1906
M. 110
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Wonfaa den 30. Juki
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Aer Siern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Als Zldele ihr Schlafzimmer betrat, blieb sie vor einem Tischchen stehen, das neben einer Ottoniane stand. Verschiedene Mannskripte lagen darauf, einige Notenheftc und ein zusammengefaltetes Telegramm. Sic nahm cs in die Hand und, nachdenklich vor sich hinstarrend, entfaltete sie cs mechanisch. Ihre Gedanken weilten bei dem Wiedersehen mit dem Vater. Wie freudig hatte sie den Augcnbliek hcrbei- gesehnt. Die Liebe zu den Eltern, das Heimatsgefühl und die Wärme ihrer Empfindungen waren ihr nicht abhanden gekommen während ihrer Lehr- und Wanderjahre. Wenn sie sie auch vor den Menschen in einem geheimen Schrein ihres Herzens verbergen musste, so hütete sie sie dort wie ein Heiligtum. Das Leben, das sie in der Ferne führte, hatte ihr so viel Merkwürdiges, Ueberraschendcs, Ungeahntes gebracht. So völlig verschieden in seinen vielfältigen Komplikationen von der Schlichtheit und Einfachheit, die ihre Jugend umgaben. Es hatte schweren Kampf und schweres Leid gekostet, bis sie sich in das Neue gefunden hatte. In der Stunde des Beisammenseins mit dem Vater hatte sie es wieder in aller Stärke empfunden, in den gewaltigen Kontrasten, die in ihrem Leben lagen.
Getrennte Welten!
Aber sie gestand sich in diesem Augenblick, dass sie mit Rührung und innerster Pietät die Erinnerungen an die alte Welt, die sie verlassen, bewahren würde, ohne die neue Welt missen zu wollen, die sich heute um sie aufbaute. Den Glanz und Luxus, den Ehrgeiz und Ruhm, die grossen Sensationen der Kunst. Ob diese sie glücklich gemacht? Das war eine cmdere Frage, die sie sich nicht vorlegte. Auch nicht, ob sie sie glücklich machen ivürden in Zukunft? Dahin richtete sie den fragenden Blick nicht. Mitten im gewaltig brandenden Leben stand sie auf exponiertem Posten. Eine Künstlerin, die die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, hatte sie sich zu betätigen. Rastlos vorwärts strebend, ringend und hastend in diesem unermüdlichen Wettkampf nach den höchsten Zielen rmd glänzendsten Errungenschaften ihrer Kunst. Wie oft hatte sie diesen Weckruf gehört, wenn sie müde und mutlos rasten wollte. Atem holen, ausruhen l
Vorwärts l
Bis sie selbst nicht mehr anders konnte.
Wenn die Eltern es geahnt hätten, wer weiß, ob e8 ihnen recht gewesen wäre, ob sie ihr Kind nicht heimgeholt hätten, heimgerettet in den stillen Frieden ihrer kleinen Welt.
Wie sie drin neben dem Vater saß, da empfand sie es, daß er auch nicht die kleinste Vorstellung habe und haben könne von der Ausgestaltung ihres Lebens, und daß er sie auf seinen Händen heimwärts tragen würde zur Mutter, wenn er eine, leiseste Ahnung hätte von dem, ivas sie für immer von ihnen trennte.
Von dieser lieben, engen, herzcuseinfältigen Glückseligkeit! Was hätte sie aber in diesem heimlich-stillen Winkel mit ihren weit sich ausbreitenden Wünschen, mit ihren ehrgeizigen Hoffnungen tun sollen? Das war vorüber. Sie fühlte es mit ivehmutsvollem Schmerz, aber sie täuschte sich nicht. Das, was dort war, konnte heute für sie nur die Insel der Seligen bedeuten, nach der die sehnsüchtigen Blicke flogen, wenn die todeswunde, todesmatte Seele nach einem Hafen der Ruhe verlangte.
Wars schon so weit?
Roch nicht!
Würde es dahin kommen?
Wer weiß?
Bald?
Ein Schauer durchrieselte sie. Sie hatte das Gefühl eines großen Alleinseins, einer unendlichen Einsamkeit. Sie, die alle Welt umschmeichelte, an die sich die Schar der Freunde und Bewunderer herandrängte, und neben der — Einer stand! Wie ein Fels, an dem alles abprallte, was ihre Bahn kreuzen wollte, an dem sich alles brach, alles — auch ihr Wille. Wieder erschauerte sie wie vor etwas Unnennbarem, Unfaßlichem. Er! Herrschend, übermächtig', übermenschlich. Wie von einen, unentrinnbarem Schicksal stand sie davor. Ein wirrer Schrecken befiel sie. Sie bedeckte die Augen mit der Hand. Ein namenlos qualvolles Entzücken stieg in ihr auf. Dann blickte sie in das Telegramm. Sie hatte es gestern abend bei ihrer Ankunft vorgefunden und bereits unzählige Male gelesen: „Tu bist also dort, wo Deiner die größten Siege harren. In Berlin. Und wenn ich Dir auch fern bin, so bin ich doch bei Dir! Adalbert."
Ein befreiender Atemzug hob ihre Brust. Es schien ihr ein Glück, daß er nicht da war. Hier, wo nebenan der Vater schlummerte. Unter ganz anderen Einwirkungen als bisher sollte sie diesmal ihre Erfolge erringen. Ein Angstgefühl umklammerte sie. Mnn ein Lorbeer grünen, den er ihr nicht pflücken half-'
Ihr Blick suchte unwillkürlich das Fenster. Grau und kalt stahl das Herbstlicht sich ins Zimmer. Sie fröstelte. Lässig glitt ihr Blick über das Arbeitsmaterial. Sie hatte es hierher gelegt, weil sie im Schlafzimmer am ungestörtesten zu sein glaubte. Sie wollte noch einmal alles durchsehen, bevor sie morgen zur ersten Probe ginch Tie Lust zur Arbeit fehlte ihr. Eine nervöse Abspannung hatte sich ihrer bemächtigt, und sie streckte sich auf dta


