Ausgabe 
28.11.1906
 
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Försterin blickte mit tiefsteul Mitleid in das leichenblasse Gesicht der am Boden Liegenden.

Ich hab's gedacht, daß es so enden würde", sagte sie,den ganzen Tag keinen Bissen gegessen und dann dieser Schlag! Es ist zu hart!"

Man trug die Unglückliche fort m eine andere Stube und bettete sie aus ein Lager.

Sie müssen sofort zum Arzt schicken", sagte Maß West, sie wird gefährlich krank werden."

Sie sah, wie die beiden Polizisten sie scharf beob­achteten, und schauderte vor dem höflichen, verbindlichen Lächeln Herrn Siuclairs.

Ein Bluthund auf der Fährte", dachte sie.Wo ist Herr Jefferies?" fragte sie dann laut; und Sergeant Ellwt ging zur yalboffeuen Haustür und ries ihn herein.

Warum haben Sie das Haus verlassen, Werner?" sagte sie;waren Sie denn nicht neugierig, zu erfahren, warum 'ch kommen sollte?"

Ich bin hinausgegangen, weil ich sah, daß Sie Ihr Zwiegespräch mit meiner Mutter geheim zu halten wuusci)- ten", erwiderte er mit einem Blick zorniger Entrüstung aus die beiden Polizisten. Sergeant Elliot sah verlegen vor sicb hin; doch Mr. Sinclair lächelte nur noch freundlicher m/d verbindlicher, als ob ihm damit eine besondere Artig- keit gesagt worden sei.

Ihre beklagenswerte Mutter hat sich eine ganz un- richtige Idee in den Kopf gesetzt, die unsägliches Unglück mit sich bringen wird", fuhr Marian leise sort;aber ich kann sie nicht von ihrem Irrtum überzeugen. Ich muß warten, bis der erste wilde Anfall des Kummers vorüber ist. Werner, kehren Sie nicht mit mir zurück, ich kann meinen Weg nach Hause allein finden. Ich weiß, Lord Wayne wünscht, daß Ihrer Mutter jegliche Hufe und Pflege zuteil werde; gehen Sie nach Kennmgsthorpe hin­über und holen Sie den Arzt. Ich werde, eins der Mäd­chen vom Schlosse herüberschickeu."

Befürchten Sie nicht, daß sie vielleicht allerlei sagen könnte, was Sie lieber den Dienstboten nicht bekannt werden sähen? Lieber als daß Sie Unannehmlichkeiten haben sollten, Miß West, lieber bleibe ich hier und helfe sie pflegen."

Sie sind ein wahrer Edelmann. Aber", fuhr sie seufzend fort,ich habe einmal gehört, wenn das Gras in der Steppe brennt, kann niemand die Flammen auf- halten. Nichts, Werner, kann scheint's mir den Gang der Ereignisse aufhalteu. Sie müssen uns führen, wohin der Himmel will. Ihre Mutter glaubt, ich habe Jacks Tod verursacht."

Ich weiß, teuerste M'ß West, sie ist außer sich vor Kummer und Gram, soust würde sie das nicht sagen; Sie, die gegen alle und alles frenndlich und gut sind!"

Sie senkte den Kops und flüsterte ihm zu: .Werner, ich fürchte mich vor diesen beiden Männern. In dem Ge­sicht des einen liegt etwas, was mich erschreckt."

Er versuchte sie zu trösten, sie mit teililehinenden, be­schwichtigenden Worten zu beruhigen, doch sie trennten sich, ohne daß sie gelächelt oder mich nur etwas heiterer aus- gesehen hätte. ,

Marian hatte gesagt, daß sie sich nicht furchte, allem durch den Wald nach Hause zu gehe«, doch jetzt, wo fie mitten im schweigenden Dunkel dahinwandelte, kamen ihr tausenderlei Beängstigungen. Sie erinnerte sich des schreck­lichen Traumes, deu ihre Schwester damals gehabt des Traumes, worin aus jedem Blatt der Waldbäume mit feurigen Buchstaben gestanden hatte:Lady Waynes Ge­heimnis."

Kam sie endlich, die Enthüllung, die so viele Jahre hindurch wie eine schwere Wolke über ihr gehangen? Sollte die geliebte Schwester, für die sie mehr als selbst das Leben hingeopfert, endlich von bösen Zungen durch den Kot ge­schleift, sollte das stolze, schöne Haupt, worauf jedes Haar ihr teuer, in den Staub gedemütigt und erniedrigt werden?

Sie hörte es nicht, daß sich ihr leichte Fußtritte näher­ten, daß trockene Zweige neben ihr raschelten und knackten«

Laut auf schrie sie in jäher Furcht, als sich plötzlich mitten im Dunkel eine Hand aus ihren Arm legte und eine heisere Stimme dicht neben ihr flüsterte:

Halt! Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Halt!"

Marian stand vor Schreck und Ueberraschuug wie ange­wurzelt. Bor sich sah sie die matten Umrisse einer großen,

Aber Kate schleuderte sie van sich, . als ob die Be­rührung Gift und Tod gewesen. .

