— 635 —
Aischgas tschekate Kuah^).
Eine luftige Tiroler Geschichte von Rudolf Greinz.
„Jatz tvär's schon bald notwendig!, daß die Kälber auf die Bäum' wachsen! Man weiß ja nimmer, wo man das Schlachtvieh auftreiben soll bei derer Fleischnot!" jammerte der Dorsmetzger Krust*). „Bis d' a alte Kuah kriagst, muaßt dir völlig die Füaß auslaufen und 's Maul wund reden!"
„I wüßt dir schon a Kuah!" meinte der Metzgerknecht Lotsl.
„Nachher weißt mehr als wia i!" rief der Krust.
„Die tschekate**) Kuah von der Knollen Zischga***)", erklärte der Loisl.
„Um dö kannst du handeln, Wann's dich g'freut! Denn leichter Handl' i dem Tuifl a arme Seal' ab als dem alt'n Geizkragen a Stuck Viech!" sagte der Krust.
„Weißt Krust, do Sach' is nit so verzwickt! Der Zischga muast man halt a bissel schon tuan! Nit gleich mit der Tür ins Haus fallen! Die alten Madeln kann man für a guat's Mörtel um an kloau' Finger wickeln!"
„Nachher Wickels du! Mir is dös Raffelscheit zu zach dazua!"
„Abg'macht! I probier's! Wirst seh'n, dö tschekate Kuah krieg'n wir! Wia hoch darf i denn steigern?"
„A Hunderter is g'nua! Höchstens noch a Zehner draus!"
„Alsdann fang' i mit siebz'g Gulden an."
„Fang' nur an, wenn du g'schwiud von allem Anfang an außi g'schmissen werden willst!" sagte der Metzger Krust.
„A zwoa Woch'u muaß i aber Zeit hab'n!" meinte der Loisl. „Denn i muaß mich bei der Zischga doch z'erst a bissel eintegeln !"f)
„Meinetweg'n!" entschied der Krust. „Also höchstens hundertzehn Gulden! Koan' Kreuzer mehr!"
Der Loisl war schon jahrelang beim Krust Knecht und so eigentlich die rechte Hand im Geschäft. Er besaß daher bereits ein gewisses Ansehen und zählte zu den „Hiasigen", die sich am Sonntag im Wirtshaus zu den besten Bauern an einen Tisch setzen.
Jung war der Loisl nicht mehr. Ein Vierziger. Trotzdem aber noch ein ganz fescher Kerl. Der beste Ranggler, Kegelscheiber und Perlaggerff) in der ganzen Gegend. An der nötigen Schneid', auch der Zischga was abzuhandeln, fehlte es ihm daher nicht.
Auf dem Knollengut hausten zwei Geschwister. Die Zischga und der Kaschper. Beide ledig. Der Kaschper ein guter Fünfziger und seine Schwester nicht mehr weit von den Fünfzigern.
Beide hätten ganz gern geheiratet. Aber mit dem Kaschper wollte es keine wagen, weil einer jeden die Schwägerin zu „z'nichws-s-s) war. Und bei der Zischga wollte schon gar keiner anbeißen, weil kein Mannsbild beim Heirat'n gern die Hos'n hergibt. Und die hätte die Zischga ganz gewiß angezogen!
Der Kaschper wär bei seiner Schwester, die den Haushalt führte, nicht zu beneiden. Die ,,karnüffelte"Z) ihn gehörig, sodaß er auch bei der widerhaarigsten Ehßgesponsin nicht schlechter gefahren wäre.
„ In früheren Jahren hatte der Knollen Kaschper manche schüchterne Versuche unternommen, seine Schwester an den Mann zu bringen und dadurch seinen Hausdrachen einem anderen aufzuhalsen. Alle derartigen Unternehmungen waren jedoch kläglich gescheitert. Schließlich hatte sich der Knollen Kaschper in sein Schicksal ergeben.
+) Wir entnehmen diese köstliche Geschichte dein jüngst erschienenen _ neuesten Buch des bekannten Tiroler Volksdichters und Humoristen Rudolf Greinz: „Bergbauern. Lustige Tiroler Geschichten." (Verlag von L. Staackmann, Leipzig.) Das Buch, welches 12 drollige Geschichten aus dem Tiroler Volksleben umfaßt, ent- sesselt von Seite zu Seite die schallende Heiterkeit des Lesers. Das ist alles lebenswahre, echte Bergnatur, unverfälschter kecker Bauernhumor. Wir können unsern Lesern die Anschaffung des Bandes, von dem mir eine Probe bieten, nur bestens empfehlen. (Preis drosch, 3 Alk., eleg. geb. 4 Mk.)
*) Christian.
**) bunt gefärbte.
*”) Franziska.
t) Einschmeicheln.
ti) „Perlaggen", beliebtes Tiroler Kartenspiel.
i"H) bös.
§) plagte.
