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Der Siern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„ArnieS Kindl" warf er halblaut dazwischen.
Sie versanken beide in Rückerinnerungen und schienen minutenlang ganz zu vergessen, wo sie waren. Tiefe Stille herrschte im Zimmer, noch vertieft durch das Ticken der Schwarzwälder Uhr. Das milde Lampenlicht siel auf Dellas Haupt, das sie hcrabgeneigt hatte, den Blick auf die in ihrem Schoß gefalteten Hände gerichtet. Sein Auge ruhte unverwandt auf ihr mit einem Blick voll Mitleid und Zärtlichkeit.
Was niochte ihr junges Herz damals empfunden haben?
„Della l" rief er unwillkürlich, um sie ihrer Versunkenheit zu entreißen.
Sie fuhr empor und heftete, ivie aus bösem Traume erwachend, hie Blicke auf ihn.
„Es war eine schwere, trübe Zeit. Herbst in der Natur, in mir alles erstorben, abgefallen, was bis dahin mein Dasein geschmückt hatte. Auch die Leute, mit denen ich in Verbindung kam, verstand ich nicht. Die waren so klug und berechnend, und immer mit dem auf meine Zukunft gerichteten Blick. Diese Zukunft mußte groß und glanzvoll sein — mein Lehrer hatte es gesagt, und eines Tages kam die Stunde, in der ich es selbst glaubte. Das gab mir Grund, mich ganz auf mich selbst zurückzuziehen .... ihren Anteil sollten sie haben, alle, alle . . . aber später, wenn es so weit war!"
Sie sprach jetzt etivas hastig, als wollte sie herans- kommen aus diesen Bekenntnissen, fertig werden mit den Schatten dieser Erinnerungen.
„In einer Zeit, in der sonst jungen Mädchen das Leben mit seiner Lust, mit seinen Freuden, mit seinen Illusionen sich erschließt, war ich einsam, unverstanden tmb unsäglich bedrückt. Nur in meinen Studien suchte ich Trost, und mein alter Meister Nanzoni ahnte nicht, aus welchem trüben Quell der Fleiß, der Eifer quoll, den er an..mir rühmte. Ranzoni! Ter treffliche Lehrer war zu alt, um wissen zu können, daß ich außer einer Stimme auch eine Seele besäße, die voll Sehnsucht und Bangigkeit war. Ihm galt cs nur, die Stimme auszubilden, die Kunst des Gesanges mich zu lehren. Und so fühlte ich mich immer einsamer und verschüchterter. Eine tiefe Niedergeschlagenheit lag auf meinem Gemüt — in dieser Verfassung fand mich — Wittelsbach!"
Graf Giersdorf zog die Brauen in die Höhe, als sie diesen Namen nannte. Er hatte ihn oft gehört, stets im
Zusammenhang mit ihr! Er wußte, daß Wittelsbach ein großer Künstler sei, der bedeutendste vielleicht, den die deutsche Bühne besaß. Er hatte von seinen extravaganten Launen, von seinen Abenteuern und seinem Eigendünkel — nur um ihretwillen hatte er darauf geachtet. Und was man von ihren Beziehungen sprach, war nichts anderes, als was man aus solchen gewöhnlich ableitet, für den interessanten Klatsch und die lüsterne Neugier.
Adalbert Wittelsbach und Della Brandt! Nun aber würde er die Wahrheit erfahren. Er wußte, daß sie ihm' in dieser Stunde nichts verhehlen würde. Aärch das Schlimmste nicht.
„Sie haben die romantische Geschichte wohl gehört, wie er mir begegnete am Tage vor Weihnachten vor der ,Sixtina'. Sie ist mit allen Ausschmückungen oft genug veröffentlicht worden. Künstler haben keine Geheimnisse, die nicht aufgespürt werden. Tatsache war, daß er mich einmal zufällig in der Galerie gesehen hatte, dann, ohne daß. ich es ahnte, beobachtete und wirklich an jenem Tage vor dem Heiligabend mich dort antraf. In grenzenloses seelischer Verstimmung, einsam, allein mit dem unendlichen Heimweh im Herzen. Ich erlag den aus 'mich einstürmenden Gefühlen.' Niemand, vor allem meine Eltern nicht, sollten von meinen! Zustande etwas erfahren. Und so trat au Stelle dessen, was sonst meine Gedanken beschäftigte, an die Stelle von Elternliebe, Weihnachtszauber, Heimat — er! Er war es, dessen Gestalt int Wachen und Träumen vor mir stand, wie ein Held, wie ein Retter, der wie eine überirdische Erscheinung durch die Märchenwelt zog, die meine Phantasie sich aufbaute. Der Boden war wohl vorbereitet, auf dem dann seine Macht aufwuchs. Ein Riesenbaum, an dem ich in zager Furcht mich emporrankte und dessen stützende Kraft ich nicht entbehren vermochte. Als ich wieder zur Arbeit zurückkehren durfte, wurde er mein Lehrer. Alle Welt betrachtete dies als ein ungeheures' Glück, mir erschien es selbstverständlich. Hingerissen von seiner übermächtigen Kunst, gerührt und beglückt durch seine Anteilnahme an mir, fernem souveränen Willen ganz untertau, lebte ich nur in der Sphäre, die er um mich schuf. Ich tat, ich dachte, ich wollte nur, was er wollte."
In angstvoller Spannung sah der Gras sie an. Noch jetzt, als sie sprach, war es, als unterliege sie diesen Ein- wirkungen aufs neue, und er streckte ihr feine Hand entgegen, "als wolle er sie diesen Banden entreißen.
Sie lächelte und sagte bestimmt:
„Das ist vorüber, Graf! Für immer!"
Wie von erdrückender Last befreit, atmete er auf.
„Meiner künstlerischen Entwicklung gab cs jedoch di. höchsten Anregungen. Während ich bei Meister Ranzoni nur eine gute Sängerin geworden wäre, wurde ich durch seine Anleitung eine ebenso bedeutende Darstellerin. Außerdem war hie Aufmerksamkeit der gesamten Kunstwelt durch ibn


