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Silvestertraum.
Erzählung von Georg P e r s i ch.
Nachdruck verboten.
Eine glänzende Gesellschaft war am Silvesterabend beim Kommerzienrat Friedel versammelt. n
In der weiten Flucht der Säle und Gemächer der am Kur- fnrstendamm gelegenen, luxuriös eingerichteten Wohnung sah man die elegantesten Frauenerscheinuugen, die bekanntesten Vertreter der Finanzwelt, hohe Regierungsbeamte, Offiziere, die modernsten Schriftsteller und Künstler, und als sich um die zwölfte Stunde alles zusammcnscharte und das neugeborene Jahr, mit einer aus den edelsten Weinen gemischten Bowle seine Weihe eurpfing, da war ein lnmtercs, bewegteres Bild kaum denkbar.
Der Komnierzienrat hielt eine Rebe — eine sehr schwungvolle, witzige Rede.
Die Damen und Herren klatschten Beifall und als spater em gefeierter Bühnendichter ein Hoch ausbrachte, war man übereinstimmend der Meinung, daß der Hausherr seine Sache viel, viel besser gemacht habe. Ja, wenn der ein Lustspiel schreiben wollte — der würde nicht wenige berufsmässige Thcaterschriftsteller in den Schatten stellen!
Fröhlicher konnte man das Jahr nicht beginnen als in diesem Kreise! .
Aber die Stunden verrannen, die Stimmung begann abzuflauen imb endlich mußte man sich zum Aufbruch rüsten.
Beim Abschiede gab jeder dem Gastgeber und seiner Gemahlin die Versicherung, noch nie einen so köstlichen Silvesterabend verlebt zu haben, und jeder erhielt von dem Koinmerzienrat ein munteres Scherzwort mit auf den Weg.
Er war immer lustig und schlagfertig, der prächtige Mensch!
Und nun war die Familie wieder allein, ganz unter sich, truch der Hausherr ein wenig abgespannt und ermüdet.
Reinhold, der Sekundaner, versuchte noch einmal auf seine Weise die Geister zu beleben, üidem er eine despektierliche Bemerkung über einen Oberleutnant machte, der das Herzchen Schwester Evelinens mit kriegerischer Ausdauer bestürmt hatte.
Evcline verteidigte ihren Ritter erst schüchtern, dann energischer, und es hätte noch einen lebhaften Austausch geschwisterlicher Zärtlichkeiten gegeben, wenn die Frau Mama die feindlichen Parteien nicht durch einen Machtspruch ins Bett geschickt hätte.
Der Kommerzienrat hatte die kleine Zänkerei kaum beachtet. Jetzt zündete er sich eine neue Zigarette an und schenkte sich ein letztes Glas Sekt ein.
Als er dieses geleert, meinte er zu seiner Frau:
„Ich habe noch einige Briefe zu lesen, und du loirst auch wohl noch ein Viertelstündchen beschäftigt sein, Elise?"
Er wußte, sie ließ es sich nicht nehmen, das Wegschließen des Silberzeugs selbst zu überwachen.
„Ich komme nachher in dein Arbeitszimmer, um dir Gutenacht zu sagen."
„Wohl! Aber bleibe nicht zu lange aus! Es ist bald drei Mr." - -
Auf seinem Schreibtisch fand der Kommerzienrat neben anderen Briefen schon Neujahrsglückwünsche — die Vorboten der am, Morgen zu erwartenden Hochflut.
Ucble Sitte das!
Mutter Schirmer gratulierte natürlich auch wieder ais tun. der ersten, und wieder auf einer Karte, auf der ein Engel euren Palmenzweig schwang.
Ein Engel mußte immer darauf sein, sonst wars nach Ansrcht der Alten kein rechter Glückwunsch.
Er wollte ihr doch in den nächsten Tagen wieder eine kleine Beihülse zukommen lassen. Sie konnte sie brauchen.
Mutter Schirmer! —
Der Kommerzienrat setzte sich
Hoch siebzig war sie schon! Hm ja, es war über zwanzig Jahre her — er war dreiundfünfzig — über zwanzig Jahre, daß er und seine Elise nach Berlin gekommen waren — — dritter Klasse, und das war schon Verschwendung gewesen.
Und dann suchten sie ein Stübchen. Billig mußte es sein, und so gingen sie auf die Suche ganz hinten im Osten.
Im vierten Stockwerk eines schmucklosen grauen Hauses niie- tetcn sie ein möbliertes Zimmer. Na, die Möbel! Aber sauber war alles und die Wirtin erst recht.
Er war vor Jahren mal in seiner Kalesche an der alten Mietskaserne vorbeigcfahren.
Im März wars, und die winterlichen Manilavorhänge hatten noch nicht abgcdankt. Mutter Schirmer hielts wohl noch genau so wie ehedem. Nicht eher und nicht später als am ersten April wurden die Vorhänge heruntergenommen und durch Zwirngav- dinen ersetzt. Das war für sie Frühlingsanfang.
Daß er kein Parvenü geworden, merkte er damals.
Er hatte sich beim Erinnern an die elende Behausung und an die ganze elende Vergangenheit nicht vor Widerwillen geschüttelt, nein, er war melancholisch geworden, als er flüchtig hinaufspähte zum Dachfirst.
Aber ausgcstiegen und die schmalen Treppen hinanfgeklettert war er doch nicht. Die Alte ioürde sich zwar unbändig gefreut haben, doch es hätte Aufsehen im Hause gegeben. Man hätte nachgefragt und es wäre unnützes Gerede entstanden. So was verirrt sich manchmal sogar in die Zeitung. —
Wars nicht auch ein Silvesterabend gewesen, als er---"
richtig, die Glocken läuteten gerade das neue Jahr ein und ihre Klänge dröhnten über das Häusermeer, als er sich weit, weit aus dem Fenster gelehnt---
Da hatte ihn seine Frau gerufen. Sie lag krank darnieder und bedurfte einer Handreichung. Und da war er erschrocken zurückgefahren und hatte sich geschämt, und hatte im Stillen das Gelübde getan, nie wieder solchem sündhaften Gedanken Raum geben zu wollen.
Und da war Mutter Schirmer im Türrahmen erschienen mit einem Brettchen, auf dem dampfende Punschgläser standen und ein Teller mit selbstgebackenew, verlockend duftendem Silvester- kuchcn. n, r , .
Die Glocken läuteten noch immer, als man anstieß auf etne bessere Zukunft, auf Glück und Wohlergehen ->