Der Metzger Loisl nahm seinen Plan allsogleich in! Angriff. Wenn er der Zischga begegnete oder wenn sie in der Metzbank was einkaufte, dann spielte er stets den! Liebenswürdigen, erkundigte sich nach Haus und Viehstand und so beiläufig auch nach der tschekaten Kuah vom Knollenbauern, gab Uebergewicht und schenkte dem alten Fegfeuer alle erdenkliche Aufmerksamkeit.
Anfangs erntete er entschiedenes Mißtrauen. Aber so nach nachhaltigem Werben kann schließlich kein Weiberherz widerstehen, namentlich wenn sich darin in irgend einem Winkel noch immer mannderleutische Gefühle finden.
Die Zischga wurde zusehends freundlicher und umgänglicher. Zuletzt lud sie den Metzger Loisl sogar ein, sich doch einmal das Knollengütl näher zu besichtigen, weil er sich schon gar so viel dafür interessiere.
Nun sei der richtige Augenblick gekommen, den Handel losgehen zu lassen, dachte sich der Loisl und stackelte eines Tages, nachdem im Geschäft Feierabend gemacht worden war, zum Knollen.
Er traf in der rußigen Küchel nur den Kaschper, dev auf der Herdbank saß und Holzspäne zum Unterzünden schnitzte. Gleich darauf kam Zischka herein.
„Schau, daß d' in Stall kimmst! Die tschekate Kuah hat noch koa Fuatter!" herrschte sie den Bruder an, der sich schweigend zur Mchentür hinausdrückte.
Dann lud sie den Loisl ein, aus der Herdbank Platz zu nehmen. Die Zischga mußte einmal nicht gar so unsauber gewesen sein. Jetzt freilich war sie derb und knochig geworden, und über der Oberlippe saß ein ganz respektables Schnurrbartl.
„Wart', t wärm' dir an Kaffee, Loisl!" sagte sie mit dem freundlichsten Ton in ihrer Stimme. Der Loisl gab' durch einen zufrieden knurrenden Laut sein Einverständnis kund und überlegte im stillen, wie er jetzt wohl die Sache am schlauesten anpacken sollte.
„Wird nimmer viel Milch geben, bei' tschekate Kuah!" begann er nach einer Weile, während sich die Zischga beim! Herd zu schaffen machte.
„Könnt's nit schelten!" erwiderte diese. „Milch gibt sie noch g'nua! Dö Kuah is mir noch lang nit feil!"
Holla! Da war er in der Sackgass'n. Auf diese Weise ging es nicht, dachte sich der Loisl. Da mußte er geschwind umstecken. Er verfiel wieder in tiefes Nachdenken. Unterdessen war der Kaffee fertig geworden. Die Dirn stellte die mächtige Schale von den Loisl auf den Herdrand und legte einen mürben Fastenbretz'n daneben.
Der Loisl tauchte den Bretz'« ein, schluckte und kaute. Die Zischga wusch unterdessen in einem großen Kessel Geschirr ab.
„Kaffee machst an guat'n!" begann der Loisl nach einer Weile. „Bist überhaupt a reviarisches*) Madel! Man sieht schon, daß du bet’ Ordnung hast!"
„Man tuat halt, was man kann und soweit's oan' als a lediger g’freut!" erwiderte die Dirn freundlich.
„Freilich, 's Ledigsein hat auch so feine zwoa Seit'n!" meinte der Loisl. „’s Viech macht viel Arbeit. Und wenn’s g'rad' amal a Kuah verkauf'« will, muaß a ledig’s Madel b'sonders acht geb’«, daß sie nit über die Ohren g'haut wird!"
„Ja, ja, «tun wird auf Weg nnb Steg betrog'«!" antwortete die Zischga, indem sie einen Abspülfetze« auswand.
„Es is unterschiedlich!" meinte der Loisl, in seinem Kaffee löffelnd. „I zum Beispiel könnt's nit über's Herz bringen, a Madel z' betrüag'n, das so alloan in der Welt dasteht!"
„Du freilich nit! Du bist halt a braver Mensch, Loisl!" sagte die Dirn mit einer gewissen Rührung.
„Wir zwoa würden schon über Ort kommen**), wenn wir amal an Handel miteinander hätt’n!" meinte der Loisl. „Wenn oane a Metl so brav im Stand' haltet total die Zischga, nachher kann man schon handelseins toerb’n!"
„'s Güetl is guat bei'nand! In Feld und Stall alles üt Ordnung! Ztooa Küah im Stall, die Blaß und! die Tschekate! Drei Goas und a Mastschwein! Die Acker, weißt selber!" erklärte die Zischga.
„Was? Siebz’g Gulden? Bist narrisch? ereiferte sich' die Dirn. „Die Tschekate g'steaht**) noch alleweil 's Doppelte! Magst nit noch a Schalele Kaffee?"
*) tüchtiges.
**) einig werden.
***) ist wert.


