Ausgabe 
30.6.1906
 
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wir sicher er hat die Geschichte so unbefangen aufs Tapet gebracht, daß Ruth sicher ganz arglos geblieben ist."

Höllisch nahe ist ihr's gegangen!" flüsterte Suse,inan sieht's ihr jetzt noch an."

Ruth war mit Frau von Brockhaus und Bittner soeben ins Zimmer getreten. Auf ihren Wangen brannten rote Flecken, ihre Augen glanzten fieberisch. In ihren Bewegungen und ihrer Sprache zeigte sie eine seltsame, nervöse Hast. Sie war sichtlich bemüht, ihre große innere Erregung durch äußere Lebhaftigkeit zu dämpfen und als die kleine Gesellschaft sich zwanglos in einer Ecke gruppiert hatte, die Damen noch Obst und Konfekt naschten, die Herren bei einem Glas Bier Zigar- retten rauchten, widmete sie sich ausfällig ihrem vorher so I vern achlässigteu Tischnachbarn.

Ein dankbares Gefühl zog sie zu dem rotblonden, häß­lichen Offizier, der von dem Mann ihrer Liebe Gutes ge­sprochen. Er ahnte nicht, daß er ihr damit mehr gegeben, als eine heimlich süße Hoffnung, viel mehr. Der häßliche Flecken war von seinem Bilde weggewischt sie sah es jetzt durch die letzten Monate entsühnt, licht und rein vor sich, ihres treuen Gedenkens würdig.

Ohne daß sie die Absicht dabei merkte, hatte er merk­würdig schnell das Gespräch wieder auf denMeister" ge­lenkt, erzählte ihr kleine Episoden aus ihrer Bekanntschaft, die für seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit sprachen, spendete ihm weiter sein Lob, immer wieder seine Zurückhaltung gegen die schönen Italienerinnen scherzend hervorhebend, so daß ! Ruth leuchtenden Auges an feinen Lippen hing und schließ­lich so weit auftaute, auch ihrerseits wenigstens für Willy Hammers Kunst anerkennende Worte zu finden. Sie hatte sich jetzt so weit in der Gcivalt, daß sie einem unbefangeneren Beobachter nicht auffallend interessiert bei dem Thema er­schienen wäre, aber Bittner hörte doch das leise Beben ihrer Stimme, merkte ihre freudige, zitternde Unruhe, mit der sie die Unterhaltung in demselben Gleise fortzuführen bestrebt war.

Niemand störte ihre Unterhaltung.

Suse hatte kaum Willy Hammers Namen neben sich nennen hören, als sic auch schon eine sehr dringende Angelegenheit betreffs ihrer Wohnungseinrichtung mitMuttchen" zu be­sprechen hatte, bei der Trantendorf selbstverständlich auch mitzureden hatte. Sie wußte das so geschickt- mit einer solchen Lebhaftigkeit in Szene zu setzen, daß die beiden eifrig plaudernden Menschen eine Viertelstunde wie isoliert dasaßen und erstaunt aufsahen, als eine Bemerkung der Hausfrau sie wieder zu allgemeinerer Unterhaltung aufforderte.

Viel wurde jedoch nicht mehr daraus. Es schwebte zu viel Unklares, Unausgesprochenes in der Luft, außer Meta hatte jedes etwas zu verbergen, fürchteten alle vier ein un­vorsichtiges Wort, das vielleicht den zarten Hauch von einem heimlichen Glückstranm streifen konnte.

Es war erst neun Uhr, als die beiden Herren Ruth Meridies bis vor ihre Tür brachten. Fast bewegt neigte der lange Oberleutnant sich zum Abschied über die schmale, ihm herzlich gebotene Mädchenhand.

Leben Sie wohl, Herr Bittner," sagte Ruth befangen hastig,Ihre Bekanntschaft war mir eine wirkliche Freude schade, daß wir im§. nicht mehr sehen werden."

Das soll man nie sagen, mein gnädiges Fräulein es klingt so viel tröstlicher, das: Auf Wiedersehen I Und in diesen: Falle sage ich sogar: Auf frohes Wiedersehen! Passen Sie auf ich hab' das Wort nicht vergebens gesprochen."

Jin hellen Laternenschein sah er den weichen Glücks­schimmer, der ihr schönes Antlitz überflog, das scheue selige Hoffen in beit feuchtglänzenden dunklen Augen. Sie entzog ihn: langsam ihre Hand.

Wir wollen's hoffen", sagte sie schlicht. In dein Moment fühlte sie es, daß er ihr Geheimnis erraten, aber sie schämte sich dessen nicht mehr, sie >var jetzt stolz ans ihre Liebe, seit sie wußte,daß sie keinem Unwürdigen galt.

Trautendorf, der unterdes die Haustür aufgeschloffeit hatte,

trat nun wieder zu ihnen und drückte seiner Schwägerin fest und innig die Hand.

