Ausgabe 
28.5.1906
 
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Boden und aus einem klaffenden Riß sickerte imA Bürt auf den weichen Belag.

Wochenlang lag er schwach und hilflos, und als er am Arme eines Dieners zum erstenmale nach dem Grabe seines Weibes ging, sahen ihm die Leute mitleidig nach.

Der Tod, der seinen, Leben den Zweck geraubt hatte, hatte ihm auch die Geisteskraft gebrochen.

Er wußte nur noch von seinen, Weibe.

Täglich wankte er an ihr Grab, täglich redete er den Hügel mit zärtlichen Worten an, täglich ging er weinend heim.

Es war keine Kraft in ihm, und so warf ihn das Leben zu den Toten, ob er gleich lebte.

Sein Herz wußte von keinem Wunsche, seine Seele von keinem Willen. Er war ein müder, gebrochener Mann geworden, der seinen Platz in, Leben verloren hatte.

Stundenlang lauschte er den Reden des Totengräbers, der sein einziger Freund war. Allen anderen Menschen wich er scheu aus.

Sein Kind wurde von seiner Schwester erzogen, aber es sah nie seinen Vater, denn der haßte es, und es wußte auch nicht, daß er noch am Leben war.

lind das war gut so sür beide.

Manchmal, wenn er vom Friedhos nach Hause schlich, liefen die Kinder hinter ihm her und verhöhnten ihn. Aber das berührte ihn nicht. Nur seine müden Lider hoben sich ein wenig und seine matten Augen glänzten feucht. Ein wehmütiges Lächeln' löste seine starren, verbitterten Züge für eine kleine Weile. Er dachte an ferne glückliche Kindertage, wo auch er gesund und stark gewesen war und gerade so wie die Kinder, die ihn jetzt ob seiner Schwäche verlachten, nur das Starke und Gesunde geliebt hatte. Das war einmal vor langer, langer Zeit. Ihm selbst war es wie ein Märchen oder wie ein tiefer, schöner Traum.... Aber das konnte er nicht mehr denken, es war nur so in seinem Gefühl, zum Denken fehlte ihm die Kraft oder vielleicht auch nur der unbeug­same Wille, der sich trotzig durchsetzt, was auch auf den, Spiele stehen mag.

Es war eben keine Kraft, kein Selbstbewußtsein in ihm.

Schon als Kind war er immer nachgiebig und fügsam gewesen, ober nicht aus Güte, und auch die Nachgiebigkeit seinen, Weibe gegenüber war nicht immer Liebe, aber ost Schwäche gewesen.

Er war einer von den tiefen, stillen Menschen, die nur an der Sonnenseite des Lebens reifen können; er war eben ein Sonnen­kind, das Sonne und Segen brauchte, wenn es gedeihen sollte. Aber ihm ging die Sonne vor der Ernte sür immer unter und jo mußte er ohne Blüte langsam verkümmern, denn Schattenkinder brauchen Kraft und Mut, und beides hatte ihm die Sonne genommen.

So war er denn allgemach ein Greis geworden und von allem war ihm nur die Sehnsucht nach seinem Weibe geblieben.

Und auch diese Sehnsucht kam heim, wenn auch zu den Toten.

An einem Sommermittag fern der Totengräber wie gewöhn­lich an das Grab des Weibes, aber seinen Freund sand er nicht.

Da strich er wehmütig seinen langen grauen Bart und zahlte die Jahre. Aber es mochte ihm wohl eine recht ungelegene Arbeit sein, denn er begann noch einmal.

Vielleicht zählte er aber auch seine eigenen Jahre und über- ! schlug Gewinn und Verlust seines Lebens.

Später, als es schon dunkelte, hob er sorglich die Blumen aus und dann setzte er mit fester Hand den Spaten an.

Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke.

Die H aupt Versammlung desl Kreisvereius Gießen fand am 21. Mai im Lass Ebel statt. Aus! dem Jahresbericht ist zu entnehmen, daß die Zahl der Mitglieder, die bei der Gründung sich auf 60 belief, auf 96 gestiegen ist. Um die Mittel für eine umfassendere Tätigkeit zu gewinnen, ist die Werbung neuer Mitglieder geplant und man glaubt, auf 200 zu kommen.

Der Jahresbeitrag beträgt nur 2 Mark, wofür die monat- Uch erscheinende Vereinszeitschrift geliefert wird. Mitglieder, d,e nur 50 Pfennig zahlen oder nur bestimmte Arbeitsleistungen übernehmen, haben an, Vereinsleben vollen Anteil und erhalten ; dieBlätter zum Weitergeben". Der für Beeinflussung der öffentlichen Meinung gebildete Ausschuß hat die Zeitungskorre­spondenz des Vereins der im Vereinsgebiet erscheinenden Presse zugänglich gemacht, auch "durch andere Veröffentlichungen Ver­ständnis für die Alkohblfrage und die Bestrebungen des Vereins zu verbreiten gesucht. Ein Vortrag von Prof. Dr. Sommer I nöer Die Störungen der Bewegung durch Alkohol war sehr zahl- I reich namentlich auch von Studierenden besucht. Ein in Lang- Göns gemachter Versuch, durch Veranstaltung von Borträgen mit Unterhaltung auf dem Land Interesse für die Mäßigkeitsbewegung Ku wecken, hatte gleichfalls Erfolg. Es sollen in der Folge ähnliche Versammlungen auch an anderen Orten abgehalten und dabei Flugschriften usw. verteilt werden.

