noch geträumt hättest! Aber die Werber müssen intmer gleich kreischen. Wenn ein Geheimnis damit zusamrnen- hängt, Mutter, so sag's mir doch jetzt; du siehst, ich soll e§ ja wissen."
Vor Kates verstörtem Gesicht erhob sich die Erinnerung au Marian West und wie sie vor langen Jahren vor ihr gestanden, stattlich, feierlich und ruhig. Sie hörte die ruhige Stimme:
„Schwören Sie jetzt, Kate Jefferies, schwören Sie mir Ler Ihrer ewigen Seligkeit, daß Sie dies Geheimnis nie enthüllen wollen."
„Ich schwöre es!" hatte sie geantwortet, und es war ihr Ernst damit gewesen.
All dies erhob sich vor ihrer Seele. Sie durfte ihreu Md uicht brechen, und wenn ihr der Tod bevorgestanden hatte.
„Es gibt kein Geheimnis, Jack. Du bist ganz im Irrtum. Wirklich, ich weiß uicht, !vas dein Traum bedeutet; aber es hängt kein Geheimnis damit zusammen. Was sollte es sein?"
„Ich weiß, es ist eins vorhanden", sagte Jack in entschiedenem Tone. „Träume kommen nicht um nichts und wieder nichts. Ich sage, es ist ein Geheimnis dabei, und dies Weib hilft dir es bewahren, oder du hilfst ihr dabei, eins von den beiden."
Er wußte, daß er den Pfeil auf den Schützen zurück- gesandt, als er das Gesicht seiner Mutter sah; es war aschgrau vor Angst; ihre Augen sahen ihn voll Schmerz und Kummer an. Hätte er mehr menschliches Empfinden gehabt, er hätte gerührt werden müssen.
Aber es erfüllte ihn nur triumphierende F-reude über diesen ersten Erfolg; jetzt war er seiner Sache sicher; früher war es Verdacht gewesen — jetzt war es Sicherheit.
„Mutter", sagte er ruhig, „ich denke, es ist doch sehr hart. Ich bin dein ältester Sohn und du willst mir nicht vertrauen."
„Ich habe dir nichts anzuvertraueu, Jack — es ist alles Irrtum — ich habe kein Geheimnis — Werner hat keins. Du weiht doch, Träume sind Schäume."
„Wir werden sehen", sagte Jack finster. „Hättest du mir vertraut, Mutter, so war alles gut. Ich hätte mich aus deine Seite gestellt; jetzt aber werde ich das, was du mir nicht sagen willst, für mich allein ausfindig machen."
„Es ist alles ein Irrtum, Jack", rief die arme Frau, „alles ein unseliger Irrtum von dir!"
„So? Dann hast du also um so weniger zu fürchten, Mutter, und ich habe nur so weniger zu tun."
26. Kapitel.
Jack Jefferies verliebt sich.
Auf kurz? Zeit verlor Jack sein Geheimnis aus den Augen. Kate Jefferies wußte kaum, was über ihn gekommen war. Sie betrachtete ihn verwundert, tote jemand, der neue Merkwürdige Erfahrungen macht; hatte diese stille, gutmütige Durchschnitts-Frau doch seither stets dasselbe gleichmäßige, ruhige und — bis auf eine einzige Ausnahme — ereignislose Leben geführt.
Eilt förmlicher Geist von Un-rühe schien von Jack Besitz ergriffett zu haben. Er war nie zufrieden, nie ruhig auf einer Stelle.
Er ruinierte seine Mutter fast mit den vielen bunten Halstüchern und billigen Talmi-Ringen, die er kaufte. Mit peinlicher Sorgfalt war er um den tadellosen Glanz seiner Stiefel bemüht; die Quantitäten Pomade und Haaröl, die er verkonsumierte, gingen ins Ungemessene, und ein letztes Zeichen seines desperaten Zustandes war der neuerditigs erfolgte Ankauf von „echten" Glacees zu zwei Schilling das Paar.
Nun begann seine Mutter zu argwöhnen/ Jack sei verliebt; nichts, es sei denn weiblicher Einfluß, hätte sonst diese roten Fättste in Handschuhe zwängen können.
Kate Jefferies' Sorgen schienen gerade erst anzufangen.
„Was soll ich tun", dachte sie, „wenn Jack sich's in den Kopf gesetzt hat und bringt mir eine Frau ins Haus? Ich werde sie dann auch noch mit durchbringen müssen, und dann adieu alle Bequemlichkeit."
Indes Mrs. Jefferies ließ sich wenig träumen, wie weit Jacks Ehrgeiz sich verstiegen. Er hatte sich allerdings verliebt, aber in die Tochter eines Farmers in der Nachbarschaft, der im Rufe stand, „für jeden Betrag gut" zu sein.
