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Ottomane aus. Ein schmerzliches Grübeln wühlte tn ihrem Hirn. Unruhig sprang sie empor, warf die Kleider ab und schlüpfte in den weiten Morgenrock.
Das gab ihr ein Gefühl des Behagens. Aufs neue legte sie sich nieder, zog ein Weißes Angorafell über ihre ruhende Gestalt und überließ sich wachen Träumen. Bilder aus vergangenen Zeiten unigaukelten sie. „Es war an jenem Vormittag noch die Weihnachtsstimmung dazu gekommen, die Sehnsucht nach dem elterlichen Hause, dann die ber einer sensitiven Natur leicht begreifliche religiöse Exaltation, welche die Sixtina hervorgerufen — kurz, es war nicht zu verwundern, daß ihre Nerven diesen verschiedenen Ueberreizungen unterlagen." Sie hatte damals müde, mit heimlichem Lächeln diesen der Tante gegebenen Auseinandersetzungen des Arztes gelauscht. Und noch heute lächelte sie, wenn sie daran dachte, wie Tante Hannchen ihm geantwortet hatte: „Wenn's nur nicht schlimm wird! Nervöse Zustände und interessante Stimmungen und Lannen muß man sich bei Künstlern ja gefallen lassen, und daran wird man sich wohl gewöhnen müssen. Geniale Menschen sind meistens extravaganten Dingen unterworfen, so. . . so . . . überspannt. Was für Geschichten erzählt man sich zum Beispiel von Adalbert Wittelsbach."
Das war der Name wieder, den sie gehört hatte, als sie, ihrer Gedanken nicht ganz mächtig, in jener Droschke davonsuhr — Wittelsbach! Welche Bedeutung hatte er für ihr späteres Leben gewonnen! Das hatte sie damals nicht geahnt und auch die Tante nicht, die den Doktor noch fragte: „Also Sie glauben, es wird bald vorübergehen, und ich brauche meiner Schwester nichts zu schreiben?" Ta hatte sie sich selbst aufgerasft und leise gebeten, ihre Eltern nicht zu beunruhigen, und ihre Weihnacht nicht zu stören. Es sei durchaus nichts, sie werde sich bald erholen. „Nur Ruhe, Ruhe", hatte der Arzt empfohlen, und die Tante hatte hinzugefügt: „Alles dre Nerven!"
Sie aber wußte, daß etwas Fremdes, Geheimnisvolles diese Erschütterungen in ihr hervorgerufen hatten — dieser fremde Mann. Und sie war ihm im innersten Herzen dankbar, daß sie nun hier lag, ganz still und ruhig — und daß sie nicht mit den anderen um den Weihnachtsbaum zu stehen brauchte, die in lärmender Freude das heilige, stille Fest begehen würden. Tante und Cousine schienen ihr fremd in diesem Augenblick, und fremde, ferne Gefühle waren in ihrem Herzen. Wie ein Glück empfand sie es, daß sie nicht dabei sein mußte mit heuchlerischer Anteilnahme und daß sie hier stille liegen durfte, ganz still! Tas hatte sie ihm zu danken, und in diesen Empfindungen und Gedanken keimte zuerst das Interesse für ihn auf. Es band sie jetzt etwas Bestimmtes an ihn, wie bisher das Unbestimmte. Sie dachte seiner nicht mehr mit geheimem Schauer, sondern mit dem angenehmen Gefühl der Dankbarkeit — und nichts störte sie und niemand, ganz still durfte fie liegen — und ausruhen! So wunderbar still! Nur ein ganz kleines künstliches Bäumchen hatten sie ihr vor das Bett gestellt Mit dünnen, feinen Lichtlein. In die schaute sie hinein, unermüdlich. Tann wieder, wie fie eines Abends zu ihm gekommen war, um dramatischen Unterricht von ihm zu empfangen. Er, der die tiefen Rätsel Und Geheimnisse seinep künstlerischen Individualität nie jemand enthüllt hätte, der kalt und anspruchsvoll nur sich selbst kannte, hatte ihr freiwillig geboten, was tausend andere vergeblich erflehten. Er hatte sie unterrichtet, ein- geweiht in die Begriffe der Kunst und der machtvollen Wirkungen, die er zu erzielen verstand. Sie war nicht nur eine große Sängerin, sondern auch eine bedeutende Darstellerin geworden, und das hatte er aus ihr gemacht, Alles verdankte sie ihm!
(Fortsetzung folgt.)
ßin Gang durch das Tuberkulose - Museum
der Landesverficherungs-Anstalt Großh. Hessen, Darmstadt.
' In dem neu'errichteten Ausstellungsräume der Großh. Zentralstelle für die Gewerbe (Neckarstraße 3) ist am 29. Juki ein Tuberkulose-Museum eröffnet worden, das bestimmt ist, weitere Kreise der Bevölkerung über die Gefahren, die von der Tuberkulose drohen, aufzuklären und sie über die Mittel zu belehren, die zu ihrer Bekämpfung dienen.
