766
Und das Glück war schon da, es mußte gleich mit der alten Frau über die Schwelle getreten sein!
Am nächsten Margen kam der Brief von dem Bankhause, bei bent sich dec stellungslose Buchhalter itnt einen bescheidenen Posten beworben hatte. Er durfte sich dem Chef vorstellen.
Als er zurückkam, sprach er zu seiner Frau:
„Nun wirds anders werden. Die Anstellung habe ich. Jetzt gehts vorwärts, ich fühls! Werde nur schnell gesund und du sollst für alles Schwere und Traurige entschädigt werden!"
Er hatte nickst zu viel verheißen: Vielfacher Millionär, beneideter Bürscnsürst, Größe der bestell Gesellschaft!
Aber stand er auch sicher auf dieser Höhe?
Er konnte stürzen. Er konnte?
Hatte er nicht scholl den Bodeil unter den Füßen verloren?
War er nicht baukerott, seine Existenz nicht seit langem eine gleißnerische Lüge, die nun bald entlarvt werden mußte?
Er zitterte, als er an die Stunde dachte, die ihn zerschmet- teni würde.
Er würde wieder hinabsinken ins Elend, jetzt als alter Mann, wo es zu spät war, sich wieder hinaufzuarbeiten. Und mit ihm würde seine Faniilie der Not preisgegeben werden, und dem Spott und der Mißachtung, die noch schwerer drückten.
Sollte er sich seiner Frau offenbaren?
Er hörte ihren Schritt.
Ja, er wollte aufrichtig sein.
Anzusehen wagte er sie nicht. Er stützte den Kopf in beide Hände und so legte er seine Beichte ab.
Er wußte nicht, wie lange er geredet, er wußte nur, daß er die rückhaltslrse Wahrheit bekannt hatte.
Ein beklemmendes Schweigen, und dann die Stimme seiner Frau, so milde, wie er sie nie vernommen:
„Sei nicht kleinmütig, Robert. Wir werden zusammenstehen wie bisher. Und wenn wir dieses prunkvolle Heim verlassen müssen, ein anderes wird uns aufnehmen, sei es auch noch so bescheiden. Ich war auf diese Wandlung in unserem Schicksal gefaßt und habe vorgesorgt. Komm!"
Sie nahm seine Hand und er folgte ihr willenlos.
Und plötzlich standen sie auf der Straße.
Wie wohl die kühle Winterluft tat! Ein frischer Blutstrom ei goß sich in seine Adern. War das wiederkehrende Jugend?
Aneinandergelehnt schritten sie in die Nacht hinein. Wohin? Er mochte nicht fragen.
Noch war des Silvestertrubels kein Ende.
In den Häusern erleuchtete Fenster. Lustige Musik bald hierher, bald dorther. In den breiten, schnurgeraden Straßen dichte Menschenschwärme. Ein Rusen und Jauchzen! Eine rau- sckwnde, brausende Freude, als sei nun endlich alles Leid von der Menschheit genommen!
Stiller wurde es. Man ging durch die einsamen Alleen des Tiergartens, vorbei an erstarrten Gewässern, ragenden Denkmälern.
Erneutes Stimmengewirr. Unter den Linden eine wogende, lärmende Menge.
Vorüber, und weiter hinein in das gewaltige Häusermeer. .Enger und dunkler wurden die Straßen, immer dunkler.
Und noch immer nicht am Ziel. Aber trotz der langen Wanderung keine Ermüdung.
Doch jetzt ein leichter Druck am Arm.
Seine Frau blieb stehen und wies auf ein Haus — eines wie hundert und aberhundert in diesem entlegenen Viertel.
Er erkannte es aber sogleich wieder. Die hellen Fenster ganz oben — Mutter Schirmers Wohnung und einst die seine.
Oder täuschte er sich? War einst heute? War das alles nur Einbildung gewesen? Hatte er sein Leben der Arbeit und der Erfolge nicht gelebt, sondern nur geträumt?
Nein, er war reich und angesehen geworden, das Glück hatte ihn verschwenderisch bedacht, aber es war ihm nicht treu geblieben.
Die Not würde ihn wieder mit eisernem Griff packen und hiuabstoßeu in die finstere Tiefe und er würde nie wieder ans Sonnenlicht gelangen.
„Hier werden wir wieder wohnen", sagte seine Frau. Es klang so selbstverständlich, so ohne jede Bitterkeit, daß sich ihm das Herz zusammenzog vor Wehmut.
Durch Tränen sah er, wie sich eines der hellen Fenster öffnete. Frau Schirmer schaute herab mit ihrem gutmütigen Gesicht und winkte.
Und jetzt war es ein anderes Antlitz, das eines wunderschönen Engels mit blonden: Lockenhaar, auf dem ein Stern blitzte. Auch der Engel winkte, winkte mit einem Palmenzweige. —. — :--
„Robert! Aber so höre doch! Du bist ja gar nicht zu ermuntern !"
Der Kommerzienrat fuhr wachgerüttelt in die Höhe.
„Mir scheint, du bist noch im Traumlande."
Er rieb sich die Augen und da fühlte er die Hand feucht werden.
„Ja, ich war im Traumlande", antwortete er, sich langsam auf die Wirklichkeit besinnend. „Draußen im Osten, weit draußen — bei unserer Mutter Schirmer. Du weißt--"
Die Rätin lachte.
