Ausgabe 
29.9.1906
 
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M. 143

1906

Samstag den 29. S.pteMLer

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Zm Banne des Heheimmsses.

Roman von H. v. Raesfeld.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Sie war hochgewachsen, von gebieterischem Aussehen, von königlicher Erscheinung; nicht eigentlich schön, wenigstens nicht in des Wortes strenger Bedeutung. Sie hatte ein hübsches, vornehmes Gesicht und sehr schöne Hände und Arme. Sie war ein Weib, das mehr oder weniger jeden, mit dem sie in Berührung kam, beeinflußte, einzig und allein durch ihre geistige Macht und Willensstärke.

Bor dieser Frau, von königlichem Geblüt, vornehm an Geist und Körper, ganz in den Anschauungen und Vorurteilen ihrer Kaste befangen stand Evelyn, Lady Wayne, gerüstet, mit ihr um die gesellschaftliche Krone zu kämpfen, die sie bis dahin getragen.

Ein unterdrücktes Gemurmel der Bewunderung lief beiui Eintritt Lady Waynes durch den Saal. Sie war so außer­ordentlich holdselig, ihre Toilette so reizend, so originell und künstlerisch-geschmackvoll, ihre ganze Erscheinung so überaus fasciniercnd, daß sie vom Augenblick ihres Eintritts bis zu ihrem Aufbruch unbestritten die Köirigin des Abends war.

Sie sah den Herzog, als er pflichtgemäß den Ball mit Ihrer Durchlaucht voir Chisledon eröffnete; sie sah, wie häufig sein Blick auf sie siel unb immer wieder zu ihr zurückkehrte. Sie wußte, daß er von ihr sprach, denn nach einigen Minuten sah auch die Herzogin zu ihr herüber; dann, nachdem der Tanz vorbei, brachte die Gebieterin von Belvoir den Herzog zur jenseitigen Seite herüber und stellte ihn Lady Wayne vor. Das war der Augenblick ihres Triumphes. Sie las Bewunderung auf seinem Gesicht und nahm cs sehr kalt auf; sie machte keinerlei Anstrengung, ihn an ihre Seite zu fesseln, obwohl er zögerte und verweilen zu wollen schien. Sie war so würdevoll, leutselig und herablassend, wie die Herzogin selbst. Der Herzog bat sie um einen Tanz, und sie willfahrte gnädig. Man bemerkte ihr Benehmen. Sie schien sich der ihr gezollten Ehren so wenig bewußt und Wert darauf zu legen, als ob sie ihr Leben laug an fürstliche und königliche Huldigungen gewöhnt gewesen.

Ihre Schwägerin ist sehr schön/ wandte sich die Herzogin an Isabel Wayne.Darf ich fragen, was für eine Geborene sie ist? Falls ich den Namen je gehört, habe ich ihn wieder vergessen."

Sie ist eine geborene Evelyn West," versetzte Mrs. Wayne.

Ach so l Ich entsinne mich des Namens absolut nicht," sagten Ihre Durchlaucht sanft.

Es ist eine gute, alte englische Familie, glaube ich," fuhr Mrs../Wayne fort,obivohl ganz und gar nicht in unseren Kreisen verkehrend."

Die Herzogin lächelte wieder sanft.

Lady Wayne verfügt über ein außerordentliches Maß Selbstbeherrschung und Selbstbewußtsein," fuhr sie dann fort, doch muß sie sehr jung sein; sie sieht aus, als ob sie noch nicht zwanzig wäre."

Sie ist vierundzwanzig Jahre," betonte Mrs. Wayne, aber sie hat ein sehr jugendliches Gesicht."

Tie beiden Damen, die etwas abseits von den Tanzenden saßen, blickten sich an, unt> jede los die Gedanken der andern keine von ihnen mochte Lady Wayne leiden.

Tie Abneigung der Herzogin wurde den Abend noch verstärkt. Sie war seit langem daran gewöhnt, durchaus über die Damen der ganzen Umgegend zu herrschen, sie war der führende und tonangebende Geist jeder Tamengcsellschaft. Ihre Ansichten waren sozusagen geschriebene und unverändert liehe Gesetze.Die Herzogin sagt das und das," oderdie Herzogin meint so und so," genügte. Stimmte man nicht mit ihr überein, so schwieg man; aber nie kam es vor, daß jemand ihr zu widersprechen gewagt hätte.

An diesem Abende nun stand eine Gruppe von Damen um den Springbrunnen im Geivächshause, und die Herzogin sprach von der'Lehrerin einiger Armenschulen, an denen die anwesenden Tarnen mehr ober weniger sämtlich beteiligt waren. Tie Lehrerin hatte vor kurzem ihre Stelle verlassen, um sich zu verheiraten, halte aber nach einigen Monaten des ehelichen Lebens cS bei ihrem Manne nicht mehr aushalten können, ihn verlassen und war nun vorstellig geworden mit dem Wunsche, ihre alte Stellung wieder übernehmen zu dürfen. Die Herzogin war die Haupt-Patronin dieser Schulen und sic war ganz entschieden dagegen. DaS Thema war von Lady Claydon angeschnitten worden, aber die Herzogin hatte sofort, ohne auf für und wider zu hören, ihr Beto dagegen eingelegt.

Ich möchte gegen mein eigenes Geschlecht nicht hart erscheinen," sagte sie,aber wenn eine Frau mit ihrem Manne nicht leben kann, so ist, glaube ich, in der Regel der größere Fehler ans ihrer Seite."

Die kleine Gruppe der Damen murmelte eine schwache Zustimmung.

Lady Wayne sprach ihre Meinung tapfer laut ans.

Ich stimme nicht mit Durchlaucht überein", sagte sie. Bei derartigen Zwistigkeiten liegt die Schuld gewöhnlich bei den Männern."

Wäre ein Blitz in ihrer Mitte hernieder gefahren, die Damen hätten nicht verblüffter lind erstaiinter dreinsehen