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von Kopf bis W Mißen in e-inen dunkeln Mantel gehüllten Gestalt.
„Sie kommen jetzt gerade von dem Hause, wo er tot liegt?" fragte die fremde Gestalt.
Marian, noch immer sprachlos, nickte nur.
„Weiß inan jetzt, wer ihn getötet hat?" fuhr die fremde heisere Stimme fort.
„Nein", erwiderte Miß West, „noch nicht."
„Aber man wird es erfahren. Geben Sie acht! Bor zwei Nächten stand er da am Türchen und sprach mit einer schönen Fran, ganz in Sammet und Seide gekleidet, und mit reichen Juwelen; sie hatte goldigbraune Haare unb ein Gesicht — v! so schön, so schön! Wer war's, der ihn getötet hat? Fragen Sie sie!"
Und mit lautem Hohngelächter trat die geheimnisvolle Gestalt beiseite ins Dickicht.
„Fragen Sie sie", wiederholte sie; „sie lveiß, warum er da tot liegt!"
Im nächsten Augenblick war die Erscheinung verschwunden, und — hätte sie nicht das allmählich ersterbende Geraschel im Dickicht gehört — Marian hätte geglaubt, daß alles nur ein böser Traum gewesen.
„Goldbraunes Haar, und ein schönes Gesicht? Das tvar Eve. O, mein Gott, tvas kann das bedeuten? Ich dachte, er wäre meinetwegen nach Kenninghall gekommen! Es ist also geschehen, nur sie zu sehen, sie zu sprechen! Wer hat ihn getötet? £>, mein Gott, hilf mir, oder ich verliere den Verstand!"
69. Kapitel.
Vorsätzlicher M o r d.
Ein Heller sonniger Morgen, funkelnder Tau rings an jedem Blättchen und Hälmchen. An dem eisernen Törchen standen die beiden Polizisten in eifriger Unterhaltung. Sergeant Elliots Züge trugen einen bekümmerten Ausdruck; aus Herrn Sinclairs Gesicht jedoch sprachen Triumph und Siegesbewußtsein.
„Irrtum?" sagte er verächtlich; „Unsinn, Elljot; ein Irrtum ist gar nicht möglich. Es ist nutzlos, den Kopf darüber hängen zu lassen und weichherzig zu werden; das Verbrechen ist begangen worden und muß bestraft werden; da könnten wir nur sofort ernpacken mit unserm ganzen Apparat, wenn ein Weib ungestraft sündigen könnte, bloß weil sie ein schönes Gesicht hat. Und schön ist sie, das gebe ich Ihnen zu — die Schönste, die mir je Vor Augen gekommen."
„Ich denke nicht allein an sie", war die bekümmerte Erwiderung. „Die Waynes auf Kenninghall sind die ersten weit und breit hier, so lange ich denken kann. Er wird genug davon bekommen — er liebt sie so ungemein, ist so stolz auf sie."
Herr Sinclair schüttelte sarkastisch lächelnd den Kopf.
„Sie haben viel zu viel romanhafte Ideen für Ihren Beruf, lieber Freund. Wenn es eine gewöhnliche, alltägliche, ältere und häßliche Frau wäre, meinetwegen dahinten aus dem Bauerndorf, so würden Sie ihre Pflicht mit großer Gemütsruhe und ohne eine Anwandlung von Mitleid tun."
„Ich werde auch jetzt meine Pflicht tun", war die düstere Erwiderung, „aber lieber möchte ich mir die rechte Hand ab- fchlagen lassen. Lassen wir nochmal alles Revue passieren, was wir wissen — ist es vielleicht nicht doch noch möglich, daß wir Unrecht haben?"
„Absolut unmöglich. Das einzige, was mich abhielt, schon gestern zu sprechen, Ivar der Umstand, daß ich ganz und gar keinen Grund für die Tat hatte, jetzt sehe ich aber auch den, und die ganze Tragödie liegt aufgedeckt vor mir."
„Sie beabsichtigen es also Lord Wayne heute mitzu- teilen?"
„Heute morgen noch. Sehen Sie, Elliot, es ist ein großer Unterschied zwischen uns, Sie leben hier auf der Scholle, Ihre Zeit gehört Ihnen; ich habe noch einen sehr wichtigen und eiligen Fall zu erledigen, und jede Stunde ist mir kostbar. Ich habe das Geheimnis ergründet, wozu weiteren Aufschub? Es ist ganz klar, daß diese Miß West einen Sohn gehabt und daß ihre Schwester, Lady Wayne, ihr Geheimnis kennt; ob nun dieser ermordete junge Mann auf Grund seiner Mitwissenschaft sich Mylady gegenüber etwas herausgenonnnen hat, kann ich nicht sagen — glaube aber wohl, daß die Sache sich so verhält,"
Langsam schlenderten sie dann die Linden-Allee hinunter auf das Schloß zu. Die Vögel pfiffen und zwitscherten in dem saftigen ftischen Grün der gewaltigen Bäume, die dies Mal inr leichten Morgenwinde fäuselten und rauschten. Die Schönheit und Anmut des Morgens schienen Mr. Sinclair zu erfreuen und erheitern; er pfiff vergnügt vor sich hin; Sergeant Elliot dagegen wurde von Minute zu Minute gedrückter.
