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(tuf niich gerichtet. Ein Talent, dem Wittelsbach dieses Interesse widmete, mußte das außerordeutlichste sein. So stand meine künstlerische Laufbahn unter den glänzendsten Zeichen.
tlnd ich lernte mit glühendem Eifer, mit tiefstem Erfassen seiner genialen Ideen. Ich kann Ihnen das heute sagen, nachdem das Urteil über 'mich feststeht in den maßgebenden Kreisen. Ob ihm selbst eine große Befriedigung daraus erwuchs, daß er mich so hingebend, so eifrig und gelehrig fand, weiß ich nicht. Jedenfalls verriet er kein anderes Interesse für mich, als das rein künstlerische.
Ich hatte in dieser Zeit sehen gelernt und hören. Die naive Kinderunschuld, die ich aus der Heimat mitgebracht hatte, war dem allmählichen Erkennen gewichen. Ich ahnte, was unter scheinbar harmlosen, gesellschaftlichen Formen sich barg, daß Liebe, Leidenschaft, Sünde überall in verführerischer Schönheit gediehen. Später wußte ich es. Das Theaterleben und dann für Schauspieler die Darstellung und Ausgestaltung dieser Empfindungen, um die sich ja die Dichtkunst ausschließlich bewegt, ließen mich nicht lange im Ungewissen darüber."
Graf Guido seufzte bei diesen Worten schwer auf. Was würde ihre Offenheit ihm noch enthüllen?
„Von den Liebesabenteuern Wittelsbachs erfuhr ich ebenfalls mancherlei. Man sprach überall davon, auch im Hause meiner Tante.
In den Verkehr mit mir hat er nie etwas hineingetragen aus dieser Sphäre, nur einmal ließ er mich einen Blick tun in die Gefahren, die dort drohten. Es war, als Sie mich in Dresden auffuchten, Graf Guido l Im Beginne des zweiten Jahres meiner Studien bei ihm. Er kannte alle meine Lebensverhältnisse; ohne daß er viel fragte, hatte ich ihm nach und nach davon erzählt. Er besaß mein ganzes Vertrauen und war der einzige, mit dem ich von meiner Heimat sprach. So erzählte ich ihm auch von Ihrem Besuch und dem Anerbieten, das Sie mir gemacht hatten. Er sagte gleichmütig: „Das mußt du ablehnen, Kind. Eine Frau verpflichtet sich einem Manne immer, der materiell für sie sorgt. Denke darüber nach, wie der Gras war, als er dich besuchte, und du wirst morgen wiffen, was du zu tun hast. Ein Graf und eine Sängerin! Es wird dir gut tun, daß du das Leben in seiner Wirklichkeit zu sehen anfängst!" Eine rasch aufflammende Röte bedeckte ihr Gesicht. „Meine Harmlosigkeit war gestört ... und ja, ich wußte, als ich Sie am nächsten Tage sah, so wiedersah und zu mir sprechen hörte, wie Sie cs taten, daß ich Ihren Vorschlag ablehnen mußte!" —
Ein bitteres Lächeln trat auf seine Lippen.
„Und ich hatte geglaubt, Wunder wie sehr Herr meiner Gefühle zu sein, alles vermieden zu haben, was Sie hätte stutzig machen, beunruhigen können."
„In meiner Seele mar etwas aufgegangen, was mir Ihr Geheimnis verriet."
„Und wenn ich damals gesprochen hätte, für mich? Wenn ich die rechte Form, das rechte Wort gefunden hätte . . ."
„Ich hätte Ihnen auch dann keine andere Antwort gegeben, Graf. Ganz und gar stand ich damals im Banne der Kunst, zu deren Priesterin ich mich geweiht fühlte — geweiht durch ihn. Eine Ebenbürtige, eine Große wollte ich werden. Kein anderer Gedanke beherrschte mich! Und gerade dadurch daß seine Person und die große, gereifte, künstlerische Vollendung sich zu einem Begriffe für mich verschmolzen, war ich in seinem Banne, während ich in dem der Kunst mich wähnte.
