1906
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WitLettoke WüdÄelt.
Roman von H, Ehrhardt, (Scacbdruck verboten.) (Fortsehung.)
Sie hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt. Ihre großen, traurigen Augen sahen ihn beschwörend an. Er senkte deir Kops. Er war jetzt sehr rot geworden.
„Na, ich will's ja nicht wieder tun!" versprach er endlich halb widerwillig. Sein Trotz schien gebrochen.
Trotzdem verließ Ruth ihn in großer Unruhe. Seine aufrührerischen Worte klangen in ihr nach. Die Gesinnung, die er damit verraten, war in dieser Stunde nicht ausgelöscht wordeu, sie tvürde mit ihm wachsen, ihm endlose Kämpfe, tausend Demütigungen bereiten, denen er entgehen würde, hätte er Charakterfestigkeit genug, stolz über der kleinlichen Alltagsmisere zu stehen.
In ihre schmerzlichen Gedanken platzte Suse, aus der Klavierstunde kommeud, mit der Nachricht, daß Hans Klausen soeben mit einem Niesenkoffer auf den Bahnhof gefahren sei.
„Angesehen hat er mich, als ob er mich fressen wollte, so ivütend. Wer weiß, was ihm über die Leber gekrochen ist. Na, ich hab' ihm eine Fratze geschnitten zur Revanche, an die wird er noch lange denken. So!"
Und sie verzog ihr hübsches Gesichtchen zu einer weg- lverfenden Grimasse, die jeder Eitelkeit Hohn sprach.
„Etsch!" sagte sie dazu und war schon wieder aus der Tür, ehe Ruth noch ein tadelndes Wort hervorbrmgen konnte.
Beiin Nachmittagskaffee wicrde Nansens plötzliche Abreise von Suse und der Mutter noch eingehend besprochen. Es war doch ein Ereignis, das der kleinen Stadt viel Stoff zur Unterhaltung bieten würde.
Irgend etwas steckte sicher dahinter. Mair erzählte sich, daß er monatelang wegbleibeu würde, und das war doch höchst befremdlich, rrachdem er beu alten, schon recht ge- schäftsmüden Vater eben erst die Leitung der flottgehendeir Fabrik abgerrommen hatte. Was mochte ihn nur forttreiben?
Ruth beteiligte sich nur sehr spärlich an der Unterhaltung, die ihr zur Qual wurde. Sie glaubte nebenbei zu bemerken, daß die Mutter uoch unruhiger uub enttäuschter aussah, als sonst, und das verschärfte ihre Pein. Ahnte sie etwas oder hatte sie von Hans Klausen etwas erhofft?
Tas Mädchen hielt es endlich nicht mehr aus, diesen verängstigteil Mutteraugen gegenüber. Sie flüchtete airf ihr Zimmer. Tort setzte sie sich tut Dämmern ans Fenster und starrte auf die matt erleuchteten Fenster des Hinterhauses. Nicht lange. Eine neue Sorge trieb sie empor. Sie zündete hastig eine kleine Lampe an und zog sich einen Stuhl zu deut schinaleit Tisch au der Wand, der allen mög- .ichen Zwecken, auch dem als Schreibtisch diente.
Aus der kleinen verschlosseneit Schublade nahm sie ihv Wirtschaftsbuch und ein Pappkästchen, dessen Inhalt sie ausschüttete. Es waren 70 Mark in Goldstücken. Ihre schönen Augett irrten zu dem Kalender auf dein kleinen Bordbrett. Ec zeigte erst den 12. Januar. Selbst unter normalen Verhältnissen wäre e8 eine Unmöglichkeit, mit dieser Sunune bis zum nächsten Monat auszukvmmen, geschweige denn, wenn ein Besuch in Aussicht stand. Tie beherrschte Ruth fühlt eine förmliche Wut tu sich aufkochen gegen diese adlige GeheimratStante, die aus ihrem glän- zeuden Berliner Heim heraus so plötzlich iu ihrem armseligen Dasein anftanchte und es ganz selbstverständlich finden würde, wenn man sie mit recht viel Umständen! aufnehme. Wozu brauchten die reichen, vornehmen Verwandten, die sich jahrelang nicht um die Mutter gekümmert hatten, überhaupt erst zu wissen, wie jammervoll sich das: einstige Fräulein von Lylow durchs Leben schleppen mußte, das sich mit ihrer Schönheit einst das glänzendste Los hätte erobern können.
Ein heißes Erbarmen für die abgehetzte, verhärmte Mutter treibt Tränen in Ruths dunkle Augen.
So weit cs in ihrer Macht stand, sollte den Fremden die häusliche Misere verborgen werden in oer kurzen Zeit, die sie hoffentlich ihrem Besuche zumessen würden.
Zwar ist ihre Kasse durch die Hilfe, die sie ihrem Bruder Karl gewährt hat, erschöpft, aber sie kennt doch einen Ausweg, eiucu einzigen, der ihrem Stolz nicht leicht wird, beu sie aber dankbar als Rettungsauker ergreifen muß.
In der Dämmerstunde des nächsten Tages schlüpft sie zu dem ersten Buchhändler des Ortes, der nebenbei ein wenig Knnstmäcen ist und sich für Ruths Maltaleut von jeher lebhaft interessiert hat. Sie will ihm ein paar kleine Malereien, die eigentlich zu Geschenken bestimmt waren, zum Verkauf bringen. Sie hat es schon einmal getan, damals, als es galt, die Eauipierttng Karls zu beschaffen und sie nicht den Mut gefunden hatte, dem Vater die ganze Summe, die dazu nölig gewesen war, zu nennen.
Ter alte tveißbärtige Herr empfing sie in seinem Privatkontor mit seiner gutmütigen vertraulichen Liebens- würdigkeit, die ihr über das Peinliche ihres Anliegens hinweghalf, indem er ihr sehr erfreut cntgegenkam und gleich fragte, ob sie ihm wieder etwas hübsches bringe.
Tie Blumenstücke, die er damals einem ihm befreundeten Kttnsthündler in Breslau zugesandt hatte, waren sofort vergriffen gewesen und er würde sicher sehr gern 1 triebet ähnliche Sachen übernehmen. Ein wenig zaghaft packte sie ihre Arbeiten ans, ein paar kleine Landschaften, bereit zarte Farbenstimmung ihr sehr gut geglückt war, uub ein etwas idealisiertes und doch sprechend ähnliches Porträt ihres Lieblings Walter, von dem sie sich schwer trennte, das aber, wie sie schon im voraus gefühlt, den besonderen Beifall des alten Herrn fand, der meinte, gerade dieser „Stndien- kopf" würde sicher sehr gut verkäuflich sein. Und er per-


