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tiefte sich, wohlgefällig mit dem ergrauten Kopf nickend, in die eingehendere Betrachtung der Arbeit.
In Ruths Gesicht hatte ein Zug freudiger Erleichterung die nervöse Spannung der letzten Tage abgelöst. Sie vermochte nicht, dem alten Mann überschwänglich zu danken, als sie sich nach ein paar Minuten von ihm verabschiedete, aber er sah ihr an, welche Last er hilfreich von diesen junge» Schultern genommen hatte. Sie tat ihm aufrichtig leid. Er war einer von den wenigen, die ermessen konnten, durch welche Kämpfe sich diese stolze, junge Mädchenseele hindurchgerungen hatte, ehe sie gelernt, sich zu bescheiden.
Schon als sie mit feiner nun bereits verheirateten Tochter zur Schule ging, hatte er sich für das begabte Mädchen lebhaft interessiert, dessen höchster Wunsch es damals Ivar, eilte große berühmte Malerin zu werden. Er ahnte den Hemmschuh, der sie ihr Ziel nie erreichen lassen würde. Wo hätte der Amtsgerichtsrat auch die Mittel her- nehmen sollen, das Talent seiner Tochter ausbilden zu lassen? Als sie erwachsen war, hatte auch sie höchstens noch mit einem Lächeln von ihren Kinderträumen gesprochen. Hub doch dachte sie auf ihrem einsamen Heimweg mit qualvoller Sehnsucht dieser Kinderträume. Wenn sie es wenigstens soweit gebracht hätte, daß sie hätte Malstunden geben können. Es wäre doch eine geringe Sicherheit für die Zukunft. Wie klein und bescheiden das Schicksal sie doch gemacht hat. Sie hatte gedacht, mit ihrem vielfach a»gestaunten Talent einmal über der Menge zu stehen, und nun war sie ein Herdentier geworden, eine wie Viele, die froh gewesen wäre, hätte sie die Zahl der schlecht bezahlten Mallehrerinnen der kleinen Stadt um eine vermehren dürfen.
Es ist eine doppelte Qual für sie, als sie zwei Tage spater den lebhaften Neußerungen des Staunens und der Bewunderung, mit denen der vornehme Besuch nicht kargt, standhalten muß. Die Geheimrätin, eine aut konservierte Fünfzigerin mit rosigem Antlitz unter weißen Wellen- scherteln, die imposante Gestalt in ein Jetüberschüttetes schwarzes Seidenkleid wie in einen Panzer gezwängt, wundert sich ein über das andere Mal, woher die Nichte dieses unglaubliche Maltalent habe und kann sich nicht darüber beruhigen, wie man solch ein Talent brach liegen lassen
„Ich bitte Sie, bester Vetter, es ist ein wahrer Jammer." Ter Amtsgerichtsrat kneift herbe die Lippen zusammen und Ruth kommt seiner Antwort zuvor, indem sie möglichst leichtherzig sagt: yl
„Tu überschätzest wohl meine Pinselei, liebe Tante! Ich bin nebenbei keine Freundin der malenden Frauen, ich meine tont solchen, die das als Berus auffasseu. Um liebe Menscqen gelegentlich zu erfreuen, leiste ich auch so genug und mehr will ich auch nicht."
Die Geheimrätin zuckte nur die Achseln, sie begriff das nicht. Es war eben die Kleinstadt, die Enge, die so sprach. Sie entwarf darauf lockende Schilderungen von ihrem Berliner Leben und protzte gutmütig liebenswürdig mit ein paar Künstlerberühmtheiten, die in ihrem Salon verkehrten, worauf die Tschter geringschätzig die Lippe verzog und sich nn Suse wandte mit der Frage, ob sie gern mit Leutnants tanze. Tie stieß fast einen Schrei aus. So eine Frage. Sie hatte zwar noch mit keinem getanzt, aber es war für sie doch der Inbegriff der Wonne.
Tie magere, blasse Hauptmannsfrau überlegte ein Weil- chen, die hübsche Cousine ungeniert musternd. Sie war mcht gerade hervorragend menschenfreundlich! veranlagt, zum mindesten viel weniger gutmütig und impulsiv als ihre Mu^er, aber fie empfand doch eine liebenswürdige Agusch gegenüber diesen glänzenden, erwartungsvollen Madcheuaugen. Sie dachte, wie reizlos sie selbst gewesen und wie sie doch ihre Jugend genossen hatte.
kleine Schönheit würde zwar eine schlechte Folie bubeii für ihre eigene Unscheinbarkeit, aber man würde ftch m der Gesellschaft tont N. gut mit ihr einführen. Tie Leutnants würden um sie herum fein, wie die Fliegen ben Zucker, fie kannte das. Und wenn man selber nicht Balllonigui fein konnte, war es noch nicht das schlechteste, Ballmutter bet einer solchen zu spielen. Tie Geheimrätin, welche fie in einem M,gestörten Moment zu Nate zog, redete nur zu: 0 d'
„Natürlich, matt müßte für die Mädchen etwas tun, es war wirklich beschämend, daß man sich um so nahe
| Verwandte nicht eher gekümmert hatte. Ihr wäre ja die i Ruth sympathischer als der Irrwisch, die Suse--"
Ta lachte die Tochter trocken.
