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farbig zu umsäumen, da traf ein Telegramm von Hammer ei», das Priestap stark erregte. Es klang wie ein Hilfeschrei. Das Prinz Ferdinand-Theater war in Gefahr; aus dem für Schönes, Edles und Wahres erbautem Hause sollte die Kunst vertrieben werden. In Priestap wurde die Erinnerung an seine Mutter mit Allgewalt lebendig. Er hatte in letzter Zeit häufig von ihr geträumt; sie stand vor ihm, setzte sich an sein Lager, sprach mit ihm und küßte ihn. Das war ihm wie eine Mahnung erschienen.
Er wollte nach Berlin. Nina widersprach mcht, denn sie sreute sich auf die Heimat. Der Arzt erhob seine warnende Stimme, aber Priestap blieb fest: er wollte das Erbe seiner Mutter vor gieriger Spekulationswut retten ...
ES war eine schreckliche Reise. Sterbenskrank traf Priestap in Berlin ein. In aller Eile hatte Imhoff dafür gesorgt, daß einige Zimmer in der neuen Villa fertiggestellt würben. Da lag Harry nun, von wahnsinnigem Luxus umgeben, und auf dem Gesinise seines Schlafzimmerfensters tobten wieber die Spatzen wie ehemals.
Er hatte Hammer sprechen wollen, und man hatte nach ihm geschickt. Jeder Wunsch des Sterbenden sollte erfüllt werden; so wollte es Nina. Aber Imhoff kannte Wünsche von ihm, die er um keinen Preis zu erfüllen gedachte.
Daniel hatte Hammer in einen japanischen Salon gelassen, der von geschniackloser Ueberfülle starrte. Doch der Baumeister fand kaum Zeit, die grinsenden Götzenbilder und Teufelsmaslen, die Stoffe, Gewänder und Waffen, Schalen und Vasen, Cloisonnes und Jnkrustas näher zu betrachten: Imhoff huschte in das Gemach. Er legte den Zeigefinger auf den Mund, wies hinter sich und sprach leise.
„Baumeister, »er liegt nebenan. Es währt nicht mehr lange, es ist schrecklich. Ist es nicht schrecklich? . . . Meine arme Nina! So jung und schon Witwe . . ."
„ Was soll ich hier?" fiel Hammer ein. „Darf ich Ihrem armen Schwiegersohn noch einmal die Hand drückeen, ich tu' es gern. Aber auf ein Komödienspiel an seinem Totenbette lasse ich mich nicht ein."
„Scht, Baumeister, nicht so laut . . . Was heißt Komödie? Was er verlangt, ist ganz verrückt. Aber wir wollen ihm den Tod nicht schwer machen. Priestap liegt in der Auflösung. Soll er denn nicht in Frieden sterben? . . .
Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich. Frau Laura winkte: schwarz gekleidet, sehr würdig aussehend, durchaus Anstandsdame.
Hammer wurde in das Krankenzimmer gelassen. Priestap lag im Bette; neben ihm saß Nina, mit verkümmertem Gesicht und Tränen in den Augen, ober doch rosig und frisch. Auf bet onberen Seite hatte bet Arzt Platz genommen. Imhoff unb Laura traten in die Fensternische.
Ter Baumeister küßte Nina bie Hanb. Priestap lächelte ihm wehmütig entgegen unb bat sich neben ihn zu setzen. „Haben Sie Dank für Ihr Telegramm, Baumeister", sagte er mit schwacher Stimme, aber doch ganz deutlich. „Es war lieb von Ihnen, daß Sie meiner gedachten. Baumeister, ich will das nicht — die Oper ganz fallen zu lassen. Meiner Mutter Wünsche sollen respektert bleiben. Sind Sie nicht meiner Ansicht?"
„Selbstverständlich, Herr von Priestap", erwiderte Hammer mit ruhiger Gelassenheit, um den Kranken nicht noch mehr zu erregen. „Aber der Aufsichtsrat sorgte sich, noch größere Opfer bringen zu müssen; ich wußte, daß niein Einspruch fruchtlos bleiben würde — da zog ich mich zurück."
„Es ist noch alles zu retten, Baumeister. Herrgott, hätten Sie mir nur früher geschrieben!"
