Ausgabe 
28.3.1906
 
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Gefängnis. Aber es schien Leben in diesem Gefängnis. Im ersten Stock stand ein Fenster auf. Man sah Palmengrun und eine hohe Callas; dahinter mußte jemand am Klavier sitzen: eine frische Frauenstimme sang das Auftrittslied der Carmen. , . . o ~

Mit klopfendem Herzen schlich sich Heros in das Haus. Kein Mensch begegnete ihm. Es war alles wie früher: er wußte Bescheid. Die breite ausgetretene Stcintreppe hinauf rind dem langen Gang mit dcii verdunkelten Oelportrats rechts hinab. Dann durch das erste und zweite Zimmer, uiid nun stand er auf der Schwelle vor der Sängerin . . . Sie sah ihn nicht, sie sang weiter. Auf einmal rauschte es über ihr: eine Schwalbe hatte sich verflogen, war durch das offene Fenster geflattert und strich mit unruhigem Fliigel- schlage dicht über ihr rotes Haar dahin. Da schaute sie empor und sah auch Heros.

Sie schrie leise auf rind griff mit der Hand nach dein Herzen. Aber da stand Heros schon neben ihr, iimfaßte sie und küßte sie sanft.Meine Freda", sagte er,die Schwalbe bringt Glück herein, ich will es halten. Denn nun halte ich Dich und halte Dich fest, und Du sollst mir nicht mehr mit scheuer Gebärde in den Winkel flüchten, angstvoll, als sei ich der Versucher, und Deine Seele mit Sünden be­laden"

Heros, ist sie es nicht?!" . . . rief sie, aber sie blieb in seinem Arm und schaute ihn leuchtend an.Ach Heros, ich kenne mein Herz. Vielleicht hätte ich doch nicht den Mut gefunden, seiner Tyrannei zu entfliehen, hätte in mir sich nicht mit der Liebe auch neue Hoffnung geregt. Und da begann der wilbc Streit in mir: tat ich recht oder unrecht? Kann er nicht immer noch sagen: sie ging von mir um seinetwillen?!"

Lieb, ich bringe Dir etwas mit: einen Brief, den ich vor einigen Tagen erhielt. Er kommt von weit her und erschrick nicht vor der Handschrift. Das, was darinnen steht, klingt wie ein Gruß der Versöhnung. Ich bin von härterer Struktur als Du; ich hätte auch diesen seltsamen Gruß gern entbehrt. Aber ich denke, Deiner weicheren Natur, die heute himmelhoch jauchzt und morgen ein mystisches Versenken liebt, wird er tröstliche Linderung sein. Lies! . . ."

Der Brief kam von Frehlinghaus. Freda las: Friedensburg bei Mikatschene in Usambara, 27. 3.

Um diese Zeit muß die Scheidung meiner Ehe rechts­kräftig werden. Dazu gratuliere ich iit erster Reihe Dir, lieber Heros. Du wirst Freda heiraten, und ich glaube wohl, daß sie bei Dir das Glück finden ivird, das ihr an meiner Seite fehlte. Ich wünsche es ihr von Herzen nicht als fagon de parier, denn die Phrase verlernt mmt hier unten, sondern aufrichtig. Ich hatte Dir vor meinem Adieu aus Berlin eine Kugel zugedacht; ich habe es mir rechtzeitig anders überlegt. Rache ist süß, aber sie muß zu irgend etwas nütze sein. Außerdem würbe Freda sich um Deinetwillen zu Tode gegrämt haben. Das hätte mir leid getan. Sie haßt mich, doch nicht ich sie. Als sie mir davon gelaufen, habe ich mir sogar eingebildet, ich hätte sie wahnsinnig geliebt, und diese merkwürdige Einbildung scheint Türen in meiner so­genannten Seele geöffnet zu haben, die ich sonst fest ver­schlossen hielt. Schiffbrüche kommen immer vor. Mir ist, als hätte ich mir aus dem meinen doch einiges retten können. Hier sitze ich nun fest. Ich habe Land, dreimal mehr wie Euer Fürstentum vor der Mediatisierung, und darauf bin ich der Herr. Das Bücken bei Hofe würde mir schwer fallen, sollte ich noch einmal nach Europa zurückkehren. Aber daran denke ich vorderhand nicht.

Leb wohl und grüße mir Freda. Vielleicht, daß sie mit der Zeit auch ihren Haß vergißt.

Eugen Frehlinghaus."

Gedankenvoll gab Freda den Brief zurück.Ich hasse nicht mehr, da ich liebe,'' sagte sie leise.

So ist es recht, Freda!" rief Heros und strich zärtlich über ihr Haar.Die Rache ist unnütz, schreibt Frehlinghaus, aber wahrhaftig auch der törichte Haß. Der Vorhang ist gefallen, der nene Akt hebt an. Freda, heute ist Dein Wiegen­

fest. Ich bringe kein Geschenk mit, nur etwas Nötiges* Er nahm zwei goldene Ringe aus der Westentasche, steckte den einen sich selbst an und den näheren, den er küßte, an FredaS Finger . . .Wir haben zusammen gelitten, Du und ich und einer um den andern, das hat unsere Liebe gefestet. Die Sonne ist wieder da, Freda Du sollst auch wieder lachen lernen. Sollst auch weiter singen, wenn Du willst, freilich nicht vor der Oeffentlichkeit, sondern nur vor mir, und ich werde glücklich fein, wenn ich Deine liebe Stimme höre. Schau mich ein, Freda: ich sehe, die tragische Muse flieht unb, der alte Schelm guckt wieder aus Deinen grünen Fenstern; ich sehe, auch die Lippen sind wieder blühend geworden und werben küssen können wie an der Buchtung am See, da der Fink schlug. Freda, Dir meine rote Braut mit den glasgrünen Guckern, um des Farbenspiels halber werben wir auf unserem Spaziergange am Nachmittag unten im Walbe den blauen Schleier wehen lassen. Den habe ich mitgebracht; uralter Aberglaube wachte auf ich habe ihn auf meinem Herzen geborgen, denn er sollte mir Glück bringen. Und also geschah cs."

