Dreiiag dett 31. August
1906
WW
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Aer Stern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
Für junge, unreife Seelen haben diese Lehren etwas Faszinierendes. Und wenn sie mich nicht ganz überwältigten, so lag das wohl in der angeborenen Natur und den einfachen Anschauungen, die von meiner Jugendzeit in mir wurzelten und lebten.
Sie waren in mir nicht ganz zu entreißen, in mir nicht zu ertöten."
Mit einem glückseligen Lächeln schaute sie um sich, als wolle sie sich vergewissern, daß sie all dies noch besitze, was ihr aus der Wirrnis ihrer Seele wieder zu Ruhe und Frieden geholfen. Da war cs um sie ausgebreitet in freundlicher, heimlicher Innigkeit. Das traute Heim I
Hier auf diesem Boden schlichtester, reinster Wahrhaftigkeit hatte sie Einkehr gehalten und den Mut gewonnen, offen zu sprechen über ihre Vergangenheit.
Und Graf Gnido sollte es fein I Damit er verstehen lerne, daß sie nicht anders habe handeln können.
Verstehen!
Verschmerzen I
Sie hatte eine kleine Pause gemacht, als sammle sic frische Kräfte zum Letzten, was noch zu sagen ivar.
Der Graf saß da, als ob eine ganz neue Welt ihm erschlossen würde.
Stumm, wortlos, in unsäglichem Staunen.
Das Standesbewußtsein seiner Kreise, ihr Adelsstolz und der Hochmut aristokratischer Vorurteile waren ihm nicht fremd. Er selbst gehörte einem stolzen, altadeligen Geschlecht an, und sie alle fühlten cs als einen Vorzug, der sie über andere Sterbliche erhob. Aber daß dieser Stolz auch auf einem ganz anderen Boden keimen konnte, war ihm neu, unfaßlich.
Und gerade die, die für die Parias der Gesellschaft galten, Komödianten, Künstlcrvolk, Zigeuner, hatten diesen Stolz in sich ausgebildet, in ihren Reihen gab es welche, die sich mehr dünkten als die ganze übrige Welt.
Und Della gehörte zu ihnen, und darum hatte sie damals, als er in Mailand seine Grafenkrone ihr aufs Haupt setzen wollte, ihn zurückgewiescn. Damals, als er klar und deutlich um sie warb, am Tage nach ihrem ersten Auftreten in der Skala zu Mailand. Ja, wahrhaftig!
Damals war er nur ein armer Graf und sie eine Königin, der jubelnd alle Welt zu Füßen lag. Er hatte die wahnsinnige südländische Begeisterung miterlebt, die sie bis in die Wolken hob und ihr am Taae darauf anacboten, allem zu
entsagen, ihrer Kunst, ihrem Ruhm, ihrer Karriere, und sein Weib zu werden. ~
Das Kantorstöchterlein aus Bernstadt lind die schloß. Herrin von Giersdorf!
War das nicht auch eine Karriere?
Jetzt aber verstand er sie!
Und als wäre sie seinem Eedankengange gefolgt, sagte sic: „Sie werden cs nach dicscn Bckenntnisscn vielleicht begreifen, was in Mailand zwischen uns stand. Ich hatte die erste Staffel erklommen, die hinaufführtc zu den Gipfeln des Ruhmes. Die Schwelle des Tempels hatte ich überschritten und Sie luden mich zur Umkehr! Mich ersüllte der wundervolle Rausch des Erfolges, und Sie boten mir den nüchternen Trank einer Ehe! Ich sollte daS Begehren eines einzelnen erfüllen, einem einzelnen gehören, wo die ganze Welt mich jubelnd verlangte, wo Königinnen und Fürsten meiner harrten!"
„O, Della, eg hätte eines gegeben, was Ihnen das Opfer leicht gemacht hätte — die Liebe!"
Sie sah ihn mit weiten, traumhaften Blicken an, als trete ein ganz neuer Gedanke vor ihre Seele.
„Aber Sie liebten mich nicht, und in leidenschaftlichem, eifersüchtigem Zorn, in Haß und Verachtung gegen einen anderen, ging ich von dannen, und . . . o, eine Ehe, wie ich sie führe, ist die gerechte Sühne für ein Bündnis, das aus Trotz und verletztem Schamgefühl geschlossen wurde."
Eine tiefe, hoffnungslose Trauer durchdrang seine Worte.
„Liber ich ... ich liebte keinen anderen . . ich liebte nur meine Kunst, meinen jungen Ruhm und die Freiheit des mir selbst erschaffenen Lebens."
„Alle Welt sprach von Witielsbach! Damals schon. Und immer wieder! Man glaubte Sie in intimen Beziehungen zu ihm, frei, wie es in diesen Kreisen oft vorkommt, und doch gebunden ..."
Sie zuckte zusammen. Eine fahle Blässe bedeckte ihr« Wangen. Wie etwas Bekanntes klangen ihr seine Worte War es Wittelsbach nicht, der vor kurzem so zu ihr gesprochen?
Sie hatte sich erhoben.
„Die Vermutungen waren und sind falsch, Herr Graf!" sagte sie mit etwas gehobener Stimme, „aber ich habe fein Recht, mich darüber zu beklagen. Wer sich außerhalb bei Bestehenden, allgemein Gültigen stellt, muß die Folgen davor tragen. Aber um eines bitte ich Sie, daß Sie mir glauben Wittelsbach stand nie in einer anderen Beziehung zu mir als der eines Lehrers erst, dann — eines Freundes! Vieh leicht richtiger eines Kameraden, Kollegen! Das Ziel wai erreicht, was mir damals das Erstrebenswerteste schien. Ein«