Sehr allmählich bin ich mir darüber klar geworden. In der Einsamkeit hier, die für mich keine verlorene war, habe ich es ganz erkannt. Mit gebundener Seele, mit ahnungsloser Hingabe gehörte ich ihm, so weit sein ®ei|t in mir wirksam wurde. Es war wie eine hypnotische Gemalt, die er über mich besaß. Er leitete, ohne daß ich es merkte, alle meine Schritte. Er sorgte für mich, als ich in die Oeffentlich- keit trat. Nichts hemmte meinen Weg, der für Anfängerinnen sonst so dornenvoll ist. Er ebnete meinen Pfad, und
wie auf einer Himmelsleiter stieg ich auf zu den Höhen des Erfolges. Meine geschäftlichen Angelegenheiten erledigte ec, überall stand sein Künstlername mir zur Seite, und ich hatte nur die Lorbeeren zu ernten, die er für mich aussäte. Wäh- rend ich aber dadurch in eine immer tiefere Abhängigkeit von ihm geriet, machte er mich der Welt gegenüber unabhängig, geistig frei. — ,
Frei in jenem hochmütigen Sinne, der für die Künstler- natur Gesetz und Konvention nicht anerkennt und sich erhaben dünkt über allo Vorurteile, die Sitte und Tradition geheiligt haben. ,Von dem eigenen Reich, in das wir einziehen, das wir uns errungen', sprach er oft, und wie wir im Sonnenschein leben, unter uns das Tränenmeer der Vielzuvielen. Wir! Die Auserkorenen! (Forts, folgt.)
Zur Genealogie von „Werthers Lotte".
(Originalaussatz des Gieß. Anz.)
Auf der inneren Seite der östlichen Umfassungsmauer des Kirchplatzes und evangelischen Friedhofs zu Steinbach bei Gießen befindet sich ein früher an der alten im Jahre 1848 niedergerissenen Kirche befestigt gewesenes Marmor- Epitaphium eingemauert, dessen Dasein und Wert wohl nur wenigen Eingeweihten bekannt ist. Es ist der Grabstein des vor nunmehr gerade 150 Jahren Heimgegangenen Pfarrers Christoph Buff von Steinbach, des Großvaters der Lotte Buff, Tochter des Deutschen Ordens-Verwalters Heinrich Adam Buff zu Wetzlar, bekannt als das Urbild der Lotte in Goethes „Leiden des jungen Werther."
Die Inschrift des Steines, welcher an würdigerer Stelle angebracht zu werden verdiente, gibt ein treues Bild des Lebenslaufes des Verstorbenen und lautet folgendermaßen (die Schriftbuchstaben sind sämtlich Unzialen):
Unter diesen (! So) kühlen Rasen ruhen die Gebeine
Herrn Christoph Buff, eines Greises von 81. Jahr, 6. Monath, 1. Tag. der
am 18. Oetober 1674 zu Münzenberg gebohren, am 27. April 1756. aber allhier zu Steinbach gestorben ist, nachdem er
der Kirchen zu Steinbach und Schiffenberg als Pfarrherr 50. Jahr lang treu vorgestanden.
Hat den 25. Februar. 1756.
mit seinen noch lebenden 6. Söhnen und 3. Töchtern Gott vor solche Gnade jubilirend gedancket, und zugleich auch
mit Ertheilung des letzten Seegens seinen Hirtenstab niedergelegt.
Seine erste Ehegattin
Frau Anna Sophia gebohrne Haberkorn von Windhausen
erfreute ihn mit 4. Söhnen und 1. Tochter, von welchen aber 2. Söhne
der Mutter in die Ewigkeit vorausgegangen.
Sie beschlösse
den 7.jährigen Ehestand am 21. Juli 1714 in ihrem 28. Jahre.
Mit der zweyten Ehegattin
Frau Maria Margretha, gehobenen Seipp von Reichelsheim erzielte er in einem 37jährigen Ehestand
4. Söhne und 3. Töchter, davon 1. Tochter in der Kindheit gestorben.
Durch ihren im 63. Jahr ihres Alters den 13. Febr. 1752. erfolgten Tode wurde er zum zweyten Mahl Wittwer.
Ihren lieben Vatter, treuen Müttern auch lieben Geschwistern setzen dieses Denckmal sechs Brüder und g drey Schwestern.
Verziert ist der Grabstein oberhalb der Inschrift mit drer Phantasiewappen der Familien Buff, Haberkorn und Seipp, nämlich Schilden in Umrahmung heraldisch stilisierter Blattwerk-Mäntel mit folgenden Emblemen: 1) aus einer Krone hervorragende puffförmige Mütze, 2) drei Aehren, 3) rübenartige Wurzel mit 3 sechsblättrigen Blüten — vielleicht das Seifenkraut, Saponaria officinalis, darstellend. Unterhalb der Inschrift Embleme des Todes, Schädel mit gekreuzten Totengebeinen.


