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hMen. Abends vereinigt dann ein Privatball „nur" für Mitglieder des Tennisturniers oder „nur" für Mitglieder des Golfklubs die englische Gesellschaft; der englische Botschafter Sir Frank Lascelles ist oft im Komitee dieser Ber- anstaltungen, zu denen Deutsche nur durch Privatbezieh- ungeu zu Komiteemitgliedern Eintritt erhalten. Unb sieht mau daun diese ausschließlich englische Gesellschaft, die blonden Töchter Albions in großen Federhüten, die langen, sehnigen Engländer, so muß man sich verwundert ms Gedächtnis rufen, daß man mitten in Deutschland, nur eine Stunde von Wiesbaden entfernt ist! 1 ,
Wer nicht am Nachmittag Tennis oder Golf spielt, sitzt am Bridgetisch und opfert schöne Sommernachmittage diesem Kartenspiel, das, von London ausgehend, Pans tu seinen Bann gezogen hat und leise anfängt, auch m Deutschland Boden zu gewinnen. Biel ist über dieses Kartenspiel, da?' dur ck die Leidenschaft der e n g l i s ch e n Frauen für dieses Schande und Ruin über manchen Namen gebracht hat, geschrieben worden. In Kunst und Literatur wurde es gegeißelt; ich erinnere an das viele Hunderte Mal in London gegebene Sutrosche Tendenzstück „The Walls of Jerichow" und an den Clou der Academy der letzten Londoner season, ein großes Gemälde, das eine aristokratische Dame in dem Moment auf die Leinwand bannt, als sie beim Betrügen beim Bridgespiel entlarvt wird. Auch hier also wird hoch und viel gespielt, und die Mischung von Erstaunen, Geringschätzung und Ungläubigkeit, die in dem langgedehnten,oooh" eines Engländers liegt, wenn man auf die Frage: „Do you play bridge?" mit „no" antwortet, ist schwer zu beschreiben ! — Auch der Automobilsport steht in Blüte hier, in viel höherem Grade als in Wiesbaden. Ein ziemlich hoher Prozentsatz der englischen Fremden ist per Auto hergekommen und stattet der Saalburg, der Gordon Bennetstrecke, Cronberg und Königstein täglich eilige Besuche ab; hoch mit praktischen Auto-Koffern bepackte Automobile halten vor den großen Hotels, und aus den tiefverschleierten, mit Kalbsaugenbrillen geschützten Mto-Raupen entwickeln sich überraschend schnell elegante Luxus-Schmetterlinge! Nachmittags erscheinen auch die Frankfurter per Auto in Homburg, aber auch sie vermögen Homburg zurzeit nichts von seinem absolut englischen Charakter zu nehmen.
Die Monarchenzusammenkunft vollzog sich ja kürzlich für Homburg sozusagen hinter den Kulissen, in Cronberg; aber Homburg hatte immerhin seinen „historischen Moment"; „King und Kaiser" statteten nachmittags Homburg einen kurzen Besuch per Auto ab, old England raste von den Spielplätzen nach den Promenaden, seinem König kräftige „cheers" bringend. Am folgenden Tage unterzog es dafür „the' Kaiser" bei der Denkmalsenthüllung einer ebenso interessierten, lebhaften, als — ungenierten Kritik! Homburg hofft, daß König Eduards Wort (relata refero), er werde nunmehr wieder „öfters naxfy. Homburg kommen", Homburg aus der eduardlosen, der schrecklichen Zeit befreien möge — wichtiger aber als dieses unsichere Versprechen ist für Homburg der Wunsch unseres Kaisers, „eine häufige, schnelle Verbindung, sei es per Bahn oder per elektrischem Betrieb, zwischen Wiesbaden und Homburg hergestellt zu 'et, en".
Vermischtes.
