Ausgabe 
28.7.1906
 
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Samstag den 28. Juki

1906

iljil aM&khi.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.) , , ,. ,

Hell klangen die Gläser zusammen. Und nun betrachtete er sie, und als gewahre er erst jetzt die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, rief er mit frcridigem Stolze: Was bist du schön geworden, Kind, und groß unb ... und vornehm. Wie eine wirkliche Hochgeborene, eine Gräfin oder Prinzessin! Wie sie in Giersdorf waren."

Er bemerkte nicht, daß seine letzten Worte sie peinlich berührten.

Und an Mutter wollen wir es schreiben. Die will nu mal alles wissen. Wie du aussiehst und was du anhast und wie du sprichst, und ja auch von meiner Reise will sie alles wissen/

Ja und ich auch, Papa!"

Es siel ihm ein, daß er die Geschichte seiner Berliner Heldentaten noch nicht zu Ende erzählt hatte.

Und heute morgen ganz allein hab' ich mich zu dir hergefragt. Das heißt, meine Predigershotelwirtin hat mich gut instruiert. Erst die Fricdrichsstraße immer geradeaus bis zur Französischen, und dann rechts herein bis zur Mauer­straße."

Weißt du, Papachen, du kennst dich in Berlin ;a grog- artig aus. Besser als ich. Ich habe außer vom Bahnhof hierher im Wagen noch nichts davon gesehen."

'ne schöne Stadt, Della! Wunderschön, lauter Schlösser, höhere und größere wie Giersdorf, und viel kostbarer. Aber es freut mich doch, daß ich mich so zurechtgcfundcn habe. Jetzt glaubst du's doch, daß ich nicht so ganz ungeschickt bin. Und nu hab' ich auch Courage. Gott, gestern abend ... ja man ist das Reisen doch nicht so gewöhnt, da war mir etwas scheußlich zii Milte, rind ich war auch tod­müde."

Wie lange bist du gefahren, Papa?"

Elf Stunden. Von acht Uhr. früh bis sieben Uhr abends, und dann noch eine Stiinde fast in Berlin . . . is 'ne weite Reise!"

Aber um Himmels willen, Väterchen. Das ist ,a fürchterlich. Es muß doch viel'schneller gehen von Bernstadt hierher; ich dachte fünf bis sechs Stunden höchstens."

Geht es auch niit dem Schnellzuge des Nachts. Der hält aber nicht in Bernstadt, man muß evft mit dem Wagen zur nächsten Station fahren, dann geht cs in einem Hui bis hierher."

Und warum hast du das nicht getan?"

Erstens, Dellchen,> kostet der Wagen eine Mark und fünfzig Pfennig. Es ist doch immer beinahe 'ne Stunde, und wenn ich gar sage, ich fahre mit Gelegenheit, so koste es auch immer was. Dann gibt's bei dem Schnellzug nur zweite Klaffe und ist auch viel teurer. Ter Graf Gundo hat mir angeboten, mit ihnen zu fahren, um den Schnellzug zu erreichen. Mit den Pferden fährt man kaunl 'ne halbe Stunde, aber ich habe cs dankend abgelehnt, wegen der zweiten Klaffe. Mich von ihnr freihalten lassen wollte ich nicht. Er hätt's ja getan! Aber Mutter sagte auch, wenn dil zum ersten Auftreten deiner Tochter nach Berlin fährst, so gibt's keinen .Menschen auf der Welt, der dir das Billet dazu bezahlen könnte!"

Da hat Mutti ganz recht."

Und ja, und da sagte ich dem Grafen, ich hatte gestern schon "hier zu tun, und dankte ihm sehr, und fuhr gestern früh von Bernstadt ab. Und denke dir, Mutter hat mich auf den Bahnhof begleitet, und abholen will sie mich auch.

Sie hatte zuletzt etwas zerstreut zugehört. Ihre Ge­danken weilten bei einer Begegnung mit dem Grafen Guido. Wie er flehend und bittend vor ihr gestanden und sie be­schworen hatte, es zu gestatten, daß die Giersdorf wahrend ihrer Studienzeit für sie sorgen dürfen . . . nicht er, sondern die ganze Familie, die an ihrer Entwicklung den stbhastesten Anteil nehme. Sie hatte es zurückgewiesen. Die Eltern ivußtcn von diesen Vorgängen nichts. Aber es war ihr lieb, daß ste es auch nicht angenommen hatten, daß der Vater aus Kosten des Grafen zu seiner Tochter reise.

Tas war recht so, Papa, und nun wollen wir dis Strapazen der Reise vergessen und uns nur unseres Wieder­sehens freuen." Wiederum faßte sie nach seiner Hand.

Und weißt du, Dellchen, es war gar nicht so arg . nur das ewige Umsteigen und das lange Warten auf den Stationen war etwas langweilig. Unterhalten wollte ich mich nicht, denn ich dachte immer daran, daß ich dich Wiedersehen werde und hören, Della, endlich hören."

Sie schiniegte sich an ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter, wie sie* es als Kind oft getan und auch als er­wachsenes Mädchen, wenn sie in den Dämmerstunden neben ihm auf dem alten Ledersofa> saß, während die Mutter die Vorbereitungen zum Abendessen traf. Sie schwieg em Weilchen still als wolle sie die Erinnerungen nicht verscheuchen, die in ibr ivach geworden, Erinnerungen an hebe, trauliche Stunden im Elternhause. Auch der Vater sagte nichts und schien mit seinen Gedanken beschäftigt. Dieser Gedankengang führte ihn nach Bernstadt und natürlich auch zu der damit so eng verknüpften Gutsherrschast.

Graf Guido und seine Frau sind heute morgen auch