Ausgabe 
30.6.1906
 
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Vous etes im voleur, bou6 des uu banbit, vous etes nn iuif, tenez, atteudez, je ne s eux pas trouver iine exprcssioir tour Uotre intpudence." Ich wollte ihn besänstigen, aber kirschrot vor Wut lies; er sich nicht halten.Sie haben gar nichts zu verfügen. Ich werde den Menschen fchon kriegen."Ich habe ja versprochen, das Geschirr zu be­zahlen."Was wollen Sie damit:?"Nun, ich lasse cs dem Gefängnis von Ajaccio für ähnliche Falle."Was bilden Sie sich ein, wir brauchen Ihren Bettel nicht." So ging es in klassischer Rede und Gegenrede, Endlich willigte er ein, die 70 Frs. Pension zu bezahlen.Von dem an­deren wird nicht ein Pfennig bezahlt. Nach dem Abendessen ist alles bis zum kleinsten Napfe wieder abzuholcn." Der Hotelier zog trotz alledem freudestrahlend über das ferne Geschäft ab, nachdem er mir-noch alles Glück gewünscht und mich eingeladerr hatte, nach meiner Freisprechung in feinem Hotel abzusteigen.

Nun sandte der Chef seine Wärter aus, um anderweitig Offerten cinzuholcn. Es fanden sich verschiedene einfachere Gastwirte ein. Endlich wurde eine monatliche Pension ein­schließlich Bringerlohn zu 90 Frs. abgeschlossen. Ich erhielt dafür gegen 11 Uhr früh etwas Weißbrot, Fisch, gebratenes Beefsteak oder Rumsteak, meistens mit Maccaroni oder Kohl, und zuur Nachtisch einen süßen Quarkkäse, oft auch harte, salzig eingemachte Oliven, Sardinen, frische Radiese, später auch Nephres, die auf Bäumen in Fruchtpyramiden, ähnlich der Kastanie, wachsen, und deren Fleisch, das einen größeren Kern, den man mit der Eichel vergleichen könnte, umschließt, der blauen Pflaume ähnlich erfrischend schmeckt, Erdbeeren und Kirschen, einmal auch Meerschildschnecken, die gemüt­liche Spaziergänge über meinen Speisetisch antraten. Ich habe großmüig dtarauf verzichtet, ihre werte allernächste Bekanntschaft zu machen und sie lebendig zu verschlucken.

Als es draußen gemütlicher wurde, und die Schwalben, von bereit Nestern die Gefängnisfirste starrten, nur so durch das tiefblaue Karree, das über' den blendend weißen Mauern des acht Meter mal fünf Meter großen Gefängnis­hofes sichtbar ivard, hin und her schwirrten, leerte sich das Gefängnis in Ajaccio. Wenn Sonntag nachmittag nicht gerade zwei Wärter im Dienst waren und fluchend und schimpfend beim Kartenspiel saßen, sodaß man draußen auf dem Hofe das Aufschlagen der Fäuste hörte, setzte sich wohl der einzige Wärter zu mir, der gemütlich mit den Beinen baumelte, auf den morschen Tisch, an dem schon Napoleon I. hätte gespielt haben können, und fragte mich nach den Verhältnissen in der Heimat, ob unser Kaiser, ohne den Reichstag zu fragen, den Krieg erklären könnte- wobei hin­durchklang, daß man sich keinen Kaiser wieder wünschte, da es sonst sofort wieder Krieg mit Deutschland gäbe.

Einmal wurde von dem Oberinspektor der Gefängnisse von Bastia, Chiavari, 'Ajaccio, das Gefängnis in Ajaccio revi­diert. Jeder Gefangene wurde gefragt, ob er sich über etwas zu beklagen hätte, er könnte sich ruhig äußern. Der Inspektor, der meine Kreditbriefe gesehen hatte über 4500 Francs auf die Riviera und Italien und 3000 Frs. auf Korsika, und deshalb an meine Schuld nicht glaubte, wun­derte sich, daß meine Sache unnatürlich lange hingezogen würde, und durchblätterte meine Handbibliothek, in der Moltkes Briefe an seine Braut und Frau natürlich nicht obenauf lagen. Ich hatte zu jener Zeit keinen Grund mehr, mich zu beklagen, und strich den Chef des Gefängnisses ge­hörig heraus.

(Fortsetzung folgt.)

Arankfurt am Main.

Bou Heinrich Lee. Nachdruck verboten.

Es gibt nor ää Frankfurt!" läßt Friedrich Stoltze, der lustige Frankfurter Lokaldichter, seinen Großvater sagen. Weiter gar küäus, Großpapa?" fragt der kleine Enkel. -O ja, es gibt noch ääns", antwortet der alte Herr,awwcr dos gilt nix, dann da is eOder" derben"Oder" heißt nämlich in der so wohlklingenden Frankfurter Mundart aber". Wie hoch der richtige Frankfurter feine Sprache gleich allem klebrigen, was frankfurtisch ist, schätzt denn wie kann der Mensch nit aus Frankfurt fein!", das legte er wenigstens früher bimdtg in der Behauptung nieder, daß'die Hannoveraner, die bekanntlich im Rufe stehen, das feinste Hochdeutsch zu sprechen, überhauptdie Sprach ver- dcrwe dhete und kää ächte Deutsche gar net warn."