Wäre Jack klug geivesen — was er nicht war, er war nur schlau — so hätte er Anzeichen von Gefahr in Betsy Fenton's Zügen gelesen. Ihr Gesicht war hübsch in einer gewissen verwegenen, zigeunermäßigen Weise. Die Augen waren schwarz wie die Nacht und sprühten Blitze; aber keine Sanftlnui, keine Zärtlichkeit lag darin. War sie zorngi, so schien ein gewisses rotes Feuer darin zu glühen.
Sie war von stattlichem, hübschen: Wuchs und besaß eine in ihrer Lebensstellung gerade nicht gewöhnliche Anmut in allen Bewegungen. Das üppige, tiefschwarze und glänzende harte Haar hing ihr gewöhnlich in einzelnen, widerspenstigen Strähnen um den Kopf.
Es war in Elton wohl bekannt, daß Farmer Fenton in seiner Jugend einen großen Mißgriff gemacht hatte; er hatte sich leidenschaftlich in ein hübsches Zigeuner-Mädchen verliebt und dasselbe auch geheiratet — ein Mädchen, hübsch von Gesicht und Gestalt, aber eine vollendete Teufelin an Bösartigkeit unb Leidenschaftlichkeit des Gemüts.
Das alte Zigeunerblut rann ihr wild durch die Adern. Vielleicht hatte sie der Reiz der Neuheit, in einem warmen, behaglichen eigenen Hause zu leben, verlockt, vielleicht die geachtete, ihr angebotene Stellung, die Frau eines ehrenhaften, ansässigen und begüterten Mannes zu werden; vielleicht hatte auch die tiefe und feurige Liebe des Farmers gerührt Genug, sie hatte eingewilligt, ihr Wanderleben aufzugeben und war Frau Fenton geworden. Aber ihr Charakter war nach wie vor derselbe geblieben.
Es ist merkwürdig, aber nichtsdestoweniger wahr, daß schlechte Frauen oft tiefer und leidenschaftlicher geliebt werden, als gute. Mögen die Psychologen sich mit der Lösung dieses interessanten Problems beschäftigen, aber soviel steht fest, daß Farmer Fenton die beste andere Fran nie so geliebt hätte, wie diese wilde Zigeunerin, die nichts Gutes an sich hatte.
Sie war ein schlechtes Weib im schlimmsten Sinne des Wortes, diese hübsche, wilde Madge Fenton. Sie hatte alle Fehler ihrer Rasse an sich und alle Laster derselben. Nie sagte sie die Wahrheit, es sei denn per Zufall; sie stahl, wo sie stehlen konnte; sie trank, iuo sie nur immer Gelegenheit hatte.
Tat sie auch Schlimmeres? Das blieb Geheimnis zwischen dem Himmel und ihr selbst. Ihre gesamten Nachbarn bejahten die Frage, daß ft, als Fenton einst abwesend, eine Stufenleiter der Verworfenheit dttrchgemacht, die sich kam» erwähnen lasse.
Und doch, trotz allem und allem, verlor sie nie ihren Einfluß auf den Mann, der sie so sehr liebte, unb als nach zehn Jahren halbzivilisierten Lebens Madge Fenton endlich starb, verlor ihr Mann fast den Verstand.
Sie starb indes nicht so früh, daß sie nicht ihre eigene Bösartigkeit zum größeren Teile auch nuf ihre Tochter fort» gepflanzt hätte.
Besiy Fenton hatte das wilde Blut, die leidenschaftliche Zigeuner-Natur, das unberechenbare Temperament ihrer Mutter geerbt. Die Leute fürchteten sich, sie zu beleidigen. Wenn das rote Licht in ihre Augen kam war Betsy gefährlich, und jeder wußte das unb hütete sich. Die jungen Männer, die ihre blitzenden Augen und ihr hübsches Zigeuner- Gesicht bewunderten, wagten nie, ihr viel zu sagen, solchen Respekt hatten sie vor ihr.
In dies verwegene leidenschaftliche Mädchen nun hatte Jack Jefferies sich blindlings verliebt. Ihre schwarzen Augen und ihr hübsches Zigeunergesicht Hattens ihm zuerst angetan; sie sahen wohlgefällig auf ihn, sie warfen ihm scheue und verstohlene Seitenblieke zu, die Jack berauschten. Ec dachte, sie habe nicht ihresgleichen, und beschloß, Betsy Fenton zu geivinnen unb sie zu seinem Weibe zu machen.
Er macht alle üblichen Vorstadien des Verliebtseins durch. Er trug enge Stiefel, so eng und spitz, daß er kaum gehen konnte; er verbrachte den größten Teil seiner Zeit mit Aus- unb Abgehen auf bem Wege vor ihrem Hause; er errötete jählings unb heftig, wenn er ihrer ansichtig mürbe. Nach- bem dies einige Wochen gedauert, kam ihm ein plötzlicher Gedanke, (Fortsetzung folgt.)


