Ausgabe 
28.4.1906
 
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1906

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Mittellose Mädchen.

Roinan von H. E h r Hard t.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Sie hat vor kaum einer Stunde eine Depesche be­kommen, eine Todesnachricht von einem Bruder, da ist sie Hals über Kopf weg."

Sie hatte nun glücklich ihr Taschentuch gefunden und wischte ein paar heuchlerische Tränen von ihren Wimpern.

Also deshalb das arme Ding!" dachte Trautendorf, ohne eine Miene seines Gesichtes zu verändern.

Fran von Brockhaus' Worte waren ihm nun ganz klar, unheimlich klar war auch ihm, daß diese Todesnachricht zu rechter Zeit gekommen war. Mit hochmütiger Fassung sprach er ein:

Ach, wie bedauerlich! Meine Empfehlungen den Herr­schaften,' unter diesen Umständen möchte ich keinesfalls |töT6n.//

Dann schritt er straff aufgerichtet die Treppe hinab. Tie kleine Zofe, deren Tränen schnell getrocknet waren, sah ihm kopfschüttelnd nach. Tas war nun schon der zweite heut, der im Helm angerückt ivar und zuerst nach Fräulein Meridies gefragt hatte. Was das zu bedeuten hatte, wußte das gewitzigte Mädchen ganz genau. Sie wunderte sich nur, was eigentlich ent diesem kindischen, blonden Ding so un­widerstehlich war, daß die Männer sich alle so um sie hatten, trotzdem sie keinen roten Heller besaß.

Nach einer Viertelstunde hatte sie Gelegenheit, noch einmal den schwarzen Kopf zu schütteln, denn da brachte ein Laufbursche, der sehr erhitzt und sichtlich schuldbewußt aussah, einen Strauß für Fräulein Meridies, der von der Gnädigen" mit einem:Machen Sie damit, was Sie wollen, Betty", zurückgewiesen wurde und demgemäß in dem kleinen Mansardenstübchen der Zofe duftete und ver­welkte.

14,

Als Fritz Trautendorf auf die Straße trat, ivaudte sich sein Blick fast mechanisch nach deut Ziffernblatt der Tnrm- uhr und ein unendlich bitterer Zug lagerte sich um seinen hübschen Mund unter dem flotten schwarzen Bärtchen.

Die Uhr zeigte acht Minuten nach ein Uhr. Und diese wenigen Minuten schienen ihm wie lange Jahre voll Schmerz und Enttäuschung, die in ihrer Schwere fein Haupt gebeugt hatten.

Also betrogen! Betrogen gerade da, wo er zum ersten Male fein ganzes Herz gegeben hatte.

Er, dessen Glück bei beit Frauen ein förmlich sprichwört­liches war, dem Jede sich freudig in die Arme geworfen hätte. Neben feinem Schmerz um Suses Verlust bäumte sich auch noch die Eitelkeit empor und streute ihr ätzendes Gift, in die blutende Wunde. Eine maßlose Aufregung ^Herrschte ihn und trieb ihn vorwärts. Um etwaigen

Bekannten auszuweichen, verließ er das Innere der Stobt und nahm den Weg in der Richtung nach dem Stadtteiß der Industrie und des Proletariats.

Es begann seinsprühend zu regnen. Ter Märzwintz wehte eisig. Er ging immer weiter. An hohen Mietskasernen vorüber, ans deren kahlen, schmutzigen Fenstern die Armut grinste, ans deren .Kellerwohnungen Grünzeugladen und! Destillen ihre ekelhaften Gerüche den Passanten entgegen-! hauchten. Verwahrloste Kinder, die im Rinnstein nach irgend welchen Schätzen suchten, starrten ihn offenen Mundes an, ein kleiner Knirps, rotgefroren nnd zerlumpt, zog die schmierige, mottenzerfressene .Krimmermütze. Der junge Offizier dankte mechanisch. Tie anderen Kinder kicherten wie über einen guten Witz.

Hin und wieder tat sich zwischen den hohen Häusern' ein weiter Fabrikhof auf, ziegelrote Gebäude lagen ver- räuchert und mißfarben unter dem grauen Regenhimmel. Innen fauchten und zischten die Dampfmaschinen, klapperten die Webestuhle, pochten die Hämmer. Aus den hohen Schloten wälzten sich schwarze Rauchwolken, die Lust verfinsternd und verpestend. Arbeiter in blauer Bluse begegneten dem ruhelos Weiterwandernden, rückten widerwillig, aber doch mit dem ihrem Blute eingeimpften Respekt vor der Uni­form, die Mütze, Fabrikmädchen, blasse, müde Geschöpfe! mit frechem, frühreifem Gesichtsansdruck, blickten dem hüb­schen, düster dreinschanenden Offizier ungeniert nach, stießen sich mit dem Ellenbogen und tauschten flüsternde Vermut­ungen. Was der hier in der Vorstadt wollte?

1 Das wußte Trautendorf selbst nicht, er folgte dem in­stinktiven Drange, dem auch das Tier folgt, das sich mit seiner Todeswunde in den verstecktesten Winkel schleppt. Auch in ihm starb ja etwas, in ihm wand sich die ver­ratene Liebe im Todeskampf. Nicht einen Augenblick kam ihm zunächst der Gedanke, daß Suse vielleicht gar nicht so schuldig war, als cs ihm schien. Er vergaß der vielen Beweise ihrer Liebe, die sie ihm in ihrer kindlichen Im­pulsivität so offenkundig gegeben, und in denen er einen ganz besonderen Reiz ihres Wesens gefunden hatte, er dachte nur an Fran von Brockhans' Worte, daß er ihr ein will­kommener Teckmantel für ihr sündiges Verhältnis zu dem Vetter" gewesen.

Frauen handeln in solchen Fällen anders; sie werden nicht nur lausend Entschuldigungen und stichhaltige Gründe für ein sie verletzendes Verhalten des geliebten Mannes finden, sie suchen auch in der Vergangenheit nach jedem Wort, jedem Blick, jeder Zärtlichkeit, die ihnen Liebe und Treue bewiesen, und schöpfen daraus Trost und Hoffnung, und das alte Vertrauen. Melleicht verurteilt der Mann deshalb so rasch, weil er das Leben genauer kennt, weil er in Schmutz und Tiefen desselben gesehen hat, ja vielleicht hinabgestiegen ist, an denen der Kleidersaum einer reinen' Frau nicht einmal vorüberstreifen sollte. Und Suse, seine kleine, kinderhafte Suse hatte den Saum ihres weißen Ge­wandes so häßlich befleckt.