Soviel Frankfurt auch äußerlich von seiner alten Eigen­art verloren hat, sodaß es sich -- von den wenigen bekannten alten Baudenkmälern abgesehen dem Fremden int all­gemeinen nur noch als eine, wenn auch schöne, ja prächtige, "o doch eines besonderen baulichen Charakters bare moderne Großstadt präsentiert, so tritt der alte Bürgerstolz der Stadt, die. unter allen dentschen Städten als die letzte ihre Freiheit verlor, trotz der inzwischen erfolgten vielen fremden Zu­wanderung doch noch heute in deutlichen Zügen hervor, ganz besonders in dem Unabhängigkeitsbestreben gegen das leidige Berlin. Hat man in Berlin eine Bockcnhei m e r L a u d st r a ß e, wo ein Millionär neben dem andern wohnt ? Hat man in Berlin Equipagen, wie man sie in Frankfurt hat? Macht man in Berlin so gute und so teuere Herren- anzüge, wie sic die Frankfurter Schneider machen? Kann mau in Berlin wie hier in Frankfurt ganz genau von der und jener Dame sagen, wieviel ihr Schmuck wert ist? Es gibt Damen und sie werden dem Fremden sogar auf der Straße gezeigt mit hunderttausend, mit zweimal- hundcrttauscnd, mit dr e im alh u n d er t t a u send Mark an Schmuck, sogar mit noch mehr, und ihre Männer werden eingetcilt in Männer mit fünf Millionen, mit zehn Millionen, mit fünfzehn Millionen Mark, der zuverlässige Maßstab, nach dem man ihnen auch ihre gesellschaftliche Stellung anzuweisen hat. Was ist Berlin?

Man wird aus dies eigenartige Verhältnis zu Berlin auch hingewiesen, wenn man abends zufällig int Restan­rau t oder Cafe sitzt und den Gesprächen der jungen Kanf- leute lauscht. Die großen Städte, von denen da gesprochen wird, sind Paris, Brüssel, London, selbst der in Deutsch­land verschollene NameWien" bringt nn das Ohr aber Berlin? Und doch nützt alles Widerstreben nichts. Schon das Frankfurter neue Stadtbild tut es kund, tote der Berliner Einfluß auch in der Stadt, wo das Geburts­haus Rotschilds steht, feinen Einzug hält, und wie er sich gerade an der Stelle entlüftet, die bisher Frankfurts größte Macht bedeutet hat. Still, tot und verlassen steht in der Börnestraße, der alten Judengasse, mit seinen vier rundbogigen Türen, der duukelen Holzfrout, den wcißum- rahmtcn, hohen, dicht aueinandergerückten Fenstern, dem spitzen Giebel und dem steilen Dach das alte Rotschi ld- Slammhaus da, das letzte jener allen Judcithäuscr, das Haus, aus dem in Gestalt eines dürftigen Männchens Frankfurts Europa-beherrschende Bedeutung herausgcschril ten ist, heute nur noch eilt Museumsstück, ein Denkmal verklungener Zeit, nachdem auch der letzte aus der Enkcl- reihe jenes Mannes der Gasse unb der Vaterstadt den Rücken gekehrt.

In moderner Pracht aber, vom Puls des Lebens durch- strömt, ragen in den Straßen, auf den Plätzen, die jetzt den Brcunputikt der Stadt bilbett, die Paläste der Berlin.. und von Berlin aus beherrschten Bankinstitute auf, lang­sam, aber sicher auch der Frankfurter Börse das Blut ab- zapfeud, eine Erscheinung, die sich als eine Folge des Großbankentnnrs heutzutage an allen Börsenplätzen fcst- ftelten läßt. Nicht lange mehr vielleicht, und in Frcmksurts Stadtbild wird noch ein weiterer Zeuge des von Berlin her wehenden Einflusses erstehen, die neue Fe st Halle, die auf einen Wunsch des Kaisers daß nämlich in Zu­kunft die fogenamiten Kaiferwettsüigen ständig in Frank­furt abgehaltcn werden möchten errichtet werden soll. Frankfurt steht zwar ohnehin vor großen Aufgaben _ und Ausgaben so der völligen Umgestaltung der Altstadt, die auf zehn Millionen Mark veranschlagt ist, und anderen gewaltigen Projekten, von denen noch die Rede sein soll, kaum aber, daß einige Wochen vergangen waren, nachdem der Kaiser jenen Wunsch, dessen Ausführung auf mindestens vier Millionen geschützt ivird, geäußert hatte, so konnte Oberbürgermeister Adickes den'Stadtvätern bereits erklären: Meine Herren! Den kaiserlichen Wunsch habe ich bereits in aller Ausführlichkeit auf dem Papier in die Tat umgesetzt." Der Bau soll der größte seiner Art in ganz Deutschland, werden. Man spricht von der. fabelhaften Ziffer von 2d 000 Sitzpläüen und einem Podium, auf dem 4000 Personen Plal; haben. Allerdings soll die Halle, da die Kaiserwett- singeü ja nur alle vier Jahre ftattfinden, auch zu anderen Zwecken dienen, so zu Ausstellungen, Kongressen und wei­teren . Veranstaltungen, die Frankfurt im Wettbewerb mit München zur ersten Verkehrsstadt von ganz Süddeutschlano erheben sollen, in jedem Falle wird sie aber ein Zeichen dafür fein, wie sehr jene republikanische Gesinnung, zu der