In der in Frankfurt a. M. abgehalteuen Ausschußsitzung ? » Hauptversammlung des Hess. Landesverbandes, wurde u. a. das Verhältnis des Verbands zu den Kreisvereinen erörtert und über das Lrinkerasyl in Burgberg (Bieber) bei Gelnhausen beraten.

Erfolgreich war der für Gasthausreform und Schaffung von Ersatzgetranken eingesetzte 2. Ausschuß bei seinen Verhandlungen

mit dem Gastwirteverein inbezug auf die Verabreichung von alko. holfreien Getränken und von Speisen ohne Trinkzwang. Letztere soll gegen eine entsprechende Preiserhöhung stattsinden. Ent­sprechende Plakate werden in den in Frage kommenfdien Lokalen" aufgchängt.

Sollte das Jugendfest im Philosophenwald wieder gefeiert werden, so darf die Erwartung ausgesprochen werden, daß aus­reichender Platz für Vvlkskaffeehallen und den Ausschank von alkoholfreien Getränken vorgesehen wird, .damit die Kinder nicht gezwungen sind, Alkohol zu genießen. Dem Bedürfnis nach alko­holfreien Getränken konnte beim letzten Jugendfest der Verein mit seinem noch in letzter Stunde errichteten Ausschank auch nicht annähernd genügen.

Tie dem 3. Ausschüsse obliegende Fürsorge für einzelne Trinker konnte sich nach Lage der Sache nur auf eine persönliche Einwirkung beschränken. Der Ausschuß für Mitwirkung der Schule und Beeinflussung der schulentlassenen Jugend hat in mannigfacher Hinsicht anregend gewirkt, wenn auch seine Tätig­keit naturgemäß weniger an die Oeffentlichkeit getreten ist.

Für Mütter.

In der Nummer 19 der Zeitschrift für Kinderpflege und KindererziehungU n s e r K i n d" fetzt Dr. I. Roland an leitender Stelle feine höchst lehrreiche Artikelserie überKindernährmittel" fort und spricht in gewohnter, sachlicher und anregender Weise über Kindermehle im allgemeinen, über deren hygienischen Wert und Bedeutung. Aus dem reichhaltigen Inhalte dieses Heftes möchten wir noch die ArtikelBeschäftigung im vorschulpflichtigen Alter", sowieHäuslicher Nachhilfsunterricht" hervorheben und dann be­sonders auf den knlturgefchichtlich wie pädagogisch interessanten AussatzAlte Gedanken über Kindererziehung" von Dr. Rudolf Schwab Hinweisen. Wir empfehlen allen Eltern diese gediegene Zeitschrift aus das angelegentlichste. (Wien, I. Mölkerbastei 10.)

Neue Aphorismen

von Marie v. Ebner-Eschenbach.

, Wenn die, die uns nachsolgten, uns nicht mehr erreichen können, schwören sie darauf, daß mir uns verirrt haben.

Eine stolz getragene Niederlage ist auch ein Sieg.

*

Suche nie, dich von einem unbegründeten Verdacht zu reinigen; es ist entweder überflüssig oder vergeblich.

*

Geistlose kann inan nicht begeistern, aber fanatisteren kann man sie.

*

Schaffen führt zum Glauben an einen Schöpfer.

*

Wer Gleichheit zu schaffen verstände, müßte der Natur Ge­walt antun können.

Wer gütig ist und hat recht viel Geduld, Dem zahlt das Leben jede Liebesschuld.

*

Zn pflücken du nur zögernd wagst

Die Blumen in den Beeten;

Es kommt der Tag, an dem du zagst, Ein Unkraut auszüjäten.

*

Lieblich blinkender Stern am nächtlichen Himinelsgezelt, Bist du der Lichtgruß vielleicht einer entschwundenen Welt?

Rätsel.

Nachdruck verboten.

Man hat mich der Gottheit Geschenk genanntz

Bei allen Völkern bin ich bekannt.

Ich bin beliebt und unentbehrlich.

Sobald der Winter fällt beschwerlich.

Erheb' ich mich aber und wachse an, So flieht und haßt n,ich Jedermann.

Ich brachte Manchen um sein Gut,

Der nicht vor mir war auf der Hut. m.

(Auflösung in nächster Nummer.? /

Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummer:

P N B

P tolemäus out Inh

N ennaugen man ä g i

Buthenium s n m

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck

und Verlag der Brübl'kchen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,