Zusammen betraten sie d.c Halle.
„Es ist nicht nötig, mein Inkognito noch länger ausrecht zu halten", bemerkte Sinclair; „der eigentliche Zweck meiner Anwesenheit hier wird höchstwahrscheinlich bis heute mittag doch bekannt sein."
Ter Diener führte sie in Lord Waynes Arbeitszimmer, Sergeant Elliot saß mit gerunzelter Stirn und in tiefen Gedanken, augenscheinlich känipfte er mit einem Entschlüsse.
„Ich kann nicht", dachte er; „mag es hundertmal un- männlich unberufsmäßig sein — aber ich kann sie nicht mit kaltem Blute verfolgen und aufspüren und dann ruhig dabeistehen, wie ihr die Schlinge gelegt wird. Jeder weiß doch sonst, wenn das Netz sich dicht und dichter um ihn zusammenzieht, warum sie nicht?" '
Er verließ unter einen: Vorwande das Arbeitszimmer, riß in einem Winkel der Eiutrittshalle ein Blättchen aus seinem Notizbuche und schrieb hastig mit Blei in verstellten Zügen darauf:
„Mylady, ein Freund sendet Ihnen diese Warnung. Verlassen Sie Kenninghall sofort; nm Mittag ist es zu spät."
Er steckte das Blättchen in ein Couvert, das er sehr sorgfältig verschloß, dann begab er sich in die Nähe der Küche, !vo ihn: alsbald ein Dienstmädchen in den Weg lief.
„Ich habe den Türhüter gespielt", sagte er zu ihr, „es scheint, daß die Herren Diener heute sämtlich abwesend sind. Hier, d ies hat ein Fremder für Lady Wayne gebracht. Es follte ihr sofort übergeben werden; besorgen Sie es gleich. Sie sagen am besten kein Wort davon, daß ich es angenommen habe, sonst reiten Sie noch einen der Diener in die Tinte."
Das Mädchen, das ihn: aufs Wort glaubte, begab sich sofort zu Lady Wayne. Die Herrin von Kenninghall faß in ihrem Zimmer und schlürfte ihre Morgen-Chokolade.
Mylady öffnete die Mitteilung, und zorniges Erstaunen malte sich in ihren schönen Zügen, als sie den Inhalt las.
„Wer hat dies gebracht?" ftagte sie scharf.
„Ein fremder Mann, Mylady, und es sollte Ihnen direkt gegeben werden."
„Wissen Sie nicht, wer es war?" fragte sie ungeduldig.
„Nein, Mylady, es ist nichts dabei bestellt worden, als nur, daß es Ihnen gleich gegeben werden sollte."
„Es ist gut." Das Mädchen verschwand schleunigst.
„Verlassen Sie Kenninghall — an: Mittag ist es zu spät — welcher Unsinn, welche Unverschämtheit! Wer untersteht sich, mir so etwas zu schreiben? Was habe ich zu fürchten?"
Dann, als sie ruhiger zu überlegen begann und die erste zornige Regung vorüber war, sehnte sie sich nach Marian, um mit ihr über diese merkwürdige Warnung zu sprechen, — Marian, die ihr Trost und Rat in jeden Unannehmlichkeit gewesen. Sie klingelte und fragte, wo Miß West sei, und erfuhr, ihre Schwester habe ihr Zimmer noch nicht verlassen.
„Bitten Sie Miß West zu mir, ehe sie nach unten geht", sagte sie. „Ich habe etwas Dringendes mit ihr zu besprechen." —
Inzwischen war Lord Wayne gemeldet worden, erwerbe in seinem Arbeits-Kabinett zu sprechen gewünscht. Während des Frühstücks an diesem Morgen tvar er etwas beruhigter und glücklicher gewesen. Er hatte darauf bestanden, daß seine Gattin heute in ihren Gemächern bliebe, und Elfte hatte so fröhlich und nninter mit ihm geplaudert, daß seine gedrückte Stimmung sich fast unmerklich auf- geheitert hatte, , (Fortsetzung folgt.)
VeVmischSes.
* H eine Ui 11 b Rothschild. In einem köstlichen Büchlein „Die Rothschilds" (Bd. 2 der Anekdoten ans dem Leben berühmter Männer, Berl. Arnold Heyne, Berlin NW.)