Stürmisch warf sie sich an seinen Hals.Komm mit zur Mutter!" rief sie.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Der Kamps gegen das Duell vor 200 Jayr e u. Nin 24. Februar werben es 200 Jahre sein, daß der Kurimit von Hannover, Georg Ludwig, ein beachtenswertes Edikt gegen bas Duell gab, bas in unseren Tagen ganz besonderem Interesse be­gegnen wirb. Er sagt darin, daß ermit ganz ungnädigem Mip- salleu" vernehme, wie das Duell bei seinen Truppen, tellv aus ohnzieinlich.m Ehrsucht" teils nu§ Gewohnheit bocl^ wieder sehr entreiße, darum gebiete erUnseren Oistzieren und Lolbaten, dap sie sich alles Querelierens, Aussordern und Duellierens gantzttch enthalten sollen." Die Behörden fordert er aus, daß i>e aus solch verbotenes Balgen unb Schlagen unddessen Aniangern, Boll- iührer, Heller nnb Beförderer fleißige Acht haben, dieselben, wann sie betroffen werden, sofort in Arrest und gesangliche Halt nehmen laffen". Bleibe einer von den Duellanten tot am dem rmnips- platze, so solle die Leichedurch die Henkersknechte nach der schmd- grube und zu unehrlichem Begräbnis, der Täter aber sofort nach gehaltenem Standrecht und Besiubeu vom Leben z>tm Tode ge­bracht werben". Auch die Sekundanten sollen zu gebührlicher Strafe gezogen werben. Im Jahre 1719 hat Georg Ludwig (König Georg von England) wieber mitungnädigstem Atmtauen vernommen, daß doch wieder gegen das Duellverbot gesündigt werbe, schärft es abermals ein und vermehrt es. Darnach soll Trunkenheit nicht mehr als Ausrede gelten, ionbevn_ vielmehr die Strafe verschärft werden, wenn die Beleidigung, auf welche ba-o Duell folgte, im Rausch geschah. Wenn einer beleidigt sei, solle er sich unverzüglich beim Kriegsgericht melbcn. Fordert eurer zum Duell, so soll er, falls bas Dliell nicht staitstndet, wenn er Omper ist, drei Atonale auf Schilbivache mit Musketier-Gage gehen, wenn er Unteroffizier ober Gemeiner ist, für drei Monate nach Hameln ins Gefängnis ober nach deut Kalkberg in Lüneburg >v andern. Diese Strafen solleir verdoppelt werben, wenn das Duell statlsinbet» aber uubülliq verläuft; bei einer ungejährlicheu Verwilubnug ist die Strafe noch 3 Monate zu verlängern. Der König will darauf steif unb veste halten, damit die höchstverpönte Duella' endlich verschlviiide. ,

* Ein Ballkleid aus Marken. Ein eigenartiges Ballkleid wurde kürzlich, wie eine englische Zeitschrift erzählt, auf einem Balle in Bermuda getragen. Sein Schmuck bestand aus 30 000 Briefmarken; aber diese Marken waren nicht nach Belieben aufgesetzt, sondern ergaben ein bestünuues Muster Die Taille zeigte vorn einen Adler, der im wesentlichen au5 braunen kolnmbischen Marken gebildet war. Der Adler hielt in seinen Fängen einen Erdball aus sehr allen blauen Marken, und zu beiden Selten sah inan das amerikanische Sternenbanner mit den Streifen airS roten und blauen Marken. Der Rücken der Taille war in Form eines L-chudes dekoriert, der ans einer Sammlung ausländischer Marken zusammengesetzt war und in seiner Mitte ein Porträt zeigte. Auch der große Hut, der zu diesem Ballkleide getragen wurde, war mit einem hübschen Muster aus roten und blauen Marken bedeckt. .

** Ein deutscher Kolouia lstaat des Mittelalters. Zn einem Augenblicke, da der südarnerikanische Freistaat Venezuela sovick Aufmerksamkeit aus sich zieht, ist es gewiß vou besonderem ^Merefie, sich zu erinnern, daß die von Herrn Castro nach fo, eigenartigen Grumgatzen verwaltete und nach außen vertretene Republik einst ein deutscher ftoloinal« ftaat war. Hierüber sprach am 5. Februar in der Abteilung Berlin der deutschen Kolonialgesellschast im großen Saale der Kriegsakademie der bekannte Staatsrechtsgclehrte und Geschichtsprosessor Dr. Kekule von Stradonitz aus Grum> tanger, eingehender Studien in einem auderha.v» stündigen Vortrage, dessen Thema lautete:Das kolonialeiluter nehinen der Welser in Venezuela im 16. Jahrhundert." Dr. vo? Keime