* Zu den Sitten und Gebräuchen der Schlvarz - Wälder gehört auch das Versteigern der Braut am Hochzeitstage, das dieser Tage wieder in St. Georgen stattgefunden hat. Der Grundsatz, daß jeder Jüngling des Städtchens oder Dorfes an und für sich (Geldbeutel, Zuneigung usw. abgerechnet) eigentlich den gleichen Anspruch auf die mehr oder weniger Holdselige hat, scheint zum Entstehen dieser Sitte geführt zu haben. Darum soll auch, wer das Glück hat, die Vielumworbene heimzuführen, die andern Jünglinge einigermaßen schadlos halten und ihnen die Braut abkaufen oder, besser gesagt, jenen ihren Anteil an seiner Zukünftigen herausbezahlen. In fast militärischer Ordnung stehen, so wird der „Straßburger Post" berichtet, die weiblichen Hochzeitsgäste in ihrer schmucken Tracht mit dem flimmernden, spiegelnden und buntfarbigen Kopfschmuck (den sogenannten Schappeln) vor dem Gotteshause. Tie hellen Kirchenglocken laden zum Festesglanz ein, und nun erscheinen Braut und Bräutigam; im Augenblick sind sie
umringt von der Schar der noch nicht brautbeglückten Burschen, ein Weitergehen ist unmöglich gemacht. Zunächst kreist nun auf dem öffentlichen Platz das Weinglas, aus dem nicht etwa genippt, sondern so recht nach Germanenart getrunken wird; wahrscheinlich sollen dadurch harte Herzen zu der jetzt folgenden Versteigerung weich gemacht werden. Die „Ledigen" verlangen drei oder mehr Liter Wein pro Kopf von'dem Bräutigam; dieser bietet zunächst zwei; es wird nun gehandelt, gefeilscht, und erst das Freilassen des Paares beweist die Einigung. Es richtet sich der Preis natürlich nach der finanziellen Lage des Brautpaares. Wer Brautloskäufe von 150—200 Liter Wein sollen an größeren Orten Feine' Seltenheiten fein.
* Belgien ist das Land der starken Trinker und Raucher. Tie 7 074910 Belgier haben 1905 nicht weniger als 15 947 876 Hektoliter heimisches und 203 784 Hekt. eingeführtes Bier, ferner 339 448 Hekt. Wein, 489 207 Hekt. heimischen und 12 281 Hekt. importierten Schnaps getrunken. Verraucht wurden int Vorjahre 10178 971 Kg. fremder und 10 696 909 Kg. inländischer Tabak. Das ergibt pro Kopf folgenden Konsum: 228 Liter Bier, 4,8 Liter Wein, 7 Liter öOgradigen Branntwein und ungefähr 3 Kg. Tabak. Der große Konsum von alkoholhaltigen Getränken, der übrigens dank dem von der Regierung und mehreren Vereinen gegen diesen Mißbrauch geführten Kampf int Rückgang begriffen ist, läßt sich bis zu einem gewissen Grade damit entschuldigen, daß das feuchte Klima und der Umstand, daß das Trink- wasser an vielen Orten schlecht ist, zur Trunksucht beitragen. Es ist ferner zu bemerken, daß in Familien zumeist sehr leichtes Bier getrunken wird.
* Heß er die Hygiene des Rauchens befindet sich in den Blättern für Bolksgesundheitspflege eine sehr interessante Betrachtung von I. Bamberger. Es wird hier auf den wesentlichen Unterschied zwischen den sogenannten Naßrauchern und den Trockenrauchern hingewiesen. Bei den letzteren gelangt der Tabakrauch in die Mundhöhle und wird mit dem Speichel verschluckt, während der Rauch, mit der Atemluft stark verdünnt, in die Luftwege einbringt, um mittels ber ausgebehnten Resorptionsfläche der Bronchialschleimhaut seine giftigen Bestandteile an ben Kreislauf abzugeben. Bei den Naßrauchern kommt nun noch hinzu, daß das im Zigarrenstummel aufgespeicherte Nikotin ausgelaugt und in den Magen aufgenommey wird. Das Naßrauchen ist also gefährlicher. Auf dasselbe kommt übrigens das mit dem TabakrauchM gleichzeitig einher- geheude Wein- und Biertrinken hinaus. Merkwürdigerweise werden die Kautabake, die ihrer eigenartigen Präparation nach nikotinarm sind, als minder gesundheitsgefährlich angesehen. Empfohlen wird die Einfügung von Eisenchloridwatte in die Zigarrenspitze.
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— Großherzog Wilhelm-Ern st-Aus gäbe deutscher Klassiker: Goethe, Romane und Novellen. Baud 2. In Ganzledcr gebunden. Von dieser Goethe-Ausgabe, deren Vorzüge wiederholt von uns hervorgehoben worden sind, enthält der 2. Band auf 1019 Seiten den gesamten Wilhelm Meister (Lehr- und Wanderjahre) und kostet 6.50 Mk. Damit liegen Goethes Romane und Novellen vollständig vor. Die schmucke, im Bücherschrank wenig Platz einnehmende Ausgabe, in uarer Schrift aus dünnem Papier gedruckt, wird sich unter den Frenn- den schön ausgestatteter Bücher ohne Zweifel immer mehr ein» bürgern.
Magisches Dreieck.
Nachdruck verboten.
In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aabbiillnnnrruu derart emznlragen, daß die einander entsprechenden wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedenten:
1. Farbigen Edelstein.
2. Mächtiges Gebirge.
3. Ungarischen Titel.
4. Teil von Illyrien.
5. Einen Buchstaben.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung ber Charade in voriger Nummer: Freudeutränen.
Redaktion: V. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'scheu Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen.