Rühren Sie in ich nicht an!" ries sie.Ich will von Ihren falschen, gleißnerischeu Worten nichts mehr wissen, Miß West! Sie haben das letzte Wort mit mir gesprochen! Ich bin aufrichtig, treu und ergeben gegen Sie gewesen, wie eine Sklavin. Nun sehen Sie hier, wie Sie mtrs gedankt haben!" .

Aber, rnn's Himmelswillen, Frau Jefferies, Sie können doch nicht so gänzlich von Sinnen sein und glauben, daß ich beim Tode Ihres Sohnes die Hand im Spiel geyabt.

Gewiß haben Sic das! Wenn Sie selbst ihn nicht erschossen haben, so haben Sie's durch andere tun lassen; Sie haben darum gewußt."

Nein! nein!" ries Marian lerse;setzen Sie sich doch um Gotteswillen nicht solche Gedanken in den Kops. Warum sollte ich ihm etwas zu Leide haben tun wollen?"

Weil er Ihr Geheimnis wußte", schrie sie zurück, und Marian West wurde so blaß wie der Tote neben ihr, als sie dies hörte. ,

Jawohl, weil er Ihr Geheimnis wußte", fuhr Kate wild fort;und Sie haben ihn hierhin gelockt, um ihn ums Leben zu bringen, damit nur Ihr Geheimnis in Sicher­heit bliebe." z r

Kate Jefferies", beschwor Marian sie mit leiser, ein» drinalicher Stimme,ich schwöre Ihnen hier vor dem all­mächtigen Gott und hier vor dem Toten, daß ich's nicht einmal gewußt habe, daß Ihr Sohn hierher kommen wollte. Ich bin an seinem Tode und an jeder Teilnahme oder Ver­anlassung dazu so unschuldig, wie Sic selbst,"

Das glaube ich. nicht", rief die Unglückliche,Fein Mensch sonst hatte ein Interesse an seinem Tode, nur Sie, Sie!"

Ich hatte keinerlei Interesse daran", erwiderte Ma­rian verzweiflungsvoll, aber ruhig.Es ist wahr, wie Sie sagen, er hatte mein Geheimnis entdeckt, Kate, aber ich habe ihm deswegen keinerlei Leid getan. Ich habe nichts Schlimmeres getan, als ihn gut bezahlt, damit er schwiege."

Alles Lügen; Sie haben's getan!" schrie die unglück­liche Mutter.O, Miß West, Miß West! Habe ich das verdient? Sie sind zu mir gekommen in Ihrem Kummer und ich habe Ihnen geholfen, was ich nur konnte. Zwanzig, zwanzig lange Jahre habe ich für Sie gearbeitet, und das Kind, das Sie mir anvertraut haben, aufgezogen, in Gesund­heit, im Guten; bin gegen ihn gewesen wie seine leibliche Mutter; und so, so lohnen Sie mir's! Ich habe Ihres ge­rettet und Sie haben meines umgebracht!"

Ein Geräusch aus dem vorderen Zimmer ließ sich hören; Marian wußte, daß jedes Wort anfgefangen wor­den war.

Es ist nutzlos, daß ich noch ein Wort weiter sage, Kate, so lauge Sie mit diesen ungerechten Anschuldigungen fortfahren. Sie werden beizeiten einsehen, wie schwer Sie mir Unrecht tun. Ich vergebe Ihnen, denn Sie wissen nicht, was Sie tun. Wenn ich irgend etivas tun kann, um Ihnen bei Entdeckung des wirklich Schuldigen zu Helsen, so werde ich das tun."

Marians Herz schlug wild vor Furcht, als sie sich jetzt mit voller Deutlichkeit erinnerte, wer drüben lauschte. Sie sah, daß längeres Verweilen absolut nutzlos sein würde.

Ich werde wiederkommen, Kate", sagte sie sanft und leise,wenn Sie ruhiger sind. Ich kann jetzt nicht ver- nnnstig mit Ihnen sprechen."

Sie wollen mich nur bestechen!" schrie die unglück­liche Mutter wieder und sprang auf.Sie wollen wieder freundlich und falsch mit mir sprechen wollen mir mehr Geld anbieten. Ich will Ihre Freundlichkeit nicht; ich will Ihr Gold nicht! Ich will die Wahrheit sagen, die schmach­volle Wahrheit, warum Sie meinen einzigen Sohn er­schlagen haben!"

Sie sprang auf die Tür zu; Marian erhob unwill­kürlich die Hand, doch es war nicht nötig. Mit einem Schrei, der durch das ganze Haus gellte, fiel Kate Jefferies besinnungslos zu Boden. Das Geheimnis sollte sie noch nicht verkünden; denselben Abend noch wälzte sie sich in Fieberphantasien belvnßtlos aus dem Lager,

58. Kapitel.

Der Anfang vom Ende.

Miß West öffnete die Tür und rief um Hilfe, Die