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Haus jetzt, Ruth, und führt so häßliche Reden. Ist es das, was Dich bekümmert? Ach, Ruth, es ist doch so schwer, das Leben."

Es klang seltsam ergreifend aus dem jungen Münde.

Ruth sank erschauernd neben dem Bett in die Kniee und drückte ihr Gesicht in die weichen Kissen.

Es ist doch wahr, Ruth! Wir Meridies haben schon kein Glück."

Er schmiegte seine Wange an die der Schwester.

Und dann weinten sie alle beide. ' j

8.

Am nächsten Morgen regnete esStrippen", wie der Berliner zu sagen Pflegt. Suse sah geradezu fassungslos .in den niederströmenden Regen, auf den einförmig grauen, ganz Berlin in eine dunkle Wolke hüllenden Himmel. An schlechtes Wetter hatten die beiden verliebten Menschen- kinder gar nicht gedacht, sie hatten gemeint, ihrem Glück müsse wenigstens immer die wirkliche Sonne lachen.

Suse weinte vor Aerger. Sie redete sich ein, nur vor Aerger, denn nun blieb dec Abschied wieder aufgeschoben und damit war ihr die Freiheit des Handelns bis auf weiteres noch genommen. So schlecht war sie denn doch nicht, daß sie ihren Fritz ganz einfach einein fait accompli gegenüberstellte. Nein, einen ordentlichen Abschied, den mußte er haben.

Ruth wunderte sich ein wenig, daß der juilgen Schwester die verregnete Landpartie so sehr zu Herzen ging. Wieviel mußte sie da entbehren, wenn schon eine derartige Ent­täuschung ihr Tränen erpreßte?

Du kommst mit zu Tante Hertzberg!" tröstete sie, sich zu ihrem Gang ins Atelier rüstend, wobei sie im Zimmer hin und her ging, während Suse, den blonden Kopf an das Fensterkreuz gelehnt, regungslos stand.

Schöner Ersatz!" höhnte sie unter Tränen, die sie mehr praktisch als passend mit dem Blusenärmel trocknete,in oer Stube sitzen und mich von dem bejahrten Freier an- chmachten zu lassen der soll sich heute vor mir in Acht nehmen dem sprmg ich vor Wut ins Gesicht."

Aber Suse!"

>,Na, denn mcht! Beruhige Dir! Ich iverde ihn hold­selig anlächeln, daß er weich wird wie Butter an der Sonne. Au, die Sonne, dieses hinterlistige, feige Ge­schöpf, sich vor ein paar Wolken zu fürchten."

Ruth mußte unwillkürlich lachen.

Du bist ja schrecklich rabiat heute, Sus!" meinte sie und steckte vor dem Spiegel ihren einfachen, schwarzen Strohhut auf das luchte Haar fest,vielleicht ist Dein junger Verehrer auch bei Tante Hertzberg und bringt Dich .in bessere Laune."

Wieder suhr der Blusenärmel über die verweinten Blauaugen, doch diesmal geschah's, um verräterische Wan­genglut zu verbergen.

Ach der!" murmelte sie ein wenig heiser,was nutzt mir der Trautendorf?"

Ungewollte Bitterkeit klang aus der Benrerkung, und Ruth, die nun fertig angezogen war, trat abschiednehmend zu der Schwester, strich zärtlich über ihren krausen Blond­kopf und sagte weich:

Ja, Liebling, Du hast recht, er nutzt Dir nichts aber er ist ein lieber Mensch, dex würde mein unzufrie­denes Schwesterchen gewiß glücklich machen."

Suse zuckte leise zusammen. Sie wandte den Kopf, sie wollte etwas sagen, da öffnete Heinz die Tür und fragte mit merkbarer Ungeduld:

Nun, bist Du fertig Ruth? Es ist die höchste Zeit."

Und die Gelegenheit zu dem befreienden Geständnis lvar wieder einmal vorüber.

Ruth, die mit dem Bruder eine Strecke den gleichen Weg hatte, wandte sich mit jäh verdüstertem Gesicht zur Tür.

Adieu denn, Kleines."

Heinz wartete bereits vor der Entreetür.

Schweigend gingen sie neben einander die Treppen hinab und durch den schmutzigen, dämmerigen Hausflur. Aus der weitgeöffneten Tür der Destille strömte der wider­liche Geruch von allerlei Spirituosen, drang die keifende Stimme, der Schenkmamfetl, die sich gegen irgend welche Vorwürfe ihres Brotherrn nicht gerade mit den gewähl­testen Worten verteidigte, unbekümmert um das ohrenzer-.

reißende Geschrei des Säuglings, den die Wirtin ihrer! Obhut übergeben hatte.

Von Ekel geschüttelt, hastete Ruth vorüber und trat' aufatmend ins Freie.

