1906
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Wittellsse Mädchen.
Roman von H. E h r Hard t.
(Nachdruck verboten.^
(Fortsetzung.)
„Also ich klingle heute bei Brockhaus und frage die öffnende Betty, ob Fräulein Meridies zu sprechen sei. Dar- anf wird die Zofe unsicher und meint, sie würde erst einmal nachfragen, Fräulein Meridies habe eben eine Trauerbotschaft erhalten und stehe im Begriff, abzureisen. Nun will' ich sie doch erst recht sehen und sprechen und wie ich noch mit der Betty verhandle, öffnet sich eine Tür und der Hauptmann fragt heraus, ob der Wagen auch zur rechten Zeit bestellt sei. Wie er mich bemerkt, macht er sein bekanntes Gletschergesicht, aber ich tue wie Naz und bitte, mich von Fräulein Meridies verabschieden zu dürfen und er läßt mich ohne weiteres eintreten. Na, ich kann Dir sagen, wohl war mir nicht zu Mute, als ich mitten im Zimmer stand. Fräulein Suse war aus einem Sessel emporgeschnellt und mir kam es gleich so vor, als habe sie jemanden anderen erwartet -- nun weist ich ja auch wen — und als sie mich erkannte, sing sie bitterlich zu weinen an. Frau von Brockhaus stand dabei, wie eine wandelnde Leiche, begrüßte mich sehr kühl und der Hauptmann erzählte hastig und überstürzt von der Unglücksdepesche, die ihren lieben Gast so plötzlich abrief. Und über dein ganzen lag so ein undefinierbarer Truck von irgend etwas Entsetzlichem, das mit dein Trauerfall in keiner .Verbindung stand. Bei einer solchen Gelegenheit, denke doch'— der Bruder —j so. Du ivcißt schon, hast es gelesen? — nun also bei solch einem Anlaß zeigt doch jeder Mensch ganz von selbst eine mitfühlende traurige Miene, aber das Ehepaar Brockhaus machte einen so eisigen Eindruck, als hege es einen wahren Haß auf das kleine Mädchen. Ich hätte airstandshalber vielleicht bald wieder gehen müssen, aber es war mir un- möglich, das arme Ting mit den beiden Eiszapfen alleiii zu lassen. So blieb ich, bis der Wagen gemeldet wurde. Ich trat absichtlich zur Seite, bis Fräulein Meridies sich von ihrer Cousine verabschiedete, aber ich hörte ganz deutlich, daß sie unter Schluchzen flüsterte: „Verzeih' mir doch, Meta, verzeih' mir", und noch mehr, was ich rricht verstand, denn ich war rasch bis zur Tür gegangen, um nicht indiskret zu erscheinen. Deshalb iveiß ich auch nicht, vb und was Frau von Brockhaus geantwortet, aber ich sah ihr Gesicht — Donnerwetter, mir länfts noch jetzt eisig den Rücken herunter, tvenn ich an das Gesicht denke, so eilt erbarmungsloses, verächtliches Gesicht. Sie kam dann noch ans mich zu, reichte mir eine feuchtkälie Hand und zwang sich die Erklärung ab, daß niemand die Cousine zur Bahn begleiten könne, weil sie heftige Migräne habe und ihr Mann nm ein Uhr zmn Kommandeur befohlen sei. Und dabei sah sie ihn mit merkwürdig drohen- deiiv befehlendem Blick an. na, ich war froh, wie ich draußen
war. In meinem armen Kops gings Wie ein Mühlrad herum', Fritz, ich halte einen abscheulichen Verdacht und ich iveiß nicht — der Hauptmann kam noch mit bis zur Haustür, dort küßte er der Kleinen die Hand — und siehst Du, das! wars, was meinen Verdacht noch bestärkte — er flüsterte ihr leise etwas zu und sah sie mit einem Blick an, wie ich ihn nuferem „Gletscher" nie und nimmer zugetraut hätte, und sie würbe glühendrot. — Ws sie bemerkte, daß ich sie beobachtete, trat sie zwar rasch wie unwillig von ihm fort und nahm, sichtlich erfreut, mein Anerbieten, sie auf deck Bahnhof zu begleiten, an, — aber ich — ich war meiner Sache doch jetzt ganz sicher. Ich vermochte die Frage- die ich eigentlich auf der Fahrt noch halte an sie richten wollen, nicht mehr zu tun."
’ Er schöpfte tief Atem. Jur Zimmer war es so dunkel geworden, daß er die Gesichtszüge des Freundes nicht mehr erkennen konnte, er. hörte nur sein schweres, stoßweises! Atmen. Schwerfällig richtete er seine lange Gestalt empor und beugte sich über den Sessel, in dem Trautenoorf lehnte.
„Trösten wir uns gegenseitig, Fritz! So was muß auch verwunden werden und es wirb verwunden werden. Dazu find wir Männer."
„Ich hatte sie grenzenlos lieb!" Es kam wie ein Vlufst schrei aus zerquälter Brust.
„Ging mirs denn anders? Glaub' mir, noch, Wie sie am Coupeefenster stand und die verweinten Blauangen so hilflos und suchend über den Bahnsteig irrten, da Ijättf ich sie nur liebsten gefragt, trotz allenr, ob ich ihr mit’ dein nächsten Zug nachgefahren kommen dürfe — aber die Betty handtierte noch im Conpee herum, und als sie fort war, da stieg jemand anderes dazu. — Es ist ja besser so, aber prügeln könnt' ich mich, daß ich nicht unterwegs! an einem Blumenladen habe hallen lassen. Einen Abschieds-, strauß hatte sich das süße Geschöpf wirklich verdient."
Trautendorf tvollte den Mund zu einer hastigen Frage öffnen. Aber daun biß er trotzig die Lippen zusammen. Die Enttäuschung Ivar zu groß für den verwöhnten Frauen- liebliug. Daß sie nicht einmal seine Blumen bei sich gehabt hatte, schien ihm ein neues Glied in der Kette vonj Beweisen, die nach der Erzählung des Freundes noch fehlten.
Lange noch, nachdem dieser ihn verlassen, saß er in, seinem dunklen, frostigen Zimmer und starrte.
Am nächsten Morgen traf Trautendorf der letzte vernichtende Schlag durch die Nachricht, daß der .Hauptmann von Brockhaus einen dreimonatlichen Urlaub erbeten habe, den er zur Stärkung seiner gänzlich zerrütteten Nerven in einem Sanatorium verbringen wollte, während seine Fräst zu ihrer Mutter nach Berlin reifen Würbe., Ganz im Geheimen munkelte man hier und da, es sei das Vorspiel zu einer Ehescheidung und manche hatten so ihre eigenen Vermutungen dazu, aber von den Offizieren Wagte in-, stinktiv keiner, in Verbindung damit den Namen von Suse Meridies zu nennen. Die zurückgesetzte Damenwelt hatte dich damals Jn der richtigen Voraussetzung getröstet; ist