Ein freundlichesGute Nacht!" noch, dann schlüpfte Ruth ins Hans. Sie stieg die drei Treppen in die Höhe, als ivären ihr Flügel gewachsen.

(Fortsetzung folgt.)

157 Jage korsischer Raukmörder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Ti em an n.

(Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)

Ns mittels Buchdruckerschwärze von meinen Fingern Abdrücke für das Pariser Verbrecheralbum genommen wur­den, bemerkte er:Diese niedlichen Sammetpatschen sind doch keine Tatzen eines Raubmörders." Ebenso mußte ich über seine Ansicht lächeln, daß er mich, den wegen Raub­mordes aus dem Hinterhalt Angeklagten, alsnicht bös­artig" mit den Kindern zusammen aus den Kinderhof sperren ließ. Er bot mir stets einen Stuhl an und, wenn er recht gnädig war, seine Schnupftabaksdose, aus der ich auch scheinbar stets eine Prise nahm. Ja, er forderte mich ans, wenn ich Langeweile hätte, sollte ich ihn auf dem Bureau aufsuchen. 1870 wäre er deutscher Gefangener und zuerst in Köln interniert gewesen. Als dort ein Aufruhr unter ihnen ausbrach, wären sie durch Deutschland quer hindurch nach Schivelbeiu bei Köslin befördert worben.

Zu Anfang hatte ich den traurigen Mut, mich fast aus­schließlich auf die Gefängnissuppeu zu beschränken. In grimmiger Ironie hatte ich den Ausspruch getan, die Suppen wären besser als bie im Hotel Suisse. Wie mir der Chef sagte, wäre dies geflügelte Wort zum größte:: Aerger der Madame und Mademoiselle Ruby in Ajaccio in aller Mund.

Bei diesen Steppen, man nannte es stolz Bouillon, in denen einige , Brotstücke oder Kohllappen schwammen, magerte ich zusehends ab; nur die vereinzelt vorkommen­den Reis- oder Bohnensuppen waren nahrhafter. Durch die Kantiua, einem Privatlieferanten vom Staate ver­pachtet, bezog ich täglich drei Beefsteaks. Der Preis von 20 Pfennigen per Stück kennzeichnet ihre Größe, Pfund Weißbrot, da ich das schwere Schwarzbrot nicht verbauen konnte, einige Mandarinen als Leckerbissen, und 3/i Liter Wein, von welchen: ich ein wenig dem nicht zweifelsfreie:: Wasser aus den offenen Quellenleitungen zufügte und, den Rest verschenkte, um mir dienstbare Mitgefangene gefällig zu erhalten. Diese haben tief bedauert, als ich von Ajaccio abgeführt wurde. Später ich häufiger Poulets, aber das süße Fleisch widerstand mir bald. Als mich Mitte Februar mein Bruder Franz und Herr W. in: Gesängnis besuchten, war ich schon durch den wochenlangen schweren Kummer, der mich an Beschaffung vernünftiger Nahrung gar nicht denken ließ, durch die Gefängnissuppen, ganz klapperig geworden. Mein Bruder riet, mir zweimal vom Hotel täglich Essen kommen zu lassen. Ich beauftragte dar­aufhin meinen Wvokaten Canipiglia, mit einen: Hotelier Abmachungen zu treffen. Es war aber sehr schwierig, etwas Passendes zu finden, da die Zeiten um 8 Uhr morgens und 4 Uhr nachmittags man speiste nur zweiinal tu: zivilen Gefängnis sehr ungünstig lagen. Endlich wurde Pension, das heißt ein warmes Dejeuner und ein warmes Essen (eilt Diner nach französischem Wortgebrauch ist noch etwas anderes), zusammen für 7 Frs. täglich durch meinen Rechtsanwalt abgeschlossen. Der Sicherheit halber kam der Hotelier noch ins Gefängnis, um sich vor Zeugen von mir bestätigen zu lassen, daß ich auch die Kosten des Ge­schirrs und Menagekorbes tragen würde. Nun bekam tch alles.Mögliche und Unmögliche zu essen, was der korsische Magen für eine Delikatesse hielt.

Ich glaube, ich habe zu dieser Zeit mit mutig ge­schlossenen Augen auch das Innere von Seeigeln hiuuntcr- geschluckt, jedenfalls befand sich irgend etwas Undcsuucr- bares in einen: noch zweifelhafteren, tomatenroten Ragout.

Welche Freude für den Chef, als nach zehn -^agen mein Nährvater mit einer langen Rechnung Herbetente. So wild habe ich ihn selbst nicht einmal bei nuferem ersten herzlichen Gedankenaustausch gesehen. Von euiei Gefangenen für 10 Tage solchen Betrag es waren, w bis 90 Frs. zu fordern.Mein Herb, Sie snid vertu«.