Der Regen strömte unverändert fort, die fahrenden Wagen schleuderten ganze Ladungen SchmutztropfeU bis auf das Trottoir herüber und auf dem Asphalt standen große gelblichbraune Lachen. Im Straßenbahnwagen, den sie ast der Straßenecke bestiegen, drängten sich die Menschen. Die Luft war von Feuchtigkeit und Schweißgeruch erfüllt, dabei! entsetzlich schwül, sodaß Ruth kaum zu atmen vermochte. Beklommen und mit einer Art Widerwillen sah sie anchj das gelblichblasse mürrische Gesicht des vor ihr sitzenden Bruders, um dessen Augen die letzten leichtsinnigen Nächte, blaue Schatten gezeichnet hatten.

Sie hatte diesmal kein Wort über sein spätes Heim- kommen erwähnt, sie wußte, es war doch nutzlos. Da machte! das völlige Nichtbeachten seines Treibens vielleicht noch am ehesten Eindruck auf ihn. Seine finster-trotzige Miene hatte doch eine starke Beimischung von Schuldbewußtsein und er Ivar sichtlich erleichtert, als er sich, an seinem Ziel angelangt, Don der Schwester trennen konnte.

Mit schweren Füßen schritt Ruth ein paar Minuten darauf tue Treppen zürn Atelier empor. Matt und mut­los kam sic oben au. Gewaltsam zwang sie sich für ihre Gefährtinnen ein harmloses Begriißungslächeln ab. Sie! Ivar ihnen überhaupt in der letzten Zeit wieder fremd ge­worden, sie neideten ihr die Bevorzugung des Meisters und nannten sie hochnuitig, trotzdem sie ihnen immer freund­lich begegnete und still und bescheiden nie auf ihr größeres Können pochte. Aber sie war eben von anderer Art.

Sie steckten die Köpfe zusammen, tuschelten und flüster­ten unter sich, platzten gelegentlich mit einer derben! Redensart laut heraus, während Ruth meist so versunken in ihre Arbeit war, daß sie weder sah noch hörte, was um sie her vorging.

Das Bild derFrau aus dem Volke" war nahezu vollendet. Bei seinen: Anblick erwachten die müden Lebens­geister in des Mädchens Brust. Sie griff nach der Pa­lette, suchte den passenden Pinsel, mischte Farben und war! bald in ein förmliches Arbeitsfieber geraten, das ihren! Augen Glanz, ihren Wangen Farbe gab.

Sie fah die Notwendigkeit ein, das Bild in diesen! Tagen zu vollenden. Heute war Donnerstag und Montag bereits siedelte hier Meister mit seinen Schülerinnen nach Erkner über, nur sie allein blieb zurück, und unmöglich konnte sie ihr erstes Bild der Oeffentlichkeit übergeben, ehe der Meister es nicht fiir fertig erklärt hatte..

Sie ängstigte sich etwas vor ihm jetzt, denn er zürnte ihr, da sie erklärt hatte, ihm nicht nach Erkner folgen zu können. Er hielt ihre Weigerung für Schwerfälligkeit und! eigensinniges Festhalten an kleinen Vorurteilen, war wohl! auch verstimmt darüber, daß sie sich anscheinend leichten Herzens in eine Trennung von seiner Person fügte. Nichts verriet ihm, wie schwer sie daran tragen würde, daß diese! sechs kommenden Wochen ihr wie eine lange, häßliche,^ staubige Straße erschienen, die sie hungernd und dürstend wandern mußte, ehe das Wiedersehen mit ihn: ihr als Erquickung winkte.

Während ihres Arbeitens lauschte sie mit angestrengten' Sinnen auf jedes Geräusch draußen, die geheiine Angst im pochenden Herzen, er würde des schlechten Wetters wegen! heute dem Atelier ferubleiben.

Es geschah schließlich nur ihretwegen, wenn er kam, denn die anderen arbeiteten doch an diesen letzten Tagen! nicht mehr ernsthast, suchten mehr aus Gewohnheit noch das Atelier auf.

Als endlich doch der rasche, elastische Schritt aus der? Treppe klang, meinte sie umzufallen vor Erregung. Einen kurzen Moment war sie, nur in dem Bewußtsein, bald in! das fesselnde, leidenschaftliche Gesicht des geliebten Mannes sehen zu dürfen, so rasend glücklich, wie sie's nie für sich erträumt. Ein rosiger Schleier sank über all die Bitter^ Nisse, die sie vor wenigen Minuten noch geschreckt hatten.

Dem geübten Blick des Frauenkenners, der beim Ein­treten sofort die hohe schlanke Mädchengestalt gesucht hatte, entging das heimliche Glücksleuchten in den dunklen Samt­augen nicht. Es tvar zum erstenmale, daß sie sich ihn: ver­riet, und die beseligende Ahnung, er könne in dieser kühl- stolzen Frauenseele Flammen entfacht haben, die denen in