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feiner Brust verlangend entgegenloderten, durchfuhr ihn! wie ein glühender Strom.
Seine Aufregung zu bezwingen, trat er zuerst an die anderen heran, wechselte gutgelaunt ein paar Scherzworte mit ihnen und trat dann rasch zu Ruth MeridieI. Seme Hand bebte, da sie die ihre umfaßte. Wie gebannt ruhte Auge in Auge. ,. r ,
„Immer die fleißigste!" sagte er, aber die banalen Worte legten sich gleich einer Liebkosung um rhre Seele.
Sie schlug in leichter Verwirrung die Augen nieder, dem heißen, fordernden Blick, der sie schwindeln machte, zu entgehen. „ , „
„Ich hab's ja auch am notigsten!" sagte fie leise, „ich möchte das Bild beenden, Meister — ehe Sie sortgehen."
Er krauste unmutig die Stirn. Um seine Mundwinkel erschien der herrische Zug.
„Sie bestehen also wirklich darauf, hier zu bleiben? In dieser Tropcnglut? Schon deshalb müßten Sie, ganz abgesehen von Ihrem Studium, mit uns kommen — ich denke, Sie überlegen sich's doch noch."
Von ihrem Gesicht war der rosige Schein wie ivegge- wischt.
„Da ist erst gar nichts mehr zu überlegen!" murmelte sie abgewandt, „ich kann nicht — ich kann nicht über mich selbst verfügen."
Jhrn schwebte irgend eine leidenschaftliche Bemerkung auf den Sippen, aber die Gegenwart seiner anderen Schülerinnen mahnte ihn zur Ruhe.
„Wir sprechen später noch darüber I" brach er das Thema hastig ab, „jetzt lassen Sie uns sehen, was Ihrem Bilde etwa noch mangelt."
Sie sah ihm bewundernd zu, wie er mit sicherer Hand hier und dort ein paar Lichter aufsetzte, einen Schatten vertiefte.
Dabei studierte sie auch noch verstohlen sein ihr im Profil zugewandtes, nachdenkliches, energisches Gesicht, den schmalen, tadellos frisierten Kopf. Genau so töricht wie jedes andere junge Mädchen gefiel ihr alles an dem Manne ihrer Wahl, selbst die vielen grauen Haare hätte sie an ihm nicht missen mögen. Sie prägte sich jede Einzelheit seiner Erscheinung ein als Labsal für die lange Trennungszeit.
Er glaubte nicht an diese Trennung. Ihn packte plötzlich der ganze übermütige Trotz des Sieggeivohnteu. Er liebte sie, er war ihrer Gegenliebe so gut wie sicher.
Warum zögerte er noch, sie an sein verlangendes Herz zu nehmen? Seine Ehescheu, die stets auf sehr schwachen Füßen gestanden, hatte ihre Schönheit und Anmut längst besiegt, ihr stolzes, reines Empfinden, ihr tapferes Kämpfen gegen des Lebens Not ihm den verlorenen Glauben an die Frauen wiedergegeben.
Er meinte, so und nicht anders sich die Frau gedacht zu haben, die ihm ein echtes dauerndes Glück im trauten Familienkreise schaffen, ihm zugleich die vornehme, geistig hochstehende, künstlerisch gebildete Gefährtin und die hin- gebendste, liebende Frau sein würde. Alle ihre Vorzüge würden sich ja erst recht entfalten im Glück, im sorgenfreien Leben und welche Wonne, daß es ihm vergönnt war, dem geliebten Weibe das bieten zu können.
(Fortsetzung folgt.)
Air HoteNo
Skizze aus dem Mltag von Karl Neurath.
Der große, schlanke Mann mit weißwallendem Haav und Bart, der seit Jahren mit gekrümmtem Rücken und glanzlosen Augen umherging, wohnte jetzt wohl schon an die dreißig Jahre in dem Keinen verfallenen Häuschen, hinter dessen öden, rissigen Mauern sein armes Leben auf sein Ende wartete.
Vor dreißig Jahren war der Mann noch jung, war das Häuschen noch neu gewesen, aber die Jahre hatten die beiden arg mitgenommen nnd allmählich Ruinen aus ihnen gemacht, denn dreißig Jahre sind eine lange Zeit.
In dreißig Jahren werden aus lauten Kindern mit großen verträumten Mürchenaugeu ringende Männer mit trotziger Stirnen- salte und stille Frauen, sorgende Eltern. In, dreißig Jahren werden aus wetterharten Männern mürrische Greise, aus ängstlichen Müttern fröhliche Mütterchen, toerben stille, wunschlvse Alte. Denn der Mann ist mir stark in seiner Arbeit, die Fran
nach ihrer Arbeit im freudigen Stolze erfüllter Pflicht; er int Vollbringen, sie int Vollbrachten. Der Mann lebt der Zukunft und sorgt für die Gegenwart, die Frau lebt der Vergangenheit und sorgt für die Zukunst.
Aber dreißig Jahre sind auch wie ein Traum, der flüchtig vergeht, Wie ein schöner Trautn in schwüler Sommernacht. . - oder wie ein Regenbogen, der sich von der Wiege des Lebens zur Wiege des Todes spannt. Wir wissen wohl, daß der Sraum1 verfliegt, wie ein welkes Blatt im Winde, wir wissen, daß der Regenbogen nur ein Schein ist, der bald verlöscht, denn wir sind klug. Wer wir freuen uns doch an ihnen, denn sie sind schön und unsere Klugheit ist Schwäche.
