Ausgabe 
28.4.1906
 
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kameradschaftlich zu wir da dachte ich es ,olL rw gleich fein, selbst wenn sie Dich nur nimmt, weil ihr der Sperling in der tz>and lieber ist als die Taube auf dem T«che Mer ich schweife zu w-eit ab, lassen >vir das ruhen. ,, .

(Fortsetzung folgt.)

Entwickelt den MärchsnsimU

Frühlinq und Sommer sind dem.Elternhause tüchtige Helfer im Erziehen. Sie schaffen draußen im Freien unbegrenzte Mög­lichkeiten zum selbsterst'nnrncn Spiel, und das Spiel ist des Kindes felbstgewaUter und klügster Erzieher, weil es cm freies and gesteigertes Entfalten der Mäste bedeutet. Die Jahreszeit der kurzen Tage verändert diesem Erzieher das Feld; sie kann es ihm nicht ganz draussen im Freien u ehmen, aber sic legt doch den häuslichen Erziehern größere Verpflichtungen zum leiten­den Eingreifen aus. Wie viele Menschen aber mögen es sein, die den Sinn dieser Pflichten richtig erfassen? Wie viele denken wohl daran, das; man gut zum Ziele koinmt, wenn man den som­merlichen Erziehungserlrag unmittelbar ausnutzt. Der Sommer bringt das Kind, das Stadtkind namentlich, nabe an die Natur heran, an die Natur von Feld, Wald, Berg, Baum, Strauch, Halm, Stein, Saud, Getier, an soviel ungezählte Formen und Farben der Natur in allen Größen und Mischungen. Die Welt des Kindes hat sich erweitert, bereichert; kindliche Romantik hat das Neugelernte, Neuersahrene naiv gedeutet unb geordnet. Das ist der Schatz, den das Kind mit in den Winter hin ein nimmt, ein Piund, mit dem der Erzieher arbeiten kann. Arbeiten sollte, wie ein kluger Rechner, aber so selten bewußt zu arbeiten ver­steht! Denn was das Kind da aus dem Sommer, an sinnlichen Natureindrücken als Gewinn seiner Seele mitgebracht hat, das sind die Elemente unserS deutschen Märchenschatzes, Wo. im .Volke der Rätursin» lebendig ist, da lebt die Luft am Märchen, lebt das Märchen selbst. Mit geschärftem Natursinn aber tritt daS Kind in den Winter ein. lind der Winter wiederum ist die Zeit der Bilderbücher, die Zeit des Lesens, des Erzählens, und für so viele Eltern die Zeit der Ratlosigkeit, wie sie den geistigen Hunger ihrer Kinder am besten stillen sollen. Sie stehen selbst dem reichen Angebot des erzieherisch geprüften guten Huchstoffs für die Kindheit ost noch verzagt gegenüber. Aber da fänden sie sie nun ein hilfreiches Mittel, ihrer Verlegenheit zu entrinnen, wenn sie die Bücher vor allem ans ihren Naturgehalt hin wählen würden. Deshalb eben, weil diese Forderung, Natur- gehalt zu geben, sich dort am ursprünglichsten erfüllt, ist es gait, das; sie immer wieder zum alterprobten Märchenbuch greifen, wenn sie nicht ein und aus wissen und gar die Geduld verlieren. Und wir brauchen die Wirkungen unserer alten lieben Märchen heute in Wintertagen mehr denn je, weil die theater- kapitalistische Betriebsamkeit in frivolster Weise die Märckieuueig- nng des weihnachtlich gestimmten Menschen ausbeutet und all­jährlich ungezählten Scharen von Kindern mit ost geradezu bar­barischen Greneltaten den Märchensinn verwirrt und verdirbt. Zwei Stunden lang wird ein falscher flitternder Prunk den Kinder- augcn vvrübergeführt, und vom gesunden, einfachen, uaturdnstig- geheimnisvolleu Herzenswohllaut des echten Märchens ist kaum ein Hauch nnsgesangen. Versuche, die Märchen-Aufführungen aus eilte bessere Bahn zu bringen, sind im Werke, aber es itrirb Zeit brauchen, bis sie der geschäftlichen Spekulation das Feld abgewinnen. Also besteht die Notwendigkeit, auch mit noch an­deren Mitteln Gegenwehr zu üben. Ein gutes Mittel wäre etwa die Einführung von Märchenabenden in großen weihnachtlich ge­zierten Sälen. Dem kindlichen Gemüt entgegenkommende Erzähl­ung, durch Lichtbilder ergänzt, durch das gesungene Weihnachts­lied in seiner Traulichkeit gesteigert, das könnte, von geschicktem Erziehersiun vorbereitet, günstige Wirkungen erzeugen. Ludwig Richter, Moritz Schwind, Otto Spechter, Hans Thoma, Heinrich Vogeler haben vvrgesorgt, dem kindlichen Auge Märchenkunst im Bilde zu bieten. Märchen ku n st! Denn darauf kommt es an, das, was dem kindlichen Geiste geboten wird, aus künstlerischem Quell zu schöpfen, llud, wo solche Mnrchenabeube nicht zu schaffen sind, da gibt es andere Mittel, das kindliche Märchenbegehren zu befriedigen. Das Geld, das der Besuch einer dieser greulichen sogenannten MärchenvorstellungeN kostet, ist tausendmalbesser an­gelegt in einem der Märchenbücher von Grimm, Mchstein, Wider- fen, die, sämtlich mit gutem Bildsckmuck versehen, wohlfeil, zu er­stehen sind, oder auch in einer Reihe Von Märckmbilderbogen, wie sie sich in den Reihen der Stück für Stück nur zehn Pfennig kostenden Münchner Bilderbogen finden. Mögen die Eltern Überall begreifen, daß eine Kulturförderung in dem Mahnruf steckt: Ent­wickelt den Märchensinn!

