Ausgabe 
30.4.1906
 
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i OhnmachtZanfall zu Boden gefallen. Hatte Ruth sich das I >'"r eingebildet oder hatteder Arzt, der sich um den Er- I r5nnr,C!1 ^ie wirklich bewegter angesehen, als der

I ."u ^rr Situation cs berechtigt erscheinen ließ? War das I nu'ht schon heißes Mitleid gewesen mit ctivas Entsetzlichem, was noch ui der Zukunft lauerte?

Wie der Vater dort in seiner Ecke lehnte, teilnahmlos, j ^vllc jn rühren, glich er einem trübe brennenden Licht I .s,.nilt ^löschen war, dem man durch nichts mehr Nahrung | zufuhren konnte. 1 J

| wogte nicht, dem Bruder ihre geheimsten Besorg- I "ui's nntzuteilen, aber sie merkte ihm an, daß er sie auch hegte. Seme ticfunischatteten Augen ivanderten sorgenvoll I "ou Zelt zu Zeit zu dem grauhaarigen, tiefgeneigten Männer- I Haupte hinüber»

| . u*e^n bloßen Stationen der Jndustriegegend mit dem lärmenden Treiben der zum Teil polnischen oberschlesischcn Bevölkerung, den derben Scherz, und Schiinpfivorten der

I Schaffner, dein rücksichtslosen Türzuschmettern, den ein- und I luwsteigendcn Mitpassagieren, glitten an ihneii vorüber, ohne I °.llü bie schweren Lider sich von seinen Augen hoben. Wie I C111 ^uid ließ er sich auf der Statioii, die sie zum llmsteigcn I zwang, leiten und führen, als empfände er gar nicht die | Eindrücke der Außenwelt. Der Personenzug, der sie in ibr abgelegenes Heimatstädtchen führen sollte, war nur spärlich

I besetzt.

Sie blieben allein in ihrem Wagenabteil.

I . Draußen wurden allmählich die rauchenden Schlote h'"euer, die ein wenig hügelige, anmutige Gegend der anderen Hälfte Oberschlesiens tat sich auf, fern am Horizont zeichnete sich m grauen, vcrschwommeneii Umrissen die Gebirgs­kette der Siideten ab. Die Wolken begannen zu zerreißen, manchmal lugte schon ein mattblaues Himmelsauge zaghaft auf die Erde herab, um sich wie erschrocken über den kalten Wind, der es anblics, bald Iviedcr hinter Wolkenschleicrn zu verstecken. Aber cs wurde doch heller, die Luft reiner und klarer.

l Otuth vermochte jetzt erst wieder tief aufzuatmen. Sick lvar dre rauhe, aber gesunde, unverdorbene Lust des hoch­gelegenen Heimatsstüdtchens gewühnt, in K. hatte sie zu! ersticken gemeint. Wie mochte es erst im tiefen, finsteren, Zuchten Bergstollen sein? Sie sah als Antwort darauf dre blasien, misgemergelten Gesichter unter den schwärzet, Bergmannsmützeu vor sich, auch nicht ein einziges gesund! gebranntes darmiter. Ob der Bruder, den sie frisch und! rosig gleich Suse gekannt, wohl auch schon so ausgesehen! haben mochte? Fast ein halbes Jahr ivar es her, seit sie! ihm zum letzten Mal in die lebhaften, klugen Blauaugen! geblickt hatte. Nicht mal zu Weihnachten lvar er zii Haus! gewesen, Weit er die Reisekosten gescheut, llnd mut °war!

viel für ihn ausgegeben worden, für den Totcit, der iin Leben gedarbt und sich alles versagt hatte. Sie würden' noch mehr als sonst sparen müssen, um die augenblickliches großen Ausgaben erst wieder einzubringen. Daun aber! mußte die Wegfällende Zulage für den Toten Karl zugute! kommen, es lvar ja entsetzlich, wie. elend, buchstäblich ver.a hiiugert der aussah.

Es mochte doch 11)01)1 selbst dem apathischen Amts!-, gerichtsrat ausgefallen feilt, beim als der Sohn sich, in! seiner Garnison. angelangt, von ihm verabschiedete, trab zunr erstenmal seit Stundeit ein belebterer, schmerzlicher! Ausdruck in feine erloschenen Augen. Er strich fast scheck über die weißbekleidete Rechte seiites Sohttes.

Du siehst nicht gut aus!" sagte er tonlos,der Tienstj strengt Dich wohl sehr an ja, es ist nicht leicht, das! Leben aber ertrag'sj bleib stark und mutig für dick Mutter iind die Geschwiffer wer weiß, wie bald sie! Dich nötig haben."

'Aber Vater!" stammelte der junge Mensch erschütterst Der alte Manu machte eine matt abwehrende Hand-, bewegnitg.

-/3H bin sehr tniibc ich fehlte mich nach Ruhe!"« flüsterte er, wieder in seine vorherige Stellung zurück! fallend. Karl Meridies vermochte itichts mehr zu erwidern/ denn der Schaffner drängte zum AussteigcU. So wechselte er mit der Schwester nur einen kurzen, festen Händedruck/ der ihrer Beider tiefe Erregung Wr.rjet, daun stieg er ans!-

ivenigen Wochen war die kleine blonde Suse Meridies in N. vergessen.