In dreißig Jahren, wenn wir vielleicht schon längst nicht mehr träumen, greifen andere kleine täppische Hände verlangend nach dem farbigen Bogen, der sich schillernd über die Erde wölbt, gerade so, wie wir vor dreißig Jahren danach gegriffen hatten.
Bor dreißig Jahren!
Wie viel Lust und wie viel Last, wie viel sorge und wie viel Segen schließen so dreißig Jahre ein.
Damals war der Professor mit seinem jungen Weibe aus den sonnigen Tälern des Südens in die noch vereiste Hennat gekommen, und sie hatten sich glücklich wie kosende Tauben in das Heilte Nest gesetzt, das hohe, treue Tannen umschatteten.
Sie waren stille, ernste Leute, die vom Leben nichts weite« verlanaten als ihr bißchen Hausglück und ein bißchen Freude.
Die Tage kamen in Anmut nnd Schönheit zu ihnen und nahmen ihnen nichts nnd gaben ihnen nichts, wie sie meinten. Sie waren wie zwei frohe, glückliche Kinder, die nicht nach! dem Gestern fragen und nicht vor dem Morgen bangen.--
Und es war wieder ein Frühliiig, und die Sonne liebkoste die Erde und erweckte ihrem Schoße üppiges, kraftvolles Leben. Da lauschten die Nachbarn erwartungsvoll auf den ersten Kinderschrei. z . _ „ , ,
Aber das Kind, das in dem kleinen Häuschen geboren wurde, schrie nicht... es ging schweigend wie es gekommen
Von nun an glaubten sie nicht mehr, daß das Se6en_ nur eine Freude sei, aber sie ließen sich doch von keiner sorge bedrücken und hofften geduldig auf die Ziikunst, auf einen Auferstehnngstag.------,
Und über ein Jahr, da lag em hellhaariges Mädchen in der Wiege, und es war gesund und stark; stärker als die Mutter, denn die ließ das Leben um das Kind. Die klugen schwarzen Augen, die in des Mannes Herz einst Lust am Leben gelacht hatten, waren müde geworden, so müde, daß sie nichts mehr! von der Welt sehen wollten und sich seufzend schlossen.
Da war der Mann ganz still geworden. Nur als schwarze Gestalten in sein Haus drangen und den Sarg hinaustrugen, schrie er grell auf in ohnmächtiger Verzweiflung; dann sank er wieder zusammen und ging stumm hinter dem mit Blumen überladeuen Wagen her, der zum Ziel des Lebens fuhr
Was der Pfarrer und all die anderen schwarzen Gestalten zu ihm sagte», verstand er nicht. Er hörte wohl die Worte, aber sie vermochten keinen Sinn in seinem Hirn zu lösen. Er sah nur die braune Grube, ans deren Wänden unzählige Wurzeln herausragten, und es war ihm, als seien es Würmer, die auf den zarten Leib seines Weibes lauerten; er sah nur, wie sich die Grube langsam verflachte, wie sich die Schollen über der Erde häuften, und es war ihm, als müsse der Sarg unter -der erdigen Wucht zermalmt werden, wie ein Käfer unter der Schwere eines
Allmählich wurde es stiller und dunkler, aber „er stand noch immer bewegungslos und sah starr auf die Kränze und aus die Blumen, die den Hügel überdeckten.
Das also war das Ende. Sie war dahingegangen ohne Spur Der Rausch der Liebe war zerflattert. Der dumpfe Schmerz, der seine Glieder rüttelte, war der einzige Beweis für ihr zerbrochenes Leben, für seine Liebe.
An sein Kind dachte er nicht. Es war ja der Mörder seines Weibes. . , , .
Ein unheimliches Glühen flackerte in seinen Augen, seine Hände krainpften sich zusammen, sein Atem floh mit rauhem Zischen aus seinen geblähten Nüstern, das Blut brannte ihm im Kopfe und in den Fingerspitzen. Wie trunken eilte er seinem ^""^Das' Kind lag schlafend in seiner Wiege und feine Wärterin saß daneben und strickte.
Als er eintrat, erzählte sie ihm von dem Kinde.
Was lag ihm aber an dem hilflosen Wesen, das sein Weib getötet hatte! Rache wollte er; ganz langsam das schmale, ge« runzelte Hälschen zusammen drucken, daß die Augen weit aus ihren Höhlen gnöllen... daß das Herzchen stocke . . . das VM haßte Leben verglimme, wie ein schwelender Kerzenrest. . . « Es flimmerte vor seinen Augen; er preßte die Hand darüber und stand ganz ruhig. Die Worte verllangen an seinen , Ohren . . Lautlos beugte er sich nieder, seine Hände tasteten zitternd über! das gerötete Gesichtchen, seine Finger umspannten den Hals . .
Die Amme schrie laut auf, sprang empor und entriß An das toimmerube Kind und stürzte aus dem Zimmer, dessen Tur sie verriegelte. Sinnend stand er vor dem leeren Bettchen, serne Hände griffen nach den Kissen; dann! schlug er schwer ans den


