Ausgabe 
30.4.1906
 
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Niemand fand sich weiter zu den Zurückbleibeüden und sie begrüßten das als eine Wohltat. Bei Ruth meldete sich nun auch, nachdem der Bruder fort war, eine bleierne Müdigkeit, sie dämmerte im Halbschlaf vor sich hin. Ter Klintsgerichtsrat war jetzt fest eingeschlnmmert, sein Kopf lehnte seitwärts an der harten Coupeewand.

Tann tauchten endlich die Türme der Heimatstadt vor Ruths schlafmüden Äugen auf, der Zug hielt mit einem scharfen Ruck.

Auf dem Bahnsteig stand Suse. Ter Wind wehte das schwarze Kleid eng um ihre junge biegsame Gestalt und unter denr Krepp des .Hutes leuchtete ihr goldenes Haar. Ihrem frischen, rosigen Gesicht war deutlich das Bemühen anzurnerken, der Situation gegenüber ernst und traurig Lreinzublickett, aber ihr -leichter Sinn brach schon wieder siegreich durch, das verrieten die lebhaften, glänzenden Blauaugeu. Ist sie nicht zu beneiden? dachte Ruth-, die .nur Conpeefeuster stehend, ihr grüßend zugewinkt hatte, und drehte sich daun dein schlafenden Vater zu, der sich Nicht rührte und den zu wecken ihr förmlich leid tat.

i 7 , (Fortsetzung folgt.)

Kin yefstscher Aürstenfoßn.

lZum 50. Todestag des Prinzen Emil (f 30. April .1856). (; Von. Hofrat 'Alfred r cke l-Mainz.

Wer kennt nichtDie Erfrorenen" von Friedrich Rückert, jenes Hohelied nnsopsernder Treue, in dem so ergreifend geschildert wird, wieein Häuflein Krieger", das unter Napoleons Fahnen nach Rußland zog, seinenteuren Fürstcnsohn" vor der tödlichen Kälte rettet? In eisiger Winternacht aus ödem Sckneefeld ohne Schutz und Lagerfeuer, bilden sie, hungernd und sterbcnsiuüde, noch einen wärmenden Menschenwall um den geliebten. Führer, doch als er am andern Morgen die Getreuen wecken will, da findet er sie erstarrt im ewigen Schlafe. Der Gerettete, dem diese Ausopscrnng galt, war der Prinz Emil von Hessen, dessen 50. Todestag wieder einmal an fein schlichtes Heldentum in .Deutschlands trübster Zeit erinnert.

Prinz Emil wurde geboren am 3. September 1790 zu Darm­stadt als zweitjüngster Sohn des letzten Landgrafen und ersten Großherzogs Ludwig von Hessen-Darmstadt. Rcichbcgabt wie feine edle, auch! von Napoleon gerühmte Mutter, die Prinzessin Luise von Hesse», widmete sich 'der junge Prinz nach sorgsamer Erzieh­ung dem militärischen Berufe und zeigte sich so tüchtig, daß er am französischen Hauptguartier dem Feldzug von 1809 bei­wohnen durfte. Durch, die politische Lage veranlaßt, michte sein Vater damals dem Rheinbünde beitreten und seine Truppen gegen Oesterreich stellen, wodurch der Prinz Gelegenheit fand, sich schon in früher Jugend aus'znzeichnen. Namentlich in den Schlachten bei Aspern und Wagram erregte er die Aufmerksamkeit des großen Soldatenkaisers, er stieg nun rasch empör und erhielt in den Krieqsjahren 1812 bis 1815 die Führung der hessischen Truppen. Im russischen Feldzug blieb der Prinz anfänglich wegen der Zersplitterung seines Korps int Stabe Napoleons, hier focht er tit den Schlachten von Smolensk rmd Mosaisk, zog an der Seite des Kaisers in Moskau ein und sah vom Kreml den Brand der alten Zarcnstadt. Rach der Schlacht bei Malo- jaroslavez sammelte der Prinz die hessischen Reg inten ter, die. Ende Oktober zn einer Brigade vereinigt und bis zum 9. No­vember auf 1800 Mann verstärkt wurden. Vott diesen 1800 Manit erlag aber schon innerhalb acht Tagen während des Rückzugs der Armee fast die Hälfte den snrchtbarcu Strapazen und der bei­spiellosen Kälte, so daß der Prinz nur noch '941 Hessen befehligte, von denen er in der Schlacht voit Krasnöi am 17. November weitere 11 Offiziere nnd 14t Mann verlor, lind jeder folgende Tag brachte neue, unersetzliche Verluste.;. vor deut ,schrecklichen Uebergaug über die Beresina zählte der Prinz kaum noch 200 'Kombattanten, und als er am 8. Dezember in Wilna eintraf, waren von den, Beibeit hessischen Regimentern nur noch 31 Offi­ziere und 24 Unteroffiziere und Soldaten übrig.Der Rest", heißt es int Tagebuch des Generalkommandos an jenem Tage, war geblieben, verhungert, gefangen, erfroren, nur wenige werden sich nach nnd nach wieder bei ihren Fahnen einfinden. Die Armee ist nicht mehr. Was übrig ist beim Hänfen, trägt das Element der Vernichtung in sich. Nach dem Ruhcpuntt Smolensk gab es keinen mehr bis Wilna. Alle Reinlichkeit wird vernachlässigt, die meisten hören auf, sich zu waschen, beit Bart abzunehmen usw. Die Mäntel waren zerrissen oder abgesengt. Wer einen Pelz hatte, wickelte sich darin. Der Köpf war in Tücher und Pelzwerk gehüllt. Keiner erkannte den andern. So kamen wir nach Wilna zurück. Alles zu Fuß, die Pferde waren tot. Von den aus Entkräftung hinter ihrem Truppenteil Zurück­gebliebenen gerieten die meisten in Gefangenschaft." Hub daß letztere noch schlimmer war als der Tod, geht aus einer Schrift des damaligen Leutnants Peppler int hessischen Linien-Jnfanterie-- Regimeut (jetzt Nr. 117) Hervor. In der Schilderung seiner .Erlebnisse in Rußland ;WvrmÄ 1832) sagt er über den all- gemeincn Zustand des Heeres u. g.;Immer dpückelcher wurde

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bei fortgesetztem Rückzug der Mängel an allem. Hunger und Durst wütete im Innern, und die auf 2426 Grad gesteigerte Kälte war Folterpein dem halbnackten Körper. Der freie Himmel war unser Obdach, das Eis unser Lager, auf dem wir in Todes- stille die schauerlichen Nächte zubrachten und das wir oft, ohne uns erwärmen zu können, verlassen mußten, denn zn den Biwnk- fenern wurde nur zngelaffen, wer seinen Holzbeitrag leisten konnte; von einem Scheit Holz hing oft ein Menschenleben ab; Tausende erfroren auf diesen gräßlichen Nachtlagern." Nach einem solchen Nachtlager fand auch der Prinz seine Begleiter erfroren, ein Vorfall, der den Stofs z» beut eingangs erwähnten Gedichte von Rückert gab, aber auch von anderen Dichtern, wie Heinric-n Künzel ttnb bei« Englänber Miles, besungen wurde. (Erwähnt fei hier, bas; auch des Prinzen Großvater, bcr Landgraf Lud­wig IX., einmal in höchster Gefahr stand, zn erfrieren; es war im Jahre 1742 Bei dem furchtbaren Rückzug von Eger, den er als Erbprinz und Oberst des franzöftschen Regiments Royal Allemand autrat und wobei ihm u. a. sein Oberstleutnant an der Seite erfror.) Daß aber die Hessen mit rührender Liebe an ihrem Führer hingen und'willig das. Leben für ihn ließen, beruhte auf' des Prinzen Verhalten gegenüber seinen Leuten, mit denen er alle Leiden und Drangsale jener Schreckenszeit geteilt hat. Ueberäll'mit Rat und Tat bereit, hals er den Schwachen ans, ermutigte die Verzagenden, tröstete die.Sterbenden, lebte die Darbenden und war allen ein guter Kamerad.

Während der folgenden Waffenruhe verweilte Prinz Emil int Hauptquartier Napoleons zn Dresden und übernahm dann in den Jähren 18131815 wieder den Oberbefehl über die hessische Division, an deren Spitze er heldenmütig bei Lützen, Bautzen,und Leipzig focht. Bei Lüften (2. Mai 1813) nahmen die hessischen Regimenter mit einem Verlust von 13 Offizieren und 1109 Mann die Dörfer Klein- und Groß-Görschen unter Führung des Prinzen, und damals soll ihm auch Napoleon durch den ZurufEn avant, roi de Pruste!" beit preußischen Thron verheißen haben, was aber der Prinz bestritt. Beim Beginn der Leipziger Völkerschlacht hatte er noch fünf Bataillone (1784 Mann) zur Verfügung, mit diesen hielt er den Ansturm der feindlichen Reitermassen auf und ermöglichte einen gcordneten Rückzug, wobei er 14 Offiziere und 361 Mann eiubnßte. Mit dem Rest seiner Truppen ver­teidigte er dann noch am 19. Oktober das Grimmaische Tor und die Stadtanlngen von Leipzig, wurde aber endlich bon der feiud- lichen Uebermacht zurückgedrängt und geriet mit den übrig- gebliebenen 250 Mann in preußische Gefangenschaft. Er wurde nach Berlin gebracht, nachdem aber der Großherzog sich vom Rheinbund loSgesagt und den Alliierten angeschlossen hatte, kehrte der junge Löwe", wie der Fürst Schwarzenberg in einem Schreiben an die Großherzogin den Prinzen nannte, in die Heimat zurück. Aber nur kurze Zeit ruhte hier der junge Held auf leinen Lorbeeren, schon im Jahre 1814 stand er wieder vor dem Feind und, durch seine Gegenwart angeseucrt, ging die neue Mannschaft des Leibregiments, welches bei St. Georg, Limonai und Lyon am 18. und 20. März die Avantgarde bildete, mit solcher Todesverachtung vor, daß ihm diese beiden Tage 6 Offi­ziere und 233 Mann kosteten. Am 28. Juni 1815 nahm der Prinz mit seiner durch! Oesterreicher verstärkten Division im Sturm die stark besetzten Dörfer Lampertheim und Mundölsheim und trieb die Franzosen bis hinter die Wälle von Straßburg zurück, wobei er 16 Offiziere und 311 Maun opfern mußte. An alle diese, sowie an die früheren Nuhinestaten und Verluste der hesfifchen Truppen bis 1792 erinnert das von dem Prinz Emil- Vctcrauen-Vcrein errichtete, vom Bildhauer Scholl hergestellte Denkmal auf dem Marienplcw in Darmstadt, welches am 9. Juni 1852 enthüllt wurde. (Dasselbe befindet sich jetzt int Grotzy. Hcrrngarten. D. Red.)

Hatte sich Prinz Emil bis jetzt als Heerführer ausgezeichnet, so bewährte er sich in der nun folgenden Friedens? poche auch älS' Staatsmann, aber tr»ö> lockender Anerbieten von auswärts, verwertete er seine reiche Begabung fortan nur znm Wöhle des engeren Vaterlandes'. Für den Glanz -und die Ehre seines Fürstenhauses unablässig bedacht, wirkte er, nachdem Ludwig I. Hessen eine Verfassung gegeben hatte, noch jahrelang erfolg­reich in der Ersten Ständekammer und ward deren Vorsitzender. Als entschiedener Anhänger des monarckiM-militärischen Systems lvnr Prinz Emil aber der herrschenden liberalen Strömung abhold, er hatte erklärt:durch meine Geburt bin ich berufen, dasi monarchische Prinzip zu lieben", und die 1848 er revolutionäre Bewegung fand daher nicht seinen Beifall. Noch im Dezember 1848 hatte ihn seine Sympathie für Oesterreich wünschen lasten: cs sttüge nichts sestgcsctzt werden, was einem Teil von Deutsch- land die Möglichkeit benehme, bei Deutschland zu Meißen, wodurch eine Minderung der Kvast und Große Deutschlands herbeigeführt würde, die mit den int Monat März so enthusiastisch aufgcuom-. menen Begrissen von deutscher Macht und Einheit sich im schreiend­sten Widerspruch tiubctt müßte." Von nun ab zog sich bcr Prinz . er war nnvcrmählt geblieben ans beit politischen Kämpfen zurück und widmete sich mir noch seinen historischen Studien. Ernstlich erkrankt, suchte er zuletzt in Baden-Baden Geucsuug, doch sein von den früheren Strapazen geschwächter Körper erlag einem wiederholten Schlaganfall am 30. Avril 1856.

Wie im Leben wurden dem Prinzen Emil auch tut -rode, noch hohe Ehre» rrivteskL Md bei seiner. Berhringnng in die.