Wie sag' ich's meittem Dienstmädchen?

Neber dieses Heikle Thema spricht sich eine erfahrene Haus-- frau in der praktischen WochenschriftFürs Haus" wie folgt aus: Es ist für gebildete Frauen furchtbar schwer, die jungen Mädchen auf ihre groben Verstöße aufmerksam zu machen; man fühlt, wie peinlich solcke Zurechtiveistingen empfunden wer­den und schiebt dieselben von Tag zu Tag hinaus.

Natürlich wird die Sache dadurch immer schlimmer, denn unsere Geduld nimmt gewöhnlich bei einer ost ganz geringen Veranlassung ein Ende, und wir weisen das Dienstmädchen in dieser Stimmung gereizter zurecht, als es sonst geschieht. Die Gescholtene erwidert nun ebenfalls gereizt,sie hätte doch bis heute cs nicht anders gemacht, sie Mine aus einmal nichts mehr recht machen zn können" nsw. Ist man aber auf diesem Standpunkt augelangt, so dauert es gewöhnlich nur noch kurze Zeit, bis die Katastrophe, der Bruch, eintritt.

Durch 'Schaden wird man klug. Ich habe mir ein kleines Büchlein angeschafft und in dasselbe alle, auch die drastischsten Verstöße, die ich schon erleben mußte, notiert. Es heißt z. B.: Das Mädchen hat morgens sauber gewaschen und frisiert, das Zimmer zu betreten. Das Waschen an der Wasserleitung (sehr beliebt) ist untersagt. Beim Bringen des. Frühstücks ist oer Morgengruß zn bieten, beim Aufträgen des Mittagessens guter Appetit zu wünschen, vor dem Znbettegehen i)t gute Nacht zu sagen. Für alle' erhaltenen Speisen, ebenso siir alle außer­gewöhnlichen Hilfeleistungen ist zu danken.

Zu in Servieren, Bettenmachen unb Besuchempfangen sind weiße Schurzen nötig, sonst farbige. Ehe man etwas anher dem Hause Holt, überhaupt bie Wohnung verläßt, hat man es zn nielbeit. Klatschereien im Hause oder über bie letzte Herrickait machen keinen günstigen Eindruck. Bei allen Auskünften unb Antworten bleibe man strenge bei ber Wahrheit. Es, ist schöner, etneit großen Fehler, einen Wchenunfäll aufrichtig zu gestehen, als eine falsche Ausrede oder dumme Beschönigung zu gebrauchen. Pünktlichkeit ist eine Hauptsache. Auf alle Anordnungen und Ansprachen seitens der Herrschaft ist Antwort zu geben; man soll nicht sitzen bleiben, wenn man augeiprocken wird. Besuche empfängt man folgendermaßen nsw. ,

Dieses Anstandsbüchlein übergebe ick einem nemuitrelenden Dienstmädchen mit den Worten: Ich bin zwar überzeugt, dast Sie die in diesem Heft enthaltenen Regeln bereits wissen und befolgen, lesen Sie jedoch noch einmal alles durch, damit 'sie nichts davon vergessen oder zu sagen brauchen: das habe ich nicht gewußt. Auf diese Weise erspare ich dem lungeu Dmg ;edes beschämende Gefühl und bringe ihr doch das Wünschenswerte bei.

VesmiMLe».

M D i e preußischen Millionäre. Rach der kürzlich erschienenen Statistik der preußischen ErgäuzimgZsteuer-Ber- anlagung für bie Jahre 1905/07 ist Wiesbaden diejenige preußische Stadt, welche verhältnismäßig bie, meiste n Millionäre in ihren Mauern beherbergt. Aus je 10000 Einwohner kommen dort 20,7 Millionäre. Ebenfalls relativ viele Millionäre wohnen in Frankfurt a. M., 17,9 ans 10 000 Einwohner, Charlottenburg 17,8 unb Bonn 12,3. 5 bis 10 Millionäre unter je 10000 ihrer Einwohner zählen bie Städte Düsseldorf (8,1), Aachen (7.2), Berlin (6,7), Elberfeld (6,1), Köln (5,9), Potsdam (5,4) unb Hana u (51). Alle übrigen selbständigen Stadtkreise können nur weniger als 5 Millionäre unter 10000 ihrer Einwohner aus- weisen; Königshütte, Kattowitz, Schweidnitz, Oppeln und Insterburg besitzen überhaupt keine so seltene Menschen. Absolut genommen ist bie Zahl der Millionäre in Berlin (1308) natürlich am größten; es folgen Frankfurt a. M. nut 584, Charlottenburg mit 381, Köln mit 255, Wiesbaben nut 208 Düsseldorf mit 193, Breslau mit 161, Magdeburg unb Hannover mit je 107, Bonn mit 101 unb Aachen mit 100 Millionären. Die übrigen Stadtkreise haben weniger, mS 100 Millionäre ausznmeisen, einige zählen, wie schon gesagt, überhaupt keine. In den selbständigen preußischen Stadt­kreisen wohnen 5510 Millionäre, während ans dem Lands 1899 gezählt tumben.

»Der Bräutigam im Käfig. Daß es den amerila- uitcheu Männersitteu selbst in den gebildeten Ständen maiich- mal nicht an einer gewissen, dem Europäer iinverstanblichen Brutalität fehlt, davon legt ein Vorgang Zeugnis ach ber sich, wie man uns aus Newyork berichtet, vor wenigen-vagen in New-Carlisle im Staate Ohio ereignete. Dort hatte sich ein gewisser Mr. A. M. Snyder mit einer Miß Emma Gribbling ans Cincinnati verheiratet, ohne fernen Klub- genossen er gehörte einem Juiiggeselleuklub an -- davon Mitteilung zu machen. Als sie davon hörten, bcsichwsfen lie, sich zu rächen unb sie führten diese Absicht aus eine zwar originelle, aber recht rohe Weise aus. Sie mieteten etneit großen Tierkäsig, luden ihn auf einen zweispämugen Wagen und fuhren damit vor das Kontur des armen, ahtutttgslofen Mr. Snyder, Trotz seines heftigsten Widerstandes über-