf der Höhe, mitten im Glück, in Schönheit und Jugend--wollen

Sie ihr das nicht gönnen, Baronesse, Sie, die Sic Hanna so sehr geliebt?"

Ich gönne es ihr!" schluchzte Marga,ich weiß, sie wollte immer jung sterben, aber ich bin egoistisch, ich denke an mich sie war mein letzter Halt, die einzige Zuflucht, die ich noch besaß--".

Sie haben doch noch Ihre Eltern, Baronesse!"

Marga ließ die Hände mir dem Taschentuch vom Gesicht sinken/ ihre Tränen waren plötzlich versiegt, sie sah furchtbar bitter aus.

Meine Eltern sind mir ganz fremd, Herr Rittmeister< sie haben nie mein Vertrauen gewollt ich gehe so neben ihnen her, weil ich eben in Loßwitz sein muß, aber ich weiß, sie würden mich nicht vermissen. Heiratet mein Bruder Dietrich erst, dann bin ich ganz überflüssig. Er zieht nach Loßwitz. Seine Frau wird mich nie lieb gewinnen, so wie sie mir schon jetzt unsym­pathisch ist und wenn meine Eltern mal sterben bin ich nur noch eine Geduldete km Hause meiner Väter". Ihre Stimme fing an zu beben.Ich habe so eine Angst, eine schreckliche Angst, vor dem Leben, vor der ganzen dunklen Zukunft. Immer muß ich denken: Welches Unglück wird jetzt wieder über dich herein- brechen?"

Ein rührender, hilfloser Jammer vibrierte durch ihre Worte. Sie war gar nickst hübsch in dem Augenblick mit dem blassen/ vom Weinen entstellten Gesicht, den dickgeschwolleueu Lidern, aber der Mann vor ihr sah das gar nicht. Eine Art verzweifeln­der Kühnheit ließ alte, längst begrabene Wünsche in ihm wieder auferstehen und legte ihm Worte auf die Lippen, die er nie mehr zu sprechen gedacht hatte.

Marga!" sagte er, beide Hände des überraschten Mädchens ergreifend,es ist vielleicht eine schlechte Stunde, so direkt von einem frischen Grabe kommend aber ich muß sie benützen. Ich habe so eine dumpfe Ahnung, daß, wenn wir uns dies­mal ohne Aussprache trennen, sich nie mehr eine Gelegenheit dazu bietet. Marga, Sie wissen, !vie lieb ich Sie habe. Sie haben mir damals mit ihrem lieben Briefe bewiesen, daß auch Sie mir nicht abgeneigt sind. Geben Sie mir jetzt das Recht, Sie zu schützen, Sie vor einer so traurigen Zukunft zu bewahren?"

Er fühlte, wie ein Zittern ihren ganzen Körper überflog.

Ich bin nicht mehr dieselbe, die jenen Brief schrieb", stam­melte sie erregt,ich danke Ihnen oh, Sie tun mir wohl aber ich darf Sie nicht mehr anhören".

Weil Sie unterdes einen anderen geliebt haben, Marga?" meinte er in mitfühlendem Verstehen.Sie brauchen nicht zu erröten, ich weiß alles und ich ehre Ihren Schmerz. Poseck ivar ein lieber goldener Mensch, mit dem ich Sie neidlos und freu­dig glücklich gesehen hätte. Es tvürde ihm das Herz zerreißen, Marga, wenn er Sie jetzt so sähe, wenn er hörte, wie Sie sich jedes Anrecht auf eine glückliche Zukunft von selbst absprechen."

In Margas armem Kopfe brauste und summte es vor dcu auf sie einstürmenden Gedanken. Allmählich rang sich eine wohl­bekannte geliebte Stimme durch das Chaos mit den Worten; aus Walters Briefe:Wenn je ein ehrenwerter Mann Dich retten will aus der Misere Deines Elternhauses, so folge ihm und werde glücklich." Aber sie liebte Ernst Kronau nicht. In ihr war alles tot und kalt.

Ich kann nicht heucheln, Herr Rittmeister!" Ihre flehen­den bangen Augen suchten Verzeihung heischend sein Gesicht,ich darf Ihre Frau nicht werden, weil ich noch immer dcu Schmerz um den Toteir fühle. Ich würde Ihnen schlecht danken für Ihre Liebe, Ihre Güte" Sie stockte, weil ihr die kaum versiegten Tränen wicderkehrten.