1906
Ar. 94
9 Kwi
MS
W
MW
Wiitetlsle Mädchen.
Zioiuan von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verbaten.)
(Fortsetzung.)
Ruth hatte unterdes den Monient benutzt, um sich zu fassen. Sie fühlte, das; sie sich beherrschen musste, um dem wildfremden Menschen nicht ihren ganzen Herzenszustand zu verraten. Es sah ivüst in ihr aus, Schreck, Schinerz rind Verzivciflung kämpften n,it plötzlich austauchender ahnungsvoller Seligkeit, der nuf sie cindrangendcn Gewißheit, das; sie geliebt ivurde.
Während sie mit bebenden Fingern kaum imstande war, das Obstmesser zu halten, mit dem sie, ihre Ruhe markierend, sich eine Birne schälen wollte, lauschte sic wie gebannt den Worten ihres Nachbarn, der ein wenig lebhafter als sonst erzählte:
„Es ist ein riesiges Bild — die Figuren in Lebensgröße — er hat ein halbes Jahr mit Feuereifer daran gemalt, oft Essen und Trinken darüber vergessen, wie seine Wirtin mir erzählte — die Hauptfigur ist eine Frauengestalt in lang- sließcndeni, schneciveißen Gewände, die sich zu einem Jüngling niederbengt, der an dem Felsen, auf dem sie steht, ge- klannuert, über einem Abgrund schwebt, ans dem rote Flammen emporlodern und Gestalten mit unklar ausgeführten, triumphierend lachenden Gesichtern die weißen Arme nach ihm ausstrecken, Aber inan fühlt, daß die reine, edle Frau den Sieg errungen, daß sie ihn von dem Abgrund hinweg- zichen wird. Es läßt sich schlecht beschreiben, man muß cs gesehen haben, um den wunderbar greifenden Eindruck verstehen zu können, den cs auf den Beschauer macht. Hammer hat das Bild ,Dic Retterin' benannt."
Eine augenblickliche Stille folgte seinen Worten. Ruth hatte die geschälte Birne ouf den kleinen Glasteller gleiten lassen, ohne sie zu essen. Eine ungeheure Erregung schnürte ihr die Kehle wie im Krampf zusammen. Ihr Blick irrte hilfesuchend zu der Cousine hinüber. Betty, die neugierig die Ohren gespitzt hatte, erhielt einen Wink, auf den hin sie geräuschlos verschwand.
Suse, die darauf nur gewartet, platzte jetzt, förmlich zappelnd vor Ungeduld, heraus:
„Und die Retterin hat Ruths Gesicht? — Nu wirds Tag."
Das war neuerdings ihr Lieblingsausdruck.
Erschrocken über sich selbst, legte sie schnell die rosige Hand auf den vorlauten Mund, schuldbewußt zu der verstört dreinblickenden Schwester hinüberschielend.
Bittner tat zartfühlend, als habe er die letzte Bemerkung Suses nicht verstanden und crividerte ruhig:
„Gewiß, cs besteht eine große Achnlichlcit da — Sie werden daS selbst nm besten beurteilen können — das Bild wird sicher Aufsehen erregen, besonders da Hammer bis jetzt nur Porträts geschaffen hat."
„Da muß unsere Ruth ja stolz darauf sein, den Meister zu solchem Schaffen begeistert zu haben I" mischte Frau von Broekhaus sich lächelnd ein, indem sic sich erhob und damit das Zeichen zum allgemeinen Aufstehen von Tisch gab.
„Nun, Ruth, freust Du Dich nicht darüber?"
Sie war am wenigsten eingeweiht und deshalb klang die Steckerei harmlos und unbeabsichtigt. Ruth empfand das auch und erzwang ein lächelndes:
„Ich freu' mich eigentlich nicht — Du weißt, ich liebe gar nicht, so sehr beobachtet zu werden.
„Bescheiden wie immer!" sagte Meta, die eiskalte Mädchenhand fest und liebevoll drückend, „komm, Susekind, nimm Dir mal ein Beispiel — Tu fändest cs gewiß himm- lisch, wenn ciu berühmter Maler Dich der Nachwelt überlieferte."
„Muttchen, natürlich, famos tvär' das — muß auch noch geschehen — Du, Fritz, ich laß mich von Willy Hammer malen."
„So? Und wer bezahlt's denn?" fragte der verliebte Bräutigam und nahm das rosige Gesichtchen zwischen seine beiden kräftigen Hände, „für solch eitlen Wunsch gibt Dir niemand was. Na, wer bezahlts?"
„Wer? Ich sag' Dir's gleich, aber erst loslasscnl"
„Sofort Maus! Nur einen Kuß vorher! So, jetzig kannst Du niir's verraten."
Sie zog ihn lachend ins Nebenzimmer.
„Ruth bezahlt es", flüsterte sie ihm dort ins Ohr, um dann wie ein übermütiger Kobold im Zimmer hermnzutanzcn, bis sic sich, schwindelig geworden, von seinen Armen auffangen ließ.
Er nahm sie bei einem der rosigen Ohren.
„Nu aber mal ernsthaft, Kind. Möchtest Du nicht Gelegenheit suchen, mit Ruth zu sprechen? Hast Du keinen Auftrag für sie?"
Suse befreite sich lachend von seinem Griff und schüttelte sehr energisch den zerzausten Kopf.
„Ne, auszurichten hab' ich ihr nichts — aushorchen sollt' ich sie nur. Aber ich weiß bereits, was ich wissen will. Bittner hat ja seine Sache bei Tisch großartig gemacht — Du hast ihm wohl einen Wink gegeben, Liebster —*
„Ja. Bet ihm durst' ich das. Seiner Diskretion sind