„Imhoff hatte Ihre Vollmacht, lieber Freund —"
„Imhoff hätte mich rechtzeitig informieren sollen. Ich teile seine Besorgnisse nicht. Man muß ein völlig neues Personal für Oper und Schauspiel schaffen, die besten Kräfte, und dann abermals den Kampf aufnehmen. Die Million, die für mich eingetragen ist, braucht vorläufig nicht verzinst zu werden; das ist eine große Ersparnis. Ich will auch | noch eine weitere Million spenden, damit die Sache in Fluß | kommen kanr , , , »a, bleibt noch genug für Rina — Bau- 1
meister, lieber Gott, es muß Ihnen doch selbst mit Herzen liegen, Ihr herrliches Haus nicht in eine Schaubude verwandelt zu sehen! Wenn meine große edle Mutter —"
Aber da kam er nicht weiter. Ein Hustenanfall packte ihn, blutiger Schaum trat auf seine Lippen. Nina sank vor dem Bette nieder und küßte bie Hände des Kranken. Der Arzt erhob sich unb winkte Hammer, der auf leisen Sohlen das Zimmer verließ.
Wieder wartete er zwischen den japanischen Götzen und Masken. Er hörte, nebenan wurde es ruhiger. Imhoff kam unb flüsterte: „Es ist noch einmal vorübergegangen. Aber Sie können nicht mehr zu ihm, Baumeister. Es erregt ihn zu sehr, und er deliriert schon ..."
„Sie hörten, was Priestap gesagt hat, Imhoff. Es war sein letzter Wille, ein Testament."
Claudius zog Hammer von bet Nebentür fort, weiter in das Zimmer hinein. „Baumeister, ich habe nicht widersprochen. Ein Wort sagt nichts; es fehlt das schriftliche Diktum, ich bleibe der Bevollmächtigte. Aber er soll in Frieden sterben."
„Sie wollen also keinen seiner letzten Wünsche erfüllen ?" . .......
„Er weiß nicht mehr, was er spricht. So riesig ijt ;eut Vermögen auch nicht, baß Nina auf die Verzinsung der Hypothek verzichten könnte. Unb nun gar, was er da von ber neuen Million gefaselt hat! Nein, Baumeister, daran ist gar nicht zu denken. Allerdings, eine Erhöhung des Gesellschaftskapitals wirb notwendig {ein. Auch dafür schon gesorgt worden. Sven Trusen tritt als Teilhaber ein. Das ist ein geschickter Mann. Er hat das Kasino in Rom begründet, das Eben in Kopenhagen» ben Cirque d'hiver in Brüssel; er hat eine sehr glückliche Hanb. Und hinter ihm steht ein Konsortium fübbeutscher Geldleute. Also an M-uu- mon fehlt es nicht. Aber für die Oper keinen Pfennig ->eh ! Im Winter das große Ausstattungsstück, in ber Sommersaison versuchen wir es mit einer Konkurrenz zmn Wintergarten —"
„Tas heißt, mit einem Tingel-Tangel?!" stieß Hammer hervor.
„Wir werden es wohl „Buntes Theater" nennen ober so ähnlich. Ich garantiere Ihnen: unser neues Genre füllt uns baS Hans. Ich sehe sehr rosig in bie Zukunft. Wenn Sie Ihre Anteile los werben wollen: ich nehme sie Ihnen al pari ab."
„Schurke", sagte Hammer unb wanbte sich um.
Claudius würbe rot unb starrte ihm nach. Dann lächelte et unb zuckte nut ber rechten Schulter.
Im Nebenzimmer ertönte ein leiser Aufschrei. Imhoff stürzte davon. Hammer wartete noch einige Minuten. Er hörte von nebenan ein leises Weinen, hierauf die Stimme des Arztes. Sie klang jetzt laut unb sonor, als sei keine Rücksicht mehr nötig.
Da neigte Hammer bas Haupt vor ben wehenden Tobes- schauern. Eine heiße Träne trat in sein Ange. Auch ihm war verloren gegangen, was er geliebt hatte. —
Er hatte noch auf ber Deutschen Bank zu tun und durchschritt zu Fuß ben Tiergarten. Sein Kopf war wieber stolz erhoben; stark trat er auf unb elastisch. Es stand fest: er wollte nach Wien übersiedeln, er begann bereits feinen Haushalt aufzulösen. Das Prinz Ferdinand-Theater hatte ihm Berlin verleidet. Er grübelte nicht mehr darüber nach, wer bie eigentliche Schuld an dem raschen Zerfall getragen; vielleicht wirklich et selbst in seinem stürmenden Kunstenthusiasmus, der bie rechnenbe Uebetlegung verdrängt hatte. War es so — gut; es ließ sich nicht mehr ändern. Er hatte Abschied von seiner Schöpfung genommen, er^ wollte dies Haus nie Wiedersehen. Für ihn war es nicht aus kalten Steinen gehäuft, es war Leben für ihn. Unb dieses Leben schlug feile Spekulation in Fesseln unb erniedrigte es zu unsauberer Dienstbarkeit... Die Mediceer fehlten. Solch eine große Medieeernatur war der arme kleine Mensch gewesen, von dessen Totenbette Hammer kam. Wäre er am Leben geblieben, er hätte vielleicht seine Millionen bis zum