15.

r .. ®itrif) bie raucherfüllte Atmosphäre der oberschlesischen Hnttengegend sauste der Schnellzug, mit dem der Amts- gerrchtsrat Meridies, von seinen beiden ältesten Kindern begleitet, vom Begräbtris seines verunglückten Sohnes zu- rnckkehrte. Die feuchtkalte Lust des schneedrohenden März­tages strich durch das halboffene Coupöfenster, den Qualm, der aus unzähligen riesigen Schloten finster und dräuend gen Himmel brodelte, mit sich führend.

Der Amtsgerichtsrat saß völlig zusammengesunken, sichst llch miss äußerste erschöpft, tu einer Ecke, von Ruth sorglich m eine Reisedecke gehüllt und mit einem kleinen Kissen ge­stützt, und nickte zuweilen wie im Selbstgespräch vor sich, hm. Ruth, blasser als sonst noch, aber wie stets ruhig und gefaßt, unterhielt ein flüsterndes Gespräch mit deut Bruder, einem schmächtigen, hochaufgeschossenen Menschen, der ehr sprechend ähnlich sah mit dem über dem roten Untformlragen leuchtend blassen Gesicht, den dunklen, schwer­mütigen Augen. Nur lag nm seinen schmällippigen Mund ein Zug von trotziger Energie, statt der Resignation, die der Schwester rote Lippen herbe zusammenzog. Er inachte den Eindruck etnes Menschen, der sich mit zusammengebisse- ite» Zahnen durch ein widriges Schicksal kämpfen muß, körperlich immer nahe daran, zu erlahmen, geistig stets von neuem empvrschnellend. Er War sehr ehrgeizig . . sem Traum War es, seine Familie zu erretten aus der ..niere. Ihm hatte Ruth als Einzigem von jenem j Briefe des nun Toten erzählt, der einen so schweren Kuin- mer für den Vater vorzubereiten schietr. Ter hatte Gottlob ahnungslos an dem Sarge des Sohttes gestanden in der festen Ueberzeuaung, daß er das Opfer eines ihn voll beglückenden Berufes geworden war. Das Bewnßt- setn, wie elend er sich darin fühlt, ntit welchem Wider- st?.eben er vielleicht die Todesschicht angetreten, hätte ja etwas Niederschmetterndes gehabt für den alten Mann, der eQnjlir2.pHyer auferlegte, um seinen Söhnen den

Weg zur Lebenshöhe ztt bahnen. |

Buth, hatte ihm diesen Schlag ersparen dürfen. | Mischte rn ihren Schmerz um beu Bruder bie Ruhe I 1,1 st/I?r,efrwbigitt tg. Ja, sie war beit Ihren wirklich un- I entbehrlich. Die letzten Tage hatten ihr bas erneut be- I Ww en. Beim Eintreffen der Unglücksbotschaft hatte die Mutter ent Herzkrampf befallen, von dem sie sich unter I Stunden nrcht erholte, der Vater war zitternd und hilflos I gewesen, wie ein kraftloser Greis, und die Brüder waren I noch viel zn jung, um tatkräftige Hilfe leisten zu können.

hatte sich alles iviedcr an Ruth geklammert, von ihr I Hilfe ^und Rat erhofft.

halle Briese und Depeschen abgesandt, alle näheren I siachruhlen über den Ilnglücksfall und die Beerdigung der | eint nächsten Tage geborgenen Leiche erbeten und erhalten, sie hatte Suse nach Halise gerufen, die nötigen Tranersachen I beforot, bas Erforderliche zur Reise nach K. cingepackt, über- I cifi-tge Beiletdsbesucher empfangen mid dazwischen die Mutter ^pst-gt, die vor Aufregiing stark sieberte und fassungslos I bcjtaiidig leise vor sich hin weinte und jammerte.

« <5.ll'c gekommen, blaß, verstört, mit großen,

mtsetzten »lugen, in denen das Graiien des jäh aus allen | tni"tcIn gefiür31eit Menschen stand. Wie erstarrt hatte | bas gueckfilberne Geschöpf am Bett der weiiienden Mutter gesessen.

Schweren Herzens war Ruth mit dem Vater abgefahren, erst cm wenig erleichtert, als sie an dem ältesten Bruder, der mn. Bahnhüf seines Garnisonsortes sich ihnen zugesellte, eine Stutze fand.

.. , Ereignisse in K. standen nur verschwommen vor ihrer Seele. So viel fremde, ernste Gesichter, so viel ^eilnahme von Menschen, die sie nie im Leben gesehen, te m endlosem Zuge dem mit allen Bergmannsehren zu Grabe getragenen Bruder folgten, der unter Kränzen vcr- fchwmdende Sarg, der die fast zur Unkenntlichkeit eittstellie -.eiche barg, deren Anblick man den Angehörigcit barm- Tiese ~ wie ev langsam in die gähnende

. ® bmnpf die ersten Erdbrocken auf den Sargdeckel

herabkollerten, war der Amlsgerichtsraj in einem schweren