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Labourache: „Ich? Aber ich schwöre dir: ich habe kein Wort ihm gesprochen! Da sragt Gustav mich plötzlich: „Papa, was
zu ihni gesprochen! Da sragt Gustav mich plötzlich: „Papa, was denkst dn von den Japanern?" Und ich antworte mit meiner gewohnten Osfenherzigkeit: „Ich finde ihre Kriegführung nicht soitderlich zivilisiert." Bei diesen Worten stürzt der kleine, gelbe Herr auf mich zu und versetzt mir einen schrecklichen Faustschlag gerade ins Gesicht. Dann springt er aus dem Zuge und ver-
SSiuIc.
Madame Labourache: „Nanu? Was ist denn dir passiert?"
Labourache (noch ganz aufgeregt): „Ja, sieht btt —ich war mit Gustav in ein Abteil gestiegen, in dem nur etn kleiner Herr mit gelber Gesichtsfarbe,, geschlitzten Augen, platter Nase und schwarzem Schnurrbart sah. — Er saß in einer Ecke und sprach keinen Ton."
Madame Labourache: „Du wirst ihn provoziert haben
t>ie Buchstaben des ganzen Alphabets an die Tür osee mtf die i L.schplaue geschrieben. Der oder die Neugierige greru mit verbundenen Augen nach eincnl Buchstaben, der dann den Namen des Zukümtigeu oder der Braut anzeigt. Mistel sind das Wahrzeichen der Liebe. So wird denn ein Ap-el sehr schmatstreiftg abgeschält und voii den Belressendcn rückivärts über deii Koch geivoricn. Irgend ein Buchstabe laßt sich schon herauslese», der zur Befriedigung verhütt. Beiui Bleigiesten zeigen sich die mannigfachsten Formen, die auf alle Lebensverhälnnsse gedemet iverden können. Berur Glucksgrenen iverdeii ver!ch>ede>ie Figuren und formen, die enliveder mis Kuchenteich gebacken oder aus Pappe geschnitten wiirden, aus einer verdeckten Schüssel herausgenoinme». Auch hierdurch sucht man die Zukuii't zu ergründe», i»de»r etn Mann, eine Frau, ein Ring, die Glücksgöttin selbst, Geld usw. uachgebildet worden sind und nun ergriffe» werde». Auf Wunschzettel schreibt man die verschiedensten Wünsche am, rollt die Zettel fest zusainmen und lässt fie von de» Anwesenden abnehnren. Ihr Inhalt ivird dann auf das kommende Jahr bezogen. Für sich nlleiir schreibt mau drei ganz besondere Liebliugswünsche ar>i, deren Eriülluiig einem sehr am Herzen liegt, und gibt de» einzelne» Blättchen stir die Silvesternacht einen Platz uulerm Kopskissen. Der nur Neujnhrsmorgen zuerst hervorgezogeue Wunsch geht dann in, nächsten Jahre in Erfüllung. Beim ersten Schlag der Muiernachtsstunde besteigt inan in Norddentschlnud wohl einen Stuhl, eine Bank, oder gar den Tisch, mit von hieraus den Glückssprung in das neue Jahr hinein zu machen. Unsere Vottabren glaubten, daß an der Jahreswende überirdische Kräfte gleichsam eine Brücke vom Sinnlichen nach dem Unbegreiflichen schlugen, und manche Sitte, die noch heutzutage geübt ivird, schreibt sich noch aus der Zeil her, da die alten Deutschen Götter verehrten und Donar, Froh und Holda ihnen lieb und wert waren.
Heimkehr mit Hindernissen.
Bon Löon Souvestre. Autorisierte Nebersetzung aus dem Französischen von Dr. Josephs» hn.
Herr und Madame Labourache, ihr Sohn Gustav, 8 Jahre alt, und ihre Tochter Eudoxia, 6 Jahre alt, haben den Sonntagnachmittag bei Freunden auf dem Lande in Parc-Samt-Maur verbracht. Da das Wetter abscheulich war, hat man den ganzen Nachmittag in dem Speisezintmer der kleinen Villa sitzen müssen. Des Abends nach dem Essen haben die Damen das etliche ©tun» den vorher begonnene Gespräch über die Dienstboten wieder auf- geiiommen. Gustav langlveilt sich vor einem Ansichtskartenalbum und gähnt, als ,volle er sich die Kinnbacken ausrenken, Eudoxia bohrt die Finger bis zum Ellbogen in die Nase, und die beiden Herren haben sich zu einer Schachpartie gesetzt.. Die Partie ist endlos wie eine Seeschlange und interessant wie em Kapitel aus einem Kriminalroman, so bar die beiden Spieler alles andere darüber vergessen. Es bedarf daher gegen 10 Uhr abends der ganz cnergischeil Intervention seitens Madame Labourache, um ihrem Gatten begreiflich zu machen, daß es allerhöchste Zett sei, den Heimiveg anzutreten. ,
Die Familie Labourache macht sich also in einer wahrhaft ägyptischen Finsternis mitten durch Wasserpsützen bei immer iwch strömendem Regen auf den Weg zum Bahnhof.
Der Bahnsteig ist schwarz von Menschen.
Labourache: „Donnerwetter! — Das wird schwer halten, uns zu plazieren!" t _ ...
Madame Labourache: „Ja, wenn du Nicht wie verdungen vor diesem blödsinnigen Schachbrett gesessen hättest' —
Labourache: „Was ist da viel zu reden! Was geschehen ist, ist geschehen. Ich nehnie Gustav auf mich — sorge du sur Eudoxia. Sollten wir getrennt werden, so treffen wir uns aus dem Bahnhof in Paris wieder." .
Madame Labourache: „Und die Wurst, d,e uns unsere Freunde gegeben haben? Ich habe gerade genug damit zu tun, meme ^"^Labourache: „Gib her! — Ach! ich habe die Billetts ver-
Madame Labourache: „Schafs-kops! Drei Frank zum Teufel. Na, statt dazustehen wie ein Oelgötze, laufe lieber und hole andere — aber etwas schnell!" „ , . „ ...
Hcrr Labourache, der einen heillosen Respekt vor ferner Gattin hat, stürzt an den Schalter. Als er zurückkomnit, fährt gerade em Zug in der Richtung nach Paris ab. .
Madame Labourache: „Durch deine Schuld haben totr den
Zug versäumt!" , „ n„
Gustav: „Papa, gibts keinen anderen Zug?" Labourache: „Aber ja! Natürlich!" _ o
Nach Verlauf von zehn Minuten kommt em zweiter Zug
ÜU. Er ist voll. Gedränge. Die Familie Labourache empfangt etliche Rippenstöße. Da sie um jeden Preis alle im nämlichen Coupü sitzen wollen, sinden sie überhaupt fernen Platz und sind gezwungen, auf dem Bahnsteig zu bleiben. ,
Madame Labourache (zu ihrem Gatten): ,Lch sagte es dir ja! Mit deiner dummen Manier, mir wie cm Hündchen nach- ^Labonrache: „Aber bitte, du warst im Gegenteil diejenige, welche immer schrie, wenn ich mich nur em en Schritt entfernte !"
Madame Labourache: „Esel!"
Labourache: „Ach bitte — ich liebe nicht, vor den Leuten —"
Madame Labourache: „Was liebst du nicht? Sag doch mal: was liebst du nicht? (Herr Labourache beobachtet klugerweise Schweigen.) Siehst du, du weißt es selbst nicht einmal! In solchem Falle schweigt man!"
Eudoxia (beginnt zu weinen): „Mama, werden wir nicht bald nach Hause sichren?"
Madame Labourache: „Ach, laß mich in Ruhe! (Eudoxia beginnt stärker zu weinen.) Wenn du heulst, gibts Ohrfeigen!"
Em neuer Zug fährt in die Halle ein. Sturm aus die Waggons. Ohne sich um ihren Gatten oder ihren Sohn hu kümmern, stürzt Madame Labourache mit Eudoxia in ein Abteil, in dem nur noch ein Platz leer ist. . ,
Ein mürrischer Reisender: „Aber das Coups ist za voll!
Madame Labourache: „Was haben Sie mir zu sagen, he?" (Sie setzt sich mit Aplomb aus den freien Platz. Eudoxia bleibt vor ihr stehen.)
Eudoxia: „Und Papa?"
Madame Labourache: „Der wird sich schon früh genug wieder- sinden." , ~ „
Ter Zug fährt ab. Plötzlich stößt Eudoxia, die durchs Fenster gesehen hat, einen Schrei aus.
Eudoxia: „Ach, Mama! Mama! Papa ist nicht mitgekommen!" _ ~ vz, ,
Madame Labourache: „Das sieht ihm ähnlich! Solch' em —! Aber er hat die Billetts! Was fangen wir nun bloß an?"
Der Zug trifft in Paris ein. Madame Labourache und ihre Tochter verlassen das Coups. Madame Labourache, deren Gesicht durch den Zorii in eine apoplektische Päonie umgewandelt ist, hat den Entschluß gefaßt, den nächsten Zug zu erwarten. Aber auf der Strecke tritt eine Verkehrsstörung ein, wodurch der Zug eine beträchtliche Verspätung erleidet.
Madame Labourache (mit dem Fuße stampfend-: „Dieser Dummkops! Am Ende hat er sich noch in irgend eine Eisenbahn- katastrophe eingelassen, wenn er nicht auch diesen Zug vev säumt hat! — Nein, wirklich ein Elend, für Lebenszeit an solch einen Hampelmann gekettet zu sein!"
Endlich sährt der langersehnte Zug in den Bahnhof ein. In der Menge entdeckt Madame Labourache schließlich ihren Galten und Sohn. Ter unglückliche Labourache, welcher die Wurst krampfhaft in der Hand hält, hat über dem rechten Auge eine schrecö-
schwiudet." „ „ „«,
Madame Labourache: „Es war em Japaner, natürlich! Wozu hast du ihn auch beleidigt? Du machst immer solche Dummheiten! Aber nun komm endlich! Du hast doch tue Billetts?'
Labourache: „Ja, hier sind sie."
Die Familie Labourache wendet sich dem Ausgange zu. Man passiert die Villettkontrolle. Plötzlich taucht vor Herrn Labourache der Fiskus in Gestalt eines alten Zollbeamten auf.
Der Beamte: „Nichts zu verteuern?"
Labourache (triumphierend seine Wurst schwingend): „Nern, nichts — absolut nichts!"
Der Beamte (auf die Wurst zeigend): „Und das da?
Labourache: „Das da? Das ist nichts — absolut Nichts!"
Eudoxia: „Doch Papa! Das ist eine Wurst!"
Der Beamte (furchtbar): „Eine Wurst???! Mso Sie wollte-, schmuggeln? — Na, Ihr Maß ist voll!"
Labourache: „Mer ich toeiß ja gar nicht, daß Wurst steuer- ^'^Madame Labourache: „Er weii- nicht, daß Wurst —!!"
Labourache: „Aber so schweige doch! Ich will ja gern bezahlen. Was habe ich denn mit meinem Portemonnaie gemacht t Ich kann ja mein Portemonnaie gar nicht finden? Fran, hast du Geld?
Madame Labourache: „Nicht einen Sou!"
Der Beamte: „Habe ich Ihnen nicht gesagt: Ihr Maß ,st
Labourache: „Aber ich — mein Name ist Labourache. Soeben im Zuge hat mir ein Japaner einen Faustschlag versetzt. Jetzt errate ich: es war ein geschickter Spitzbube!"
Der Beamte: „Keine Ausflüchte! Ihr Name, Vorriame,
Labourache: „Was wird denn mit mir geschehen?"
Der Beamte: „Erstens wird die Wurst konfisziert- , Dann wird die Verwaltung einen Prozeß gegen Sie anstrengen, der «u so etwa 100 Frank kosten wird. Und wenn Sie sich wieder beim Schmuggel erwischen lassen, fliegen Sie m den Kasten 1