Das Unternehmen ist von dem Vorsitzenden der Landes- Versicherungsanstalt, Geh. Regierungsrat Dr. Tietz, unser
Mitwirkung des Generalsekretärs der Fürsorgcstelle für Lungenkranke in Berlin, Tr. Kayserling, ins Werk gesetzt. Eine Reihe von Behörden hat durch weitgehende Förderung das Unternehmen in wirksamer Weise unterstützt, so das Kais. Gesundheitsamt, das Großh. Ministerium des Innern (Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege), das Reichs- versicherungsarnt, die Kais. Leitung der ständigen Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt in Charlottenburg, das Kuratorium der Ausstellung für Säuglingspflege in Berlin, der Verein gegen Mißbrauch geistiger Getränke und andere mehr. Das Museum, das demnächst in seinen wesentlichen Teilen in allen größeren Orten des Landes als Wander-Museum zur Schau kommen soll, ist so eingerichtet, daß die Ergebnisse der medizinischen Wissenschaft in einer auch für den Laien leicht verständlichen Weise vorgeführt werden. Tritt man in den Ausstellungsraum ein, so findet man im Mittelgang Karten aufgehängt, die ein anschauliches Bild über die Verbreitung der Tuberkulose im Deutschen Reiche geben. Nach diesen Karten, die im Kaiserl. Gesundheitsamt angefertigt sind, zeigen die stüdtereichen Gebiete der westlichen Jndustriebezirke eine höhere Sterbeziffer an Lungentuberkulose, als die Städte der armen Bezirke des Ostens. Erfreulicherweise zeigt ein Vergleich der Sterblichkeit zwischen den Jahren 1892/93 und 1902/03, daß ein wesentlicher Rückgang der Sterblichkeit eingeireten ist. Es starben im Alter von 15—60 Jähren an Tuberkulose von je 10 000 Lebenden in den Jähren 1892/93: 29,9, in den Jahren 1902/03: 25,8. Aus dieser Abnahme dürfen wir die Hoffnung schöpfen, daß bei einem zielbewnßten Kampfe gegen die Tuberkulose ein weiterer erheblicher Rückgang eintreten wird.
Noch stellt die Tuberkulose eine außerordentlich große Gefahr für das Volkswohl dar. Wie im Mittelgang der Ausstellung durch plastische Darstelluug gezeigt wird, ist jeder dritte Todesfall im erwerbsfähigen Alter durch die Tuberkulose bedingt. Todesfälle und Krankheiten im erwerbsfähigen Alter sind aber darum vom volkswirtschaftlichen Standpunkt besonders schwerwiegend, weil jeder Mensch, wenn er ins erwerbsfähige Alter vorgerückt ist, ein Kapital darstellt, das sich aus dem Grundwerte einer physischen Person und dem durch Erziehung, Schule und Lehre angeeigneten Maß bon Einsicht und Kenntnissen zusammensetzt. Der Eintritt der Arbeitsunfähigkeit gerade in der Periode des Lebens, in der dieses Kapital für den einzelnen und die Gesamtheit nutzbringend werden soll, bedeutet eiuen außerordentlich großen Verlust für das Volksvermögen. Es ist ausgerechnet worden, daß der Verlust des deutschen Volkskapitals durch einjähriges Kranksein und einjährige Arbeitsunfähigkeit von 100 000 Menschen 100 Millionen Mark beträgt.
Auch in Hessen fordert die Tuberkulose alljährlich sehr zahlreiche Opfer. Im linken Seitengang der Ausstellung find Karten und Tabellen aufgehängt, die nach den Berechnungen der Großh. Zentralstelle für Landesstatistik die Tuberkulosesterblichkeit für jeden Kreis kartographisch und in Säulenform angeben. Es ist dringend zu wünschen, daß diese Karten einem eingehenden Studium unterworfen werden, um festzustellen, worauf die Unterschiede in der Verbreitung der Tuberkulose beruhen, und welche Mittel weiter angewandt Hier beit müssen, um dieser Verbreitung Einhalt zu gebieten.
Aus der Abteilung über die Verbreitung der Tuberkulose gelangen wir in die Abteilung über die Ursache der Tuberkulose (erste Koje links). Wir/erfahren, daß die Ursache der Tuberkulose auf einem winzig Keinen Bazillus, dem von Dr. Robert Koch 1882 entdeckten Tuberkelbazillus, beruht. Reinkulturen dieser Tuberkelbazillen find' in abgetötetem Zustande in einem Glasschrank ausgestellt. Dringt dieser Tuberkelbazillus dadurch, daß er von einem Lungenkranken ausgehustet wird, in die Lungen eines gesunden, nicht widerstandsfähigen Menschen, so vermag er auch bei diesem die Krankheit zu erzeugen. Wie die Veränderungen in den Lungen sich dabei vollziehen, ist aus den Zeichnungen und den Präparaten tuberkulöser Lungen deutlich ersichtlich. Indessen muß hervorgehoben werden, daß nicht jeder Tuberkulöse eine Ansteckungsgefabr für ferne Umgebung bildet; nicht ansteckungsfähig sind dre Kranken, die an Tuberkulose in geschlossener Form leiden, d. h. dre keine Tuberkelbazillen mit ihrem Auswurf oder mit den Hustenstößen nach außen abscheiden. Ansteckungsfähig sind nur die, die an sogenannter offener Tuberkulose lewen. In


