1906
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WiLLetlose Mädchen.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
7.
Es war einen Tag vor Kaisers Geburtstag, an einem wundervollen schneefunkelnden Wtntermorgen, als Suse Meridies vom Coupsfenster des dahinbrausenden Z..ges aus das anmutige Panorama ihres Heimatstädtchens am.Horizont verschwinden sah. Sie drückte sich so bequem als möglich in die harte Coupsecke, rtnd da sie allein blieb, vertrieb sie sich die Zeit mit goldenen Zukunftsträumen. Sie wurde immer vergnügter rmd leichtherziger, je näher sie ihrem Ziele, kam. Auf einet großen Station, kurz vor aß sie ein verspätetes Mittagsbrot und wachte argwöhnisch darüber, daß der bedienende Kellner sie als sicher und vornehm anftreteude Dame ansah und in ihr nicht etwa den Neuling auf Steifen erkannte und zu ihren Befehlen nachsichtig lächelte. Sie gab ihm danit 10 Pfennig Trinkgeld und er dienerte respektvoll hinter ihr her. Am Schalter löste sie sich ein Zuschlagsbillet vierter Klasse und schmiegte ihr schlankes Figürchen den Nest der Fahrt in graue Plüschpolster.
Die Geheimrätin, die das Reisegeld gesandt, hatte das ausdrücklich gewünscht. Ter Schwiegersohn liebte keine Besuche, die „dritter Güte" ankamen. Vor dem Hauptmann hatte Suse eigentlich ein gelindes Grauen.
Nach allein, was sie aus den Bemerkungen der Ser» wandten heraus gehört hatte, mußte er hochmütig und schroff sein, jedenfalls auch kein sehr liebenswürdiger Ehemann. Wer weiß, ob ihr Besuch ihm recht fein würde. Na, sie hatte, gottlob, nicht Ruths zartbesaitetes Empfinden, sie konnte unter Umständen blind und tanb fein.
Ein schriller Pfiff riß sie aus ihrem Nachfinnen. Sie guckte zum Feilster hmaus. Ter Zug rasselte etzt über eine riesige eiserne Brücke, iinten ein zngefroreiter verschneiter Fluß, verkrüppelte Weiden am Ufer — — Festnngswälle tauchten auf, plumpe Rundtürme, alles Iveiß in weiß glitzernd, wie mit Diamantsplitteru bestreut, dann bei einer Biegung wurde der Blick aiif die ganze Stadt frei, die unter einem tiefblauen Himmel, vom Somienglanz überflutet, mit ihren schneebedeckten Dächern, den zahlreichen schlankragenden Türmen freundlich und imposant zugleich aus sah.
Suse begann ihr Handgepäck aus dem N.tz ztl nehiuen und zurecht zu legen. Tann ließ sie das Fenster herab und stellte sich davor. Tas Herz klopfte ihr mut doch etwas bänglich, als der Zug pustend in eine rußige, dämmerige Glashalle einfuhr.
Auf dem Bahilsteig stand ein Jnfanterieoffizier im Mantel, groß und kräftig, das Gesicht dem einfahrenden Zuge zugewandt. Ein strenges, hochmütiges Gesicht rtnd
ernste, graue Augen. Das war der Hattptmann von Brocke Haus.
Er schien Suse sofort erkannt zu haben, beitu er kant rasch auf ihr Coups zu und öffnete eigenhändig die Tür.
„Schön willkommen, Fräulein Meridies!" sagte er mit einer warmen, halblauten Stimme, die seltsam mit beim Ausdruck seines Gesichts kontrastierte, „ich muß für meine Frau um Entschuldigung bitten, sie konnte mich nicht begleiten, wie sie beabsichtigte, da sich ein Besuch vom Lande einstellte."
Suse stammelte darauf eine etwas verwirrte Entgegnung und reichte ihm mit schüchternem Aufblick die kleine Hand zur Begrüßung.
Ein Diener in einfacher dunkelbrauner Livree bemächtigte sich ihres Handgepäcks und verschwand, nachdem ev noch den Gepäckschein in Empfang genommen hatte.
Suse folgte dem Hauptmann erstaunt eine Treppe hinunter und dann wieder eine hinauf zu dem eigentlichen Bahnhofsgebäude. Das fremde lebhafte Treiben einer großen Stadt umflutete sie, ein Drängen und Laufen, ein Turcheincmder aller möglichen Geräusche, überall tauchten Uniformen in der Menge auf, jeden Augenblick stand ein Soldat beim Anblick des Hauptmanns zur Salzsäule erstarrt, bis dieser mit einer Handbewegung abwinkte.
Suse hielt sich, eingeschüchtert, dichter an ihren stattlichen Begleiter und atmete unwillkürlich aus, als sie endlich ins Freie traten.
„Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir bis zu unserer! Wohnung, gnädiges Fräulein!" meinte der Hauptmann, „oder fahren Sie lieber?"
„Nein, durchaus nicht, — gehen wir, ich habe ja sechs Stunden gesessen und es ist auch so schön."
Tas junge Mädchen sprach noch immer etwas scheu und befangen unter dem Eindruck seines hochmütigen, wie es ihr schien, auch mokanten Gesichts. Sie fand es abscheulich» daß die Cousine nicht hatte mitkommen können. Was sollte sie denn nur mit ihm reden?
Auf einmal vergaß sie all ihren Kummer. In ihrs schönen Augen kam etwas Strahlendes, wie bei einem Kinde, dem man zum erstenmal einen Weihnachtsbaum zeigt. An der nächsten Straßenecke stand eine Gruppe von Offizieren. Die aufgeschlagenen roten Mantelkragen leuchteten, auf blinkenden Säbeln und blanken knöpfen flimmerten Sonnenreflexe.
Als sie das heran kommende Paar erblickten, traten die jungen Leutnants beiseite, um sie vorbeizulassen. Weiß bekleidete Hände flogen an rote Mützenränder, sechs blitzende Augenpaare senkten sich tu Sus es kindlich staunende Sterne. Sie erglühte unwillkürlich vor Freude. Wie hübsch sahen diese frischen, jungen Gesichter alle aus, wie lustig und liebenswürdig. Und so gewiß angenehm überrascht hatten sie bei ihrem Anblick gelächelt. Sie hatte ihnen gewiß gefallen, dachte die kleine Eitelkeit.
Auch der Hauptmann hatte sehr wohl das Aufsehen