„Ich verstehe! Dort liegt ja wieder eine ihrer berühmten GratulatiouZkarten. D er unvermeidliche Engel! Zu drollig!"
Der Rat lachte nicht mit.
Am Vormittag werde ich zu der Alten hinaus fahren, um ihr für den Glückwunsch zu danken", erklärte er. „Begleitest du mich?"
„Welch ein Einfall! Was ist dir nur?"
„Mir träumte, wir wären verarmt und wieder war es jene menschenfreundliche Frau, die uns aufnahm — wie vor zwanzig Jahren. Die Vergangenheit ist mir seltsam klar vor die Seele getreten. Sie ist doch ein unlösbarer Teil von unserem kurzen Leben und es ist eine Torheit und ein Unrecht, ihrer mit Geringschätzung zu gedenken oder sie gar vergessen zu wollen."
Die Kommerzienrätin dachte ein Weilchen nach. D an» sagte sie:
„Wir fahren zusammen hinaus, Robert! Beide wollen wir der Alten Glück zum neuen Jahre wünschen, und wenn. wir in unserem einstigen Stübchen sitzen, sollst du uns deinen Silvestertraum erzählen. So wird er uns zu einer guten Vorbedeutung werden!"
Zum Jahreswechsel. Bon Ottilie Thein.
Nachdruck verboten.
Wenn Weihnachten so recht als Familienfest gefeiert wird, wenn sich dann die einzelnen Glieder des Hausstandes fester aneinander schließen und sich gegenseitig zu erfreuen trachten, so ist der Schluß und Aitfang des neuen Jahres mehr der Geielltgkett im weiteren Kreise gewidmet. Ueberall finden sich frohgelaunte Menschen zu- santmeu, die im schönen Verein den Ausgang des alten und den Eingang des neuen Jahres feiern wollen. Z an Beweis freund» liehen Gedenkens schicken sie sich (Sratuiauonstarten und briefliche Glückwünsche zu. Lieber aber sagen sie sich letztere persönlich und bekräftigen sie mit entern herzlich gemeinten Händedruck. Während die Glockenklättge den Anbruch eines neuen Lebensabschnittes verkünden, hebett sie unter freundlichen Worten die Gläser, um einander Glück und Freude, Gesundheit unb ein langes Leben zu wünschen. Vott Alters her sind an diesen Tagen mancherlei Brauche und Mißbräuche üblich unb der Aberglaube treibt merkwürdige Blüten. Wer sich z. B. um Mitternacht an einem Kreuzwege auiiteilt, sieht den Himmel offen. Weht der Oslwtnd in der Silvesternacht, so bedeutet das ein reiches Obstjahr, Südwind dagegen kündet eine gute Kornernte an, der Westwind beutet auf Fisch- unb Milchreichtum, Nord» roinb aber auf viel Sturm unb Kälte. In der Silvesternacht soll keine Wäsche hängen, sonst stirbt jemand in dem Hattje, ist eine alte Sage. In der Silvesternacht geht zwar mancher nach frommem Brauch m die Kirche, ein anderer aber treibt Allotria und beunruhigt seine Nebennrenscheii durch Schießen, Schreien unb derbe Witze. Jeder handelt eben nach seiner Weise. Jit man aber auch dem Scherz durchaus nicht abgeneigt, so ist es doch sehr anjuerteniten, daß jetzt dem allzu lauten Treiben, besonders aber deut lebensgefährlichen Schießen, etwas Einhalt getan wird. Manch einer hat sich durch einen Schuß lebenslang verstümmelt unb sich unb andere durch seine eigene Schuld unglücklich gemacht. Das neue Jahr wird immer noch in allen Gegenden Deutschlands angeschosseit, und jeder Limburger Bursche feuert sogar eine sehr große Anzahl Schüsse ab, um dadurch die Größe seiner Liebe zur Auserkorenen anzuzeigen. Am Rhein ziehen die Schießenden von Haus zu Haus, um den Mädchen ein kranzartiges Gebäck zu überreichen, die ihnen dafür Kaffee kochen und sich zum sogen. „Neujahrskränzchen" mit ihnen vereinen. Bekanntlich überbringen alljährlich am Neujahrskarte die Halloreii zu Halle a. S. (bie Arbeiter ber Salzsalmen) dem Kaiser eme große Salzpyramide, die Sooleier und eine Wurst enthält.
Um noch auf die in der Silvesternacht sonst üblichen Scherze und Unterhaliimgen zu kommen, jo wird sie für bie richtige Zeit zur Erforschung ber Zukunft, zur Anwendung jeglichen Liebeszaubers gehalten. Wie am Andreastage, am 30. November, der dem Schutzpatron aller heiratslustigen Mädchen, Andreas, geweiht ist. so werden auch am Silvestertage der Anstrengungen genug gemacht, um den Zukünftigen zu erblicken oder [einen Namen zu erfahren, wie überhaupt nur einen Blick in die Znknnst zu werfen. Da schlendert das schlesische Mädchen seinen Hausschuh hinter sich und erfährt nun, wenn dessen Spitze nach der Stubentür zeigt, daß es bald heiraten wird. Weist jedoch die Ferse dahin, so muß es noch ledig bleiben. Das norddeutsche Mädchen ersieht an ber nach außen liegenden Schnhspitze, daß es in die weite Welt gehen wird. Ferner werden