„Tas ist nicht Leutnantsgeschmack, die paßt vielleicht für eilten Deiner Berliner Künstler."
„Warum nicht!" gab die Geheimrätin ruhig zurück, „wenn ich sie mir erst hier heraus hätte, aber mir scheint, das wird schwer halteii."
Und sie hatte Recht. Ruth fort? Nein, baS' war einfach unmöglich. Ein Sturm des Schreckens erhob sich, den Ruth lächelnd beschwichtigte. Sie dankte der gütigen Tante vielmals für ihre liebenswürdige Absicht, aber sie wag wirklich ganz unabkömmlich. Bei Suse war es etwas anderes. Tie Mutter wagte zwar klüglich die Toilettenfrage ins Treffen zu führen, aber der Wildfang fiel ihr frcude- fthluchzeud um den Hals, und da Ruth ihr im selben Moment ermutigend zutrickte, sagte fie zu allem Ja und Amen. Tie Entscheidende war ja doch Ruth.
So schien auch der Amtsgerichtsrat zu denken, der bei der ganzen stürmischen Erörterung wortlos daaefesfen hatte, und als mau, sich endlich besinnend, auch seine Erlaubnis einholen wollte, nur ein mürrisches „Meinetwegen" brummte.
So gab’S auf einmal eitel Sonnenschein in Suse Me- - ridies Leben. Sie war rein wirbelig vor Freude. Kasiuo- bälle, Maskenfeste, Schlittenpartien, Leutnants, einer immer fescher wie der andere, von etwas anderem sprach sie überhaupt nicht mehr.
Heinz tippte bann sehr bezeichnend mit dem Finger an die Stirn und meinte, mehr treffend als liebenswürdig: „Wenn der Mensch verrückt wird, wird er's zuerst im Kopfe", worauf Suse ihm eine Ohrfeige gab und sich in die schönste, einer Kasinoballbame aber sehr wenig würdige Keilerei mit dem Bruder entließ.
(Fortsetzung folgt.)
Dem Wahren, Gdlm, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. " (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Die trafen regelrecht ein und lauteten stetig beruhigender. Eines Tages hatte Freda von selbst nach ihrer Mutter verlangt, und vor kurzem war der erste eigenhändige Bries der jungen Fran an die Adresse Arensteins gelangt. Freda bat, Heros möge ihren Geburtstag in Bisingen verleben.
Jubel im Herzen reifte Heros ab. Er traf am späten Abend im Städtchen Bisingen ein und stieg in demselben kleinen Gasthof ab, in dem einst Frehliughaus eine schreckliche Nacht verbracht hatte; er erhielt das gleiche Zimmer, und wie jener, so stand auch er lange, lange vor dem grün- glasigen niedrigen Fenster und schaute über die mond- umsiossene Landschaft hinauf nach dem asten Schlosse. Und wie damals, so hielt auch am nächsten Morgen die große Kalesche mit den dicken Percherons vor dem Gasthof, und wieder versammelte sich ganz Bisingen, den theatralischen Federhut des Jägers anzuftaunen, der den Kutscher begleitet hatte, um nach Stand und Nücksicht den Wagenschlag zu öffnen, wenn Seine Durchlaucht ein- ober auszusteigen beliebe.
Aber die Fahrt, die Serpentinen hinauf nach dem Schlosse, machte Arenstein ungeduldig. Es roch auch dumpfig in dem geschloffenen alten Kasten, teils nach vorsichtig aus- geftreutem Mottenpulver, teils nach vergangenen Zeiten. So sprang er denn hurtig aus dem Wagen, ließ die zottigen Percherons weitertrotten und eilte auf allerhand, den Fahrweg abkürzenden Seitenpfaden, die er noch aus der Kinderzeit her kannte, quer durch das Tannengrün den Schloßberg hinan. Daß es ein wundervoller Tag war, mit licht verschleiertem Himmel und zarter Goldpunktierung ans den Baumstämmen, mit fröhlichem Vogelsang und huschenden Eidechsen unter dem Geröll: das stimmte ihn hoffnungsfroh.
Er war weit früher im Schloßhofe als die Percherons. Hier kannte er jeden Stein. Auf drei Seiten stieg das alte Mauerwerk auf, grau und mit abgefallenem Putz